Bei ihrer ersten Begegnung drei Wochen zuvor hatte der Junge noch beide Beine gehabt. Als Dominic Nahr ihn zum zweiten Mal sah, war ein Bein amputiert worden. Der Schuss ins Bein des Flüchtlings wurde viel zu spät behandelt. Trotzdem war das Wiedersehen des Schweizer Kriegsfotografen und des jungen Südsudanesen ein freudiges. Was für ein Zufall, eine Person unter Millionen anderer Flüchtlinge irgendwo im südsudanesischen Busch nach Wochen wiederzusehen.

Dominic Nahr, der in Hong Kong aufwuchs, reist mit seiner Kamera durch die Welt. In Gebiete, wo Krieg, Armut und Hungersnot herrschen und wo oft keine anderen Fotografen zu finden sind. Der 35-Jährige flog unter anderem nach Kenia, Somalia, Irak und in den Südsudan. Während seiner Reisen begibt er sich in Lebensgefahr. Er möchte aber alles dokumentieren. Um den Leuten zu zeigen, wie es in anderen Ländern aussieht und um gegen das Vergessen anzukämpfen. Von Menschen in reichen Ländern wünscht er sich mehr Wertschätzung. «Es ist nicht normal, den Wasserhahn aufdrehen zu können und sauberes Wasser daraus zu trinken.»

Er packt mit an

Seine Fotos zeigen viel Blut, viele ausgehungerte Körper, viel Leid aber auch viel Stärke. «Wir hier könnten das nie überleben. Die Mütter laufen stundenlang mit ihren Kindern auf dem Arm durch den Busch, um zur nächsten Nahrungsmittelausgabe zu gelangen», sagt der Fotograf am Beispiel von seiner Arbeit im Südsudan. Seit 2009 reist er regelmässig in den afrikanischen Staat. Die Ergebnisse dieser Reisen sind seit gestern in der Markthalle in Basel zu sehen. Nahr läuft den Linien der Mitte entlang und zeigt auf die grossen, dunklen Fotos. «Hier war ich in einem Krankenhaus.» Im Gegensatz zu den anderen Destinationen, packt er im Südsudan auch mal selbst mit an.

In dem Krankenhaus wurden ihm immer wieder Dinge in die Hand gedrückt, auch bei der Nahrungsmittelausgabe half er manchmal mit. Beim nächsten Bild sagt er: «Das tat weh.» Zu sehen ist ein Helikopter. Der Sand, der beim Start der Maschine aufgewirbelt wurde, flog Nahr in die Augen. Zurückgezogen hat er sich dennoch nicht. «Bei meiner Arbeit ist mir wichtig: Entweder ich mache es richtig oder gar nicht.» Momentan nimmt er in der Schweiz, die er als sein zu Hause sieht, eine Auszeit. Warum er seine Bilder jetzt in der Markthalle ausstellt? Dort müssen die Leute hinschauen. Und das tun sie auch. Zur Mittagszeit stehen zahlreiche Besucher vor den Bildern. Manche diskutieren, manche schauen nachdenklich, andere traurig.

Nahrs Bilder sind dieses Wochenende im Rahmen des «Kickoff Weekend» der Spendensammelaktion «Basel gegen Hunger» ausgestellt. Neben der Ausstellung gibt es jeden Tag einen Charity Lunch. Das Essen ist gratis, jeder darf so viel spenden, wie er möchte. In der Mitte der Halle ist ein originales, weisses Flüchtlingszelt aufgestellt. «Wir haben das Zelt von der UNHCR erhalten», sagt Noah Kaiser, einer der Organisatoren. «Basel gegen Hunger» ist eine Gruppe von Baslerinnen und Basler, die gemeinsam mit dem Hilfswerk Medair Geld für Projekte im Südsudan sammeln. «Basel gegen Hunger» möchte, dass jeder etwas tun kann.

Deshalb verteilen sie den ganzen Juni durch Sammelbüchsen an alle, die mitsammeln möchten. Bis Ende Juni sollen so 100'000 Franken in Basel und der Umgebung zusammenkommen. Die Leute werden, laut Kaiser, kreativ. Einige veranstalten Flohmis, sammeln im Geschäft oder im Fussballverein. «Wir möchten nicht, dass die Leute wegen ihres schlechten Gewissens sammeln», so Kaiser. Die Leute sollen sich wirklich einsetzen wollen. Das gesammelte Geld wird von Medair in den Südsudan gebracht und in einem von ihrer drei Standorte eingesetzt.

In der Markthalle werden kleine Päckchen verteilt. Die Erdnussmasse darin schmeckt süss und stopft. Sie wird an Kinder unter fünf Jahren verteilt, die am Hungertod zu sterben drohen. Kaiser erklärt: «Während fünf Wochen bekommen die Kinder, denen es sehr schlecht geht, drei Päckchen pro Tag. Eine Portion hat 500 Kalorien.»

«Basel gegen Hunger» Ganzes Wochenende, Infos unter www.baselgegenhunger.ch