Hundert Franken sind viel, das ist etwas anderes, als verbotene Süssigkeiten zu stehlen – ich kann Ihren Ärger und Ihre Enttäuschung nachvollziehen. Sicherlich möchten Sie Ihrem Sohn klarmachen, dass das keinesfalls wieder passieren darf. Er darf weder Ihnen noch andern Menschen Geld wegnehmen! Umso besser, dass Sie sich Rat holen.

Wenn Kinder ihre Eltern bestehlen, dann geht Vertrauen in die Brüche. Vertrauen, dass das Kind (Besitz-)Grenzen respektiert. Vertrauen, dass man im eigenen Zuhause sein Geld nicht schützen muss. Für ein Kind ist es zwar naheliegend und einfach, seine Eltern zu beklauen, weil ihr Geld meist leicht zugänglich ist. Dennoch passiert das nicht ständig. Kinder im Alter von elf Jahren haben durchaus funktionierende Moralvorstellungen. Und wenn auch das Wegnehmen kleiner Dinge noch als Kavaliersdelikt gelten mag, so fallen hundert Franken sicher nicht mehr darunter.

Weshalb nun hat Ihr Sohn Sie bestohlen? Es gibt immer Gründe, Geld haben zu wollen, etwa Geldnotstand oder ein begehrtes Spiel. Aber wenn Kinder ihren Eltern Geld nehmen, schwingt auch ein Beziehungsaspekt mit. Das gegenseitige Vertrauen wird durchbrochen und vom Kind ersetzt durch etwas in der Art: «Ich nehme mir nun, was meine Mutter, mein Vater mir nicht gibt, was ich aber haben möchte und irgendwie auch zugute habe!» Es versucht also, einen erlebten Mangel gutzumachen. Was könnte es nun sein, was Ihrem Sohn in seiner Wahrnehmung zurzeit von Ihrer Seite fehlt? Wirft er Ihnen vielleicht vor, ihm die intakte Familie, den Vater weggenommen zu haben? Oder haben Sie im Augenblick wenig Zeit und Verständnis für ihn? Gibt es andere mögliche Gründe? Es ist wichtig, sie zu verstehen, damit man darauf eingehen kann und beim Kind nicht einfach das Symptom Stehlen bekämpft.

Wenn wir uns also überlegen, wie Ihr Sohn die Tat wiedergutmachen kann, geht es gleichzeitig darum, ihm klarzumachen, dass Sie seine Beziehungsbotschaft erhalten haben. Nicht genügend erscheint mir deshalb, einfach auf einer Rückzahlung zu bestehen – da steht nur das Geld im Fokus. Als unpassend erachte ich auch Strafen wie etwa Hausarrest oder das Streichen von Fernsehzeit. Das würde sein Gefühl «mir fehlt etwas, was mir zusteht» noch verstärken.

Ich schlage deshalb ein mehrstufiges Vorgehen vor. Zum einen soll Ihr Sohn Ihre Wut und Ihre Enttäuschung mitbekommen. Das geht am besten über Worte und Erklärungen. Dann muss die finanzielle Seite in Ordnung gebracht werden, und da ist es – vor allem wenn das Geld bereits ausgegeben ist – gut, eine verträgliche Lösung zu finden. Zusätzlich dazu sollte nun eine Aufgabe für Ihren Sohn installiert werden, die der Wiedergutmachung dient, aber gleichzeitig auch den Beziehungsaspekt berücksichtigt. Je nachdem, was Sie bei Ihrem Sohn an Gründen verstanden haben, kann das sehr unterschiedlich sein. Braucht Ihr Sohn mehr Aufmerksamkeit, mehr Familiengefühl, mehr Verantwortung? Passen Sie die Aufgabe Ihren Überlegungen an und suchen Sie kreativ nach Ideen! Wichtig ist, dass die Aufgabe Ihrem Sohn neue Erfahrungen ermöglicht, das Mangelgefühl auflöst und zugleich Ihre Beziehung wieder kittet.