Abschied
Dieser Mann bringt die Spitex nach Bosnien

Hans-Rudolf Stoll fiel zweimal durch die Matura-Prüfung, bevor er seine Karriere startete. Heute wird der Pflegeleiter der Krebs-Klinik am Basler Universitätsspital pensioniert.

David Egger
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Hans-Rudolf Stoll ist im Unispital bekannt für sein Kickboard, mit dem er jeweils vom Bahnhof zum Spital fährt.

Hans-Rudolf Stoll ist im Unispital bekannt für sein Kickboard, mit dem er jeweils vom Bahnhof zum Spital fährt.

Roland Schmid

Wenn Hans-Rudolf Stoll schläft, liegt sein Handy immer eingeschaltet auf dem Nachttisch. Mitten in der Nacht ruft ihn ein Patient an, wenn dessen Katheter verstopft ist. Die meisten seiner Patienten haben noch zwei bis drei Wochen zu leben. Stoll pflegt seit 31 Jahren kranke Krebspatienten in deren Zuhause – als Mitarbeiter der sogenannten Onko-Spitex mit 20-Prozent-Pensum.

Die restlichen 80 Prozent ist er an der Klinik für Onkologie des Universitätsspitals Basel angestellt, seit 1999 als Pflegeleiter. Insgesamt hat er über 40 000 Patienten behandelt. An einen erinnert er sich besonders gut – der wurde zu seinem Schlüsselpatienten.

«Es war 1983, als ich einen 25-jährigen Mann pflegte», erzählt Stoll. Der Mann hatte eine seltene Art von Dünndarmkrebs. «Seine Verlobte sah, wie ihr Lebenspartner im Sterben lag und wollte sich das Leben nehmen.» Nach dem Selbsttötungsversuch lag die Frau auf der Intensivstation des Unispitals. Und ihr Partner immer noch in der Onkologie-Klinik.

Der Pfleger als Autoverkäufer

Stoll schloss für den jungen Krebspatienten eine Lebensversicherung ab, bei der er den Gesundheitszustand des Manns nicht angeben musste. Und im Auftrag des 25-Jährigen verkaufte er dessen Auto. «14 Tage lang machte ich alles, was mit Krankenpflege nichts zu tun hat, damit wir alle heil über die Runden kommen.» Dann starb der Mann.

Um sich von diesem Rückschlag zu erholen, brauchte Hans-Rudolf Stoll sechs Monate. Und die Hilfe eines Psychologen. «Dank dieses Falls habe ich gelernt, mit Nähe und Distanz umzugehen. Sodass ich nur noch Arbeiten erledige, die in meiner Kompetenz liegen, ich aber trotzdem nahe genug am Patienten sein kann, um zu spüren, wie es ihm geht.»

Mitte Dezember behandelte Stoll einen 24-Jährigen, dem morgens beim Rasieren eine Schwellung am Hals auffallen war. Der Arzt stellte fest: Lymphknotenkrebs. Bei 95 Prozent liegt die Heilungschance; aber nur, wenn man etwas unternimmt – sonst stirbt man innert weniger Monate. «Das ist das Schreckliche an dieser Krankheit. Krebs nimmt den Leuten das Urvertrauen ins Leben. Sie fühlen sich gesund und sind trotzdem todkrank.»

Die Dolmetscher am Sterbebett

Und steht der Tod dann bevor, ist manchmal die Sprache ein Hindernis: Zum Beispiel, wenn die Kinder der Patienten das Gespräch mit dem Pfleger übersetzen sollen.

Ein kurdischer Patient wollte einst von Stoll wissen, wie es um ihn steht. «Ich sagte, dass er in wenigen Wochen stirbt. Sein Sohn wollte diese Botschaft nicht überbringen, er übersetzte sie nicht», erzählt Stoll, der auch daraus lernte und nachher wusste, wann er einen professionellen Dolmetscher aufbieten muss.

Dieses Scheitern – von dem er ohne zu zögern erzählt, weil er als Pfleger weiss, wie man ehrlich und ohne Umwege sagt, was Sache ist –, dieses Scheitern soll aber nicht über seinen Erfolg hinwegtäuschen. Stoll hat sich nach oben gearbeitet, bezeichnet sich selbst als «Spätzünder». 23 Jahre alt war er, als er zum zweiten Mal durch die Maturaprüfung fiel. So verunmöglichte er sich das angepeilte Theologiestudium.

Danach arbeitete Stoll ein Jahr lang als Hilfspfleger in der Psychiatrie, bis er 1975 die Grundausbildung in der Pflege begann. Heute ist er ein gefragter Mann in der Pflegewissenschaft. Und das weltweit. Zehn Jahre lang war er Mitglied der Europäischen Onkologie-Pflege-Gesellschaft. Als deren Präsident organisierte er während vier Jahren verschiedene Kongresse.

Vererbte Tumore in Pakistan

Für die Weltkrebsliga (UICC) mit Sitz in Genf reiste er in Entwicklungs- und Schwellenländer, um die Früherkennung von Krebs zu verbessern. Zum Beispiel nach Armenien und Ägypten. Und Pakistan.

Dort werden 25 Prozent der Krebstumore durch vererbte Genveränderungen hervorgerufen; in der Schweiz liegt dieser Wert bei einem Prozent. Dies sei so, weil die Heirat unter Blutsverwandten in Pakistan nichts Ungewöhnliches ist. Ziel solcher Heiraten sei es, das Vermögen in der Familie zu behalten. Aber auch in der Schweiz ist nicht alles rosig.

«Bei uns sind die Familien völlig zerrissen, jeder lebt woanders, man sieht sich nur an Weihnachten.» So sterben viele Menschen alleine, weil ihnen die Angehörigen nicht zur Verfügung stehen. In diesen Fällen kommt oft die Spitex zum Zug.

Eine solche soll auch auf dem Balkan aufgebaut werden. 2015 fliegt Stoll trotz seiner Pensionierung für 30 Tage nach Bosnien. Dort wird er Pflegende ausbilden und ihnen zeigen, wie man Hausbesuche macht. Dabei handelt es sich um ein Projekt des Eidgenössischen Departements für Entwicklungszusammenarbeit (DEZA), des Basler Instituts für Pflegewissenschaften und des Genfer Unispitals. Noch weiss Stoll nicht, wie die bosnischen Patienten auf diese Art von Hilfe reagieren werden. Denn in anderen Ländern misstrauen die Menschen dem Gesundheitssystem, den Ärzten und den Pflegern.

In der Schweiz trifft Stoll aber auf offene Türen. Während seiner 31-jährigen Tätigkeit für die Onko-Spitex wollte nie jemand seinen Ausweis sehen. «Ich hätte das niemandem verübelt. Doch die Leute machen die Türe immer auf und lassen mich schnurstracks in ihre Schlafzimmer marschieren.

Und wenn er eines Tages selbst dort liegt, im Schlafzimmer, und mit dem Handy seinen Pfleger anruft? Stoll kann sich gut vorstellen, begleitete Sterbehilfe zu beanspruchen. «Das Leben ist wie eine Wurst, sie hat einen Anfang und ein Ende. Verlängern kann man sie nicht, verkürzen schon und bei der Füllung kann man mitbestimmen. Als Onkologiepfleger habe ich das Gefühl, in einer sehr reichhaltigen Wurst gelebt zu haben.»