Emanuel Vischer
Dieser Basler Schneider bringt frischen Wind in die Pariser Szene

Emanuel Vischer zeigt Schneid: 2003 ging der Basler nach Paris – heute betreibt er dort sein eigenes Atelier, gleich bei der Place Vendôme, mitten im Zentrum. Der 37-Jährige hat in der Mode-Metropole auch etwas typisch Baslerisches eingeführt.

Benjamin Wieland
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Atelier Vischer
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Um einen kompletten Anzug herzustellen, benötigt Vischer zwischen 70 und 80 Stunden.
Insgesamt fünfmal muss ein Kunde im Atelier seine Aufwartung machen – dafür hat er dann auch einen Anzug, der sitzt wie angegossen.
Die Place Vendôme mit ihren Luxus-Boutiquen liegt gleich um die Ecke.
Mass-Schneidern ist Fleissarbeit. Jedes Stück Stoff, jeder Faden, jeder Knopf geht durch die Hände des Tailleurs.
Sein Atelier eröffnete Vischer 2013.
Mittlerweile hat der Basler auch eine Lehrtochter gefunden.

Atelier Vischer

Benjamin Wieland

Sein eigener Chef sein. Viele träumen davon - Emanuel Vischer hat es geschafft, und das erst noch in Paris: Der Basler betreibt im noblen 1. Arrondissement sein eigenes Herrenschneider-Geschäft. «Emanuel Vischer – Tailleur», prangt an der Wand eines Hauses an der Rue Du Mont Thabor. Dabei kannte der 37-Jährige niemanden, als er vor über 14 Jahren in der französischen Hauptstadt ankam. Und Französisch sprach er auch nur mässig.

Dafür hatte Vischer einen wichtigen Vertrag in der Tasche, als er 2003 Basel verliess: Über einen Bekannten war er an ein Praktikum in der Mass-Schneiderei von Lanvin herangekommen, dem ältesten noch existierenden Modehaus Frankreichs.

Kurz zuvor hatte Vischer das Studium an der Universität St. Gallen hingeschmissen. «Weil mich die Materie», sagt er, «schlicht nicht interessierte.»

Der grosse Schritt mit 33

Nach dem Praktikum blieb Vischer der Stadt treu. Er besuchte eine Modeschule und eine Schneiderschule, absolvierte weitere Praktika und erhielt eine Anstellung bei einer kleinen Herrenschneiderei. Dann, gerade 33 geworden, wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Er gründete seinen eigenen Laden. Das ist nun über vier Jahre her. Ganz alleine war er aber nicht: Sein früherer Schneiderlehrer arbeitete mit ihm zusammen, das ist noch immer so.

Einen Anzug zusammenzunähen, ist äusserst aufwändig. Für die hunderten von Arbeitsschritten benötigt Vischer zwischen 70 und 80 Stunden. Insgesamt fünf Mal kommt der Kunde im Geschäft vorbei: Einmal zur Stoff- und Schnittwahl, dreimal für Anproben. Sechs Wochen nach dem ersten Besuch sind Hose und Oberteil abholbereit. Ein Hemd gebe es keines dazu, sagt Vischer: «Dieses ist Sache des Chemisiers, nicht des Tailleurs – zumindest in Frankreich ist das so.» Ein Standard-Anzug kostet bei Vischer 4500 Euro, Mengenrabatt vorbehalten.

«Die Kunden finden meist über Mund-zu-Mund-Propaganda zu mir», sagt Vischer. Aber auch Laufkundschaft schaue im Geschäft vorbei – und in der Tat: Während des Besuchs der «Schweiz am Wochenende» klingelt es an der Tür. Ob er «Monsieur Wischer» sei, fragt ein chic gekleideter älterer Herr, rasch ist ein Termin vereinbart.

Hier gilt: Noblesse oblige

Viele seiner Kunden würden alten Pariser Familien angehören, sagt Vischer. In diesen Kreisen gehöre es einfach dazu, zumindest einen massgeschneiderten Anzug zu besitzen. «Es kam auch schon vor, dass ein Onkel mit seinen zwei knapp volljährigen Neffen bei mir auf der Matte stand und sagte, die bräuchten nun endlich etwas Anständiges anzuziehen.»

Doch der Markt ist limitiert, sogar in der Modemetropole. Er kenne in Paris lediglich acht andere selbstständige Herrenschneider, sagt Vischer. Hinzu kämen noch die Werkstätten der grossen Modehäuser.

Der einzige West-Europäer

Generell sei das Schneiderhandwerk eher selten geworden in Frankreich. Er hat eine Vermutung, woran das liegen könnte: «Es ist Knochenarbeit. Franzosen übernehmen lieber einen Bürojob.» Gerade in der Lehre müsse man tagelang pikieren. (Gemeint ist das Einarbeiten der Wattierung in den Revers einer Jacke oder eines Kragens.) Schon während seines Praktikums sei er der einzige Westeuropäer gewesen, sagt Vischer. In den letzten Jahren will er jedoch eine kleine Renaissance beobachtet haben beim Modeschneidern, das in Frankreich als artisanat gilt, also als Kunsthandwerk: Es sei wieder hip, zumindest unter jungen Franzosen. Sogar eine Lehrtochter hat Vischer gefunden.

Mittlerweile hat sich der Basler in der Szene einen Namen gemacht. Auf einem einschlägigen Blog heisst es, Vischers Schneiderei sei zwar nicht so gemütlich eingerichtet wie andere, der Anproberaum habe etwas von einem Loft – das störe aber nicht, im Gegenteil: Der junge Schweizer bringe frischen Wind («un vent de fraîcheur») in diese doch etwas verstaubte Branche.

Vor fünf Jahren zog auch Vischers Freundin nach Paris. Trotzdem ist er alle paar Monate wieder in seiner Geburtsstadt anzutreffen. «Im komme immer an Weihnachten und für die Fasnacht heim, das muss sein. Und dann habe ich auch einige Kunden in der Schweiz.» Er schätze die Kompaktheit von Basel – Grossstädte möge er eigentlich gar nicht so sehr.

Fährt Velo – in Paris!

Ganz anders die Arbeit mit Stoff: Die habe ihm schon als Kind gefallen. «Es gibt ein Foto von mir», sagt Vischer, «auf dem ich meine alten Jeans repariere, mit Faden und Nadel. Da war ich etwa sieben Jahre alt.» Familiär vorbelastet ist er aber nicht. Der Vater arbeitete bei einer Bank, die Mutter bei einer Fluggesellschaft.

In Paris hat Vischer etwas «typisch Baslerisches» eingeführt, wie er erzählt: Er fährt mit dem Velo zur Arbeit. «Das geht natürlich nur, weil ich auch im Zentrum wohne.» Zu Beginn sei er noch schräg angeschaut worden, als Velofahrer in der Autostadt. «Aber mittlerweile gibt es immer mehr Velostreifen, und überall radeln Touristen auf Leihrädern in der Stadt umher.»
Trotz gelegentlichem Heimweh: Vischer will in Paris bleiben. «Hier ist mein Netzwerk, hier habe ich mir etwas aufgebaut.»

Und die alte Heimat sei ja zum Glück nicht weit weg: «Drei Stunden TGV – und schon bist Du in Basel.»