Die Veredelung der Materie, der Versuch der Alchemisten, aus Dreck Gold herzustellen, gehört in den Bereich der Hexenküchen. Als geflügeltes Wort hat sich der Begriff bis heute gehalten, und wer fliegen kann, bleibt unfassbar und fasziniert gleichzeitig. Die Alchemisten haben das früher vorgemacht, Bertrand Piccard zeigt es uns heute mit «Solarimpulse» erneut.

Die Natur als Kosmogonie

Im vergangenen Herbst hat er an der Ausstellung des Kunstkredits zwei Tonnen Komposterde zu einem Haufen geformt und mit winzigen, neonfarbigen Glitzerpartikeln gemischt, die im Scheinwerferlicht funkeln. Natürlich hat der Haufen an Land-Art erinnert, doch irritierten die Glitzerpartikel als ein Element einer naturfeindlichen Künstlichkeit.

Genau diese Kombination ist es aber, auf die Oliver Minder abzielt und dabei auch die Menschen in seine Arbeiten einbeziehen will. Seine Arbeiten, sagt er, seien «Gegenüberstellungen, widersprüchliche Verbindungen von Materialien, die eine trügerische Ästhetik mit sich bringen, aber an sich eine Disharmonie darstellen. Die gewählten Materialien sind assoziationsträchtig und repräsentativ für Mensch oder Natur.» Darüber hinaus stellen seine Arbeiten Fragen zu Ästhetik und Künstlichkeit, aber auch zur Zerstörung und Ausbeutung der Erde. Durch die Disharmonie zwischen Mensch und Natur und die Beschäftigung mit dem Begriff der Melancholie ist er zur Verwendung des Sekretes der Sepia-Schnecke gelangt.

Kunst und Natur

Die Sepia Officinalis stösst ihr zwischen schwarz und dunkelbraun wechselndes Sekret aus, wenn sie sich bedroht fühlt. Drei der vier objekthaften Bilder, die momentan im Artspace der Pianobar am Riehenring 71 zu sehen sind, zeigen die Möglichkeiten der Verwendung von Sepia.

Oliver Minder hat eine zerbrochene Scheibe damit bemalt, bei der zweiten Arbeit eine angeschliffene Plexiglasscheibe von beiden Seiten mit der schwarzbraunen Flüssigkeit versehen, wobei ein mittiger roter Streifen eine Verwandtschaft zur Minimal Art suggeriert. Im dritten Bild durchtränkte er eine Leinwand mit der Sepia und liess auf der noch nassen Oberfläche goldene Farbe verlaufen. Das vierte Bild hingegen verwendet ganz andere Materialien. Oliver Minder hat in ihm Erde, die mit toten Faltern und Fliegen vermischt ist, in Polyesterharz eingegossen, und wiederum ist es dieses Konservieren von Natur und Künstlichkeit, das ihn interessiert.

Einsamkeit und Wachheit

Im vergangenen Jahr verbrachte Oliver Minder ein halbes Jahr in Finnland, in Helsinki in einem Gastatelier der IAAB. Die Melancholie, die Einsamkeit und auch die Extreme der Jahreszeiten haben sich auf seine Arbeiten ausgewirkt. Nicht, dass die Dunkelheit zur Sepia führte, Oliver Minder hat sich mit den Materialien vor Ort befasst. Eisstücke, die nach der Strassenräumung in den Gräben landeten und die oft vom Russ der Autoabgase verschmutzt waren, hat er nach Hause getragen und sie dort auf Leinwänden schmelzen lassen. Übrig blieben die Spuren der Russpartikel, die das Bild nach dem Gesetz des Zufalls geordnet, komponieren. Es erstaunt kaum, dass der Begriff der «Arte Povera» hier ins Spiel kommt, doch die Verwendung der «armen» und einfachen Materialien dient in seinen Arbeiten nicht dem Selbstzweck, sie ist sowohl kulturhistorisch als auch politisch motiviert.

Oliver Minder hinterfragt mit seinen Arbeiten ganz bewusst gesellschaftliche, politische und kulturelle Zusammenhänge, verpackt sie aber, im Wissen wie sensibel Menschen darauf reagieren, in künstlerische Aussagen. Überhaupt ist ihm der schonungsvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen wichtig. Doch er ist kein Ökopapst und auch kein grüner Guru, er befasst sich lediglich mit Zeitphänomen, für die er eine eigene, intelligente Sprache gefunden hat.

Artspace Basel, Riehenring 71.
Mo–Do durchgehend von 8–1 Uhr, Fr–Sa 8–2 Uhr, So 11–1 Uhr. www.artspacebasel.ch, www.pianobarbasel.ch, www.oliverminder.com