100 000 Schallplatten, CDs, DVDs und Videos lagert Jean-Claude Gürtler in einem Kellerabteil unter der Basler Aeschenvorstadt. Eine verrückte Zahl. 100 000 Tonträger heisst: Über einen Zeitraum von 30 Jahren müssen jeden Tag zehn neue Platten dazukommen. Heute zehn, morgen zehn, übermorgen zehn. Wahnsinn. Aneinandergereiht wäre die Sammlung mindestens 500 Meter lang. Oder: Bei einer angenommenen Durchschnittslaufzeit von 20 Minuten pro Tonträger – in der Sammlung hats viele Singles und Maxisingles – würde man dreieinhalb Jahre benötigen, um alle Scheiben durchzuhören. Dreieinhalb Jahre ohne Pause am Stück, versteht sich.

Mit dem Keller voller Rock und Pop könnte Gürtler schon morgen einen der grössten Plattenläden Basels eröffnen. Schliesslich gilt unter Privaten bereits eine Sammlung mit 10 000 Einheiten als sehr gut sortiert. Doch «Janggi» Gürtler will sein Lager nicht bewirtschaften, sondern loswerden. En bloc. Interessenten können nur alles auf einen Schlag erwerben. «Ich kann und will die Platten nicht einzeln verkaufen. Sonst bin ich in Jahren noch dran.»

Nach 34 Jahren ist Schluss

Gürtler ist 62 und will sich neu orientieren. Er lässt nicht nur seinen grossen «Schatz» zurück, wie er seine Sammlung nennt, sondern auch sein «Lebenswerk». Ende März gibt der Wirt im Aescher «Jackson’s Pub» nach exakt 34 Jahren die Schlüssel ab. Dann fliegt Janggi zuerst einmal für einige Wochen nach Mallorca. Auslüften, neue Kräfte tanken. Wo es ihn dann hin verschlägt, weiss er noch nicht. «Ich bin ein Weltenbummler. Ich könnte an vielen Orten leben, Hauptsache, es ist nicht so kalt wie hier in der Schweiz.»

Der 1. April 1984 war ein schicksalhafter Tag für Janggi Gürtler. An jenem Tag legte er das erste Mal im Keller des «Jackson’s» auf. Zunächst hobbymässig. Tagsüber ging der gebürtige Stadtbasler weiterhin seinem Beruf als Radio- und TV-Verkäufer nach. Zu jenen Zeiten war eine Disco auch unter der Woche gut besucht; wer etwa an einem Donnerstagabend zu Madonna oder Michael Jackson abtanzen wollte, war bei Janggi bestens aufgehoben. Sperrstunde um Mitternacht. «Das war früher ganz anders: Heute läuft in einem Techno-Club vor 3 Uhr morgens gar nichts.» Die klassische Dorf-Disco mit Gassenhauern aus der Hitparade, der berühmten Spiegelkugel an der Decke und Lichtorgeln in warmen Farbtönen wirkt da wie ein Unterhaltungskonzept von vorgestern.

Janggi hatte als DJ im Keller des «Jackson’s» Erfolg – 1987 übernahm er auch das darüberliegende Pub. Seither ist er vollberuflich Wirt. Gürtler geniesst in Aesch längst den Status eines Dorforiginals. An der Fasnacht betrauerten gleich zwei Cliquen – die Löhrenacker-Hacker und die Schlitzohre – den Abgang des beliebten Beizers. Kein Wunder: Gürtler hat sich im Dorf engagiert. In den späten 80er- und frühen 90er-Jahren, als das Pub eine Goldgrube war, sponserte er den FC Aesch. Gürtler verstand sich immer als Freund seiner Gäste: Wer ein Leid zu beklagen hatte, dem lieh er sein Ohr, und wer im Pub über die Stränge geschlagen hatte, der durfte darauf hoffen, dass der gutmütige Beizer ein Auge zudrückte. Oder auch mal beide. Gürtler kann auch in der Stadt keine 50 Meter gehen, ohne dass ihm nicht ein Bekannter über die Strasse zuruft.

Mit Glam-Rock aufgewachsen

Suchte umgekehrt Gürtler Hilfe, waren seine Gäste ebenfalls zur Stelle. Als der Aescher Gemeinderat dem «Jackson’s» die Freinacht-Genehmigung bis 3 Uhr verweigern wollte, brachte Gürtler im Nu 500 Unterschriften für eine ausserordentliche Gemeindeversammlung zusammen. Unnötig zu erwähnen, dass dank der Zustimmung der Jungen schliesslich ein deutliches Ja zur Freinacht-Regel an der für einmal sehr gut besuchten Aescher «Gmeini»resultierte.

Vergangene Zeiten, die gut zu Gürtlers Sammlung passen. Janggis Helden aus den 70er-Jahren heissen Sweet und Slade – Glamrock, wie er heute selbst von Retro-Bands kaum gespielt wird. «Mit dieser Musik bin ich aufgewachsen. Sie dokumentiert meine ersten Gehversuche beim weiblichen Geschlecht», sagt er und lächelt verschmitzt. Er hat in seine Sammlung weit über eine Million Franken investiert. Zu seinen DJ-Zeiten im «Jackson’s» bezog er die Singles von den Plattenfirmen im Abonnement: Für 200 bis 300 Franken im Monat bekam er sämtliche heissen Neuerscheinungen zugeschickt.

Nun soll das alles weg; die Verhandlungsbasis liegt bei 150 000 Franken – im Schnitt also 1.50 pro Tonträger. Ein Klacks. Und doch ist es für Gürtler nicht einfach, die Sammlung loszuwerden: Wer will schon eine solche Summe in Tonnen alter Schallplatten, CDs und Musikvideos investieren? Selbst Gürtler hat seine Lieblingssongs mittlerweile auf den Computer geladen. Und beim Streamingdienst Spotify sind auch Raritäten aus Gürtlers Sammlung digital verfügbar. Das ist praktisch. Doch ob es die Spotify-Playlisten mit der Geschichte aufnehmen können, die Janggis Vinyl-Platten erzählen? Es darf zumindest bezweifelt werden.