Dass die Art Basel in der Stadt ist, ist nicht zu überhören. Seit meiner Ankunft aus Deutschland höre ich sie, die spitzen Schreie, die in regelmässigen Abständen durch die Strassen der Innenstadt hallen. Ich wurde gewarnt: Die Art Basel soll dieses Jahr politisch wie nie sein, schmerzhaft, schier unter die Haut gehen.

Und ja, die allgemeine Weltlage ist grauenhaft. Dennoch bedarf es einiger Gewöhnung, die stark verzerrten Entsetzensschreie zu ertragen, die in präzisem Viertelstundentakt über Basel hinwegziehen. Die Klanginstallation «Freifallturm», die im Herzen der Stadt errichtet wurde, erinnert daran, dass menschliches Leid allgegenwärtig ist, dass unser Alltag auf der Ausbeutung von Millionen basiert, deren Schreie wir normalerweise nicht hören. Dennoch ist dieses Kunstwerk in seiner Intensität kaum zu ertragen.

Umso erstaunlicher, dass die kunstsinnige Baseler Bevölkerung dieses Experiment mit Gleichmut, ja sogar mit Begeisterung annimmt. In meiner Heimatstadt Frankfurt am Main, die sich sonst als sehr liberal versteht, wäre derart radikale Performance-Kunst undenkbar.

Seltsame Laute der Ekstase

Schon auf dem Weg zum Messegelände bemerke ich die zahlreichen Künstler und Kunstfreunde, die mir entgegenkommen. Die Eindrücke, die sie mitnehmen, sind offenbar sehr intensiv: Ich sehe stark gerötete Gesichter, suchende Blicke, vernehme seltsame Laute der Ekstase wie auch des Protests. Ein Künstler rempelt mich an, performt sofort dialektal gefärbten, politischen Rap. Ich verstehe die Worte nicht, bin mir aber der Botschaft sofort bewusst: Ich stehe im Weg – stellvertretend für eine Gesellschaft, die sich selbst im Weg steht, in der soziale Mobilität unmöglich ist, in der Individuen wie ich Teil des Problems, nicht der Lösung sind. Ich danke ihm für seinen Rat und lasse ihn weiter sein torkelndes Ballett aufführen.

Das Messegelände selbst gleicht dieses Jahr einer Zirkusmanege. Vorbei die Zeit strenger geometrischer Formen, des Purismus, der ästhetischen Enthaltsamkeit. Mich erwartet ein postmodernes Spiel mit Elementen der Popkultur, schrill, bunt, extrem. Die Installation «Tex-Mex» ruft ironische Assoziationen zum sogenannten «Wilden Westen» auf; nicht weit davon eine Skulptur, die einen als riesenhaften «Uncle Sam» maskierten Maiskolben figuriert – harter Protest gegen die Amerikanisierung des Alltags wie auch der zahlreichen, im Namen westlicher Werte begangenen Verbrechen. Eine andere Installation zeigt ein Dutzend winziger Hubschrauber, die aneinandergeschweisst wurden – Sinnbild scheinbarer Freiheit, die sich jedoch im endlosen Kreis kapitalistischer Produktionszwänge bewegt.

Eine Ausstellerin verweist mich auf ihre Skulpturenserie «Dijoner 1 – 5»: mehrere Laibe einer teigartigen Substanz, mit zunehmender Grösse durch eine wachsende Zahl Mandelkerne entstellt. So schonungslos hat noch keine «Art Basel» die verschwenderische Arbeitsweise moderner Nahrungsmittelindustrie blossgestellt. Von einem Pavillon grüssen mich die ausgebleichten Porträts von Harald Schmidt und Arabella Kiesbauer, von einem anderen Supermario, von einem dritten der Riddler aus «Batman 3» – beissender Spott auf die bundesdeutsche Unterhaltungsindustrie der Neunziger, in deren Schatten gesellschaftliche Fehlentwicklungen verschlafen wurden.

Jagd auf unschuldige Enten

Gänzlich fragwürdig ist es aber, wenn Produkte der Militärindustrie affirmativ interpretiert werden. Ein Stand erlaubt es dem Publikum, mit täuschend echten Waffen zu schiessen, ein anderer macht Jagd auf unschuldige Entlein («Entenrennen»). Die Aussage ist leicht verständlich – ähnlich wie im Werk von Marina Abramović ist die Möglichkeit ethischen Fehlverhaltens durch das Publikum Teil der Konzeption. Aber um welchen Preis? Erschüttert studiere ich die begeisterten Gesichter, mit der manche Besucher an dieser fragwürdigen Inszenierung von Gewalt teilnehmen. Hier läuft Kunst Gefahr, blosses Vehikel entmenschlichter Bedürfnisse zu werden. Mit Sorge blickt man auf das kommende Jubiläumsjahr - und hofft darauf, dass die Kuratoren dann auch weniger radikalen Entwürfen eine Chance geben.