Seit Jahrzehnten bewirtschaftet die Familie von Christian Jäggi neben Reben in Biel-Benken auch solche im benachbarten Leymen (F) und stellt aus den gewonnenen Trauben auf dem Hof in Benken Wein her. Jäggis Tropfen geniessen einen hervorragenden Ruf; an der Basler Weinmesse etwa wurden diese mehrfach mit Gold und Silber ausgezeichnet.

Bis vor kurzem hat das Bauern über die Landesgrenze hinaus keinerlei Probleme bereitet. Eine Regel vom Wiener Kongress 1815 gibt Jäggi und anderen Bauern im Leimental einen Freipass; die eingeführten Rohstoffe müssen nicht oder bloss zu einem reduzierten Satz verzollt werden.

Ein kurioser Rechtsstreit um die korrekte Anschrift seines Weins aus den ausländischen Trauben, der sinnigerweise «Grenzgänger» heisst, bringt Jäggi nun in Existenznot: «Wenn man mich zwingt, diese Flaschen anders anzuschreiben, dann muss ich den Weinbau aufgeben», sagt er.

Gemäss Gesetz muss Jäggi seinen Saft so etikettieren – und nur so: «Rotwein hergestellt in der Schweiz aus französischen Trauben.» Das kantonale Amt für Lebenssicherheit und Veterinärwesen (ALV) hat Jäggi per Verfügung dazu aufgefordert, die Bezeichnung entsprechend zu ändern.

«Habe immer alles deklariert»

Demgegenüber tragen die «Grenzgänger»-Etiketten den Jahrgang, die Sorte (Pinot Noir) und eine Ursprungsbezeichnung (Leymen) – dies alles ist laut ALV illegal. Schreibt Jäggi seinen Qualitätstropfen wie gefordert an, wird er zu einem Kochwein degradiert – im Regal gleichgestellt mit jenen alkoholhaltigen Säften, die aus Trauben jedwelcher Herkunft zusammengemischt werden: «Es zahlt niemand den vollen Preis, wenn Sorte, Preis und Jahrgang fehlen», weiss Jäggi. Er könnte unter diesen Bedingungen nicht kostendeckend wirtschaften. Die Trauben aus dem grenznahen Ausland steuern die Hälfte des Umsatzes Jäggis im Weinbau bei.

Jäggi kämpft sich deshalb durch den Paragrafen-Dschungel und die Instanzen. Nachdem die Baselbieter Regierung seine Beschwerde abgewiesen hat, wird der Fall Anfang April vor dem Kantonsgericht verhandelt.

Jäggi schüttelt den Kopf: «Ich habe nie jemanden getäuscht und immer glasklar deklariert, wie ich meine Weine produziere. Nun soll ich das Umgekehrte tun.» Ausgerechnet eine Qualitätsstrategie – das Bestreben, bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen dank Ursprungsbezeichnungen die Transparenz für Konsumenten zu erhöhen – bewirkt im Fall des Winzers an der Landesgrenze das Gegenteil: dass er seinen Tropfen nur noch als billigen Fusel verkaufen darf.

Kurios ist der Fall auch deshalb: Nicht etwa die französischen Behörden haben interveniert, weil sie etwa durch den Schweizer Winzer eine eigene Appellation verletzt sahen. Nein, es ist die verworrene Rechtslage der Schweiz, an der Jäggi zu beissen hat: Er findet, dass das Swissness-Gesetz, das seit 1. Januar 2017 in Kraft ist, auch bei seinen Weinen zur Anwendung gelangen sollte.

Demnach dürfen unter gewissen Bedingungen grenznahe Gebiete für Herkunftsangaben herangezogen werden. So wäre es dem Landwirt etwa erlaubt, Getreide aus dem grenznahen Elsass in der Schweiz zu Mehl zu verarbeiten.

In Genf funktionierts

Allerdings sind die Regeln zu alkoholischen Getränken strenger. Die Weinverordnung des Bundes sieht zwei Ausnahmen vor: Entweder handelt es sich bei den Rebflächen um eine geografisch klar abgegrenzte, gemeinsame Einheit – was bei Jäggis isoliert gelegenen Rebstöcken in Leymen nicht der Fall ist.

Oder aber ein internationales Abkommen lässt eine geschützte Herkunftsbezeichnung über die Landesgrenze zu. Für Letzteres gibt es ein gutes Beispiel: Genfer Winzer bauen im benachbarten Savoyen auf 70 Hektaren Wein an, der gemäss einem Staatsvertrag zwischen Schweiz und Frankreich unter der «Appellation d’ origine contrôlée Genève» verkauft wird.

Jäggi ist skeptisch, dass Genf für Biel-Benken ein Vorbild sein kann: «Für jene 3 Hektare, die ich und einige Kollegen in Leymen bewirtschaften, wird sich niemand für einen Vertrag interessieren», sagt er resigniert. Bis dieser vorliege, würde es zudem viele Jahre dauern. «Bis dann bin ich längst pensioniert.»

Die Baselbieter Regierung hält in ihrem ablehnenden Entscheid zu Jäggis Beschwerde fest, dass hier die Weinverordnung gelte, und nicht das teilweise in Widerspruch stehende, übergeordnete Swissnetz-Gesetz. Letzteres ist zwar aktueller, die strengeren spezifischeren Regeln gehen aber gemäss gängiger Rechtsauslegung vor. Zudem hat auch das Bundesamt für Landwirtschaft festgehalten, dass die Swissness-Vorlage keinen Einfluss auf die Herkunftsangabe von Wein habe.

Jäggi ist bewusst, dass er einen schweren Stand hat. Er macht vor Gericht vor allem formelle Mängel geltend. Man habe ihm das rechtliche Gehör nicht gewährt. Konkret moniert er, dass er die Einsprache gegen die Verfügung des ALV nicht begründen konnte, weil dieses ein Gesuch um Sistierung gleichzeitig mit der Einsprache behandelt hat.

«Ich bin der Ansicht, dass die Einsprachefrist verlängert werden sollte, solange keine Antwort zum Sistierungsgesuch vorliegt.» Die Regierung sagt: Jäggi hätte die Einsprachebegründung trotz hängigem Sistierungsgesuch bis zum Fristablauf einreichen müssen.

Der Streit um den «Grenzgänger» wird also entlang juristischer Spitzfindigkeiten geführt. Jäggi hofft, dass er so die Neubeschriftung verhindern und in einem nächsten Schritt mit den Behörden eine langfristige Lösung zur Bezeichnung seines Weines treffen kann.