Bürgerkrieg

Dieser Pfarrer hat 200 Familien in Syrien besucht

Ruedi Beck ist im letzten Sommer für 40 Tage nach Syrien gereist, um syrischen Christen beizustehen.

Ruedi Beck ist im letzten Sommer für 40 Tage nach Syrien gereist, um syrischen Christen beizustehen.

In der Pfarrei St. Joseph erzählte Pfarrer Ruedi Beck von seiner Reise nach Syrien. Dort erlebte er auch Unerwartetes.

Er hat sich in das wohl gefährlichste Land der Welt gewagt: Ruedi Beck ist im letzten Sommer für 40 Tage nach Syrien gereist. Der katholische Pfarrer besuchte dort Pfarrer Nabil Nader, mit dem er seit Jahren befreundet ist. Am Mittwochabend erzählte Beck in der Kleinbasler Pfarrei St. Joseph von seinen Erlebnissen. Über 100 Leute waren gekommen, um seinen Vortrag zu hören. Beck war von 2004 bis 2015 Pfarrer in Basel, zuletzt in der Pfarrei St. Clara. Heute predigt er in Luzern.

Ruedi Beck, Pfarrer, Syrien

Hochzeitsfest via Skype

«Einige syrische Christen haben das Gefühl, ihre Schwestern und Brüder im Westen hätten sie vergessen und teils sogar verraten», sagt Beck. Das war der Grund für seine Reise. Er wollte den Syrern zeigen, dass jemand an sie denkt.

Mit Pfarrer Nabil besuchte er während seines Aufenthalts 200 Familien, verbrachte Zeit mit ihnen und überreichte Spenden. Dabei offenbarten sich ihm traurige Schicksale. Er nahm an einem Hochzeitsfest teil, zu dem das frischvermählte Ehepaar via Skype zugeschaltet war, weil es nach Europa geflohen war. Er traf einen Soldaten, der erst nach der vierten Verwundung aus dem Dienst entlassen wurde und der im Gefecht einen Arm verloren hatte. Wer mit Einschusslöchern in seinen vier Wänden lebt, hat nicht das schwerste Los gezogen. Das haben jene Flüchtlinge, die innerhalb Syriens auf der Flucht sind. Viele hausen in Kellerabteilen.

Kinder wünschen sich Waffen

Beck ist in die Provinz Hama in Zentralwestsyrien gereist. Die Mehrheit der Einwohner sind Sunniten, aber auch Christen und Aleviten leben in Hama.

Die gleichnamige Stadt mit 700'000 Einwohnern befindet sich unter der Kontrolle des Assad-Regimes und wurde vom Krieg bis anhin weitgehend verschont. Seit Beginn der Kämpfe hat sich die Einwohnerzahl fast verdreifacht; zwei Millionen Menschen leben heute in Hama. Viele Menschen aus den vom Krieg gebeutelten Städten wie Homs oder Aleppo suchen Zuflucht. Aber auch in Hama fliesst der Strom nur sporadisch und die Wasserversorgung sei ein Riesenproblem, sagt Beck.

Für den Vortrag ist Pfarrer Nabil in die Schweiz gereist. Er erzählt, wie der Krieg die Menschen auch abseits der Schlachtfelder verändert. Wenn er Kinder früher gefragt hat, was sie sich zu Weihnachten wünschen, sagten sie: Spielzeuge. Seit Ausbruch des Krieges wünschen sie sich Waffen. «Da haben wir gemerkt, dass wir die Normalität zurückholen müssen», sagt Nabil. Zu Weihnachten verteilte seine Pfarrei Geschenke wie Kleider und Esswaren, aber auch Heizöl. «Damit die Leute nicht Schulbücher verbrennen, um sich warm zu halten, wie voriges Jahr an Weihnachten», sagt Nabil.

Die grösste Gefahr für die syrischen Christen ist der sogenannte Islamische Staat. Im Mai 2015 zerstörten dessen Kämpfer diese Kirche

Die grösste Gefahr für die syrischen Christen ist der sogenannte Islamische Staat. Im Mai 2015 zerstörten dessen Kämpfer diese Kirche

Schulen und Unis gebaut

Mitten im kriegsgeplagten Syrien hat Beck aber auch etwas angetroffen, mit dem er nicht gerechnet hatte: Städte, in denen das Alltagsleben normal funktioniert. In Hama habe die Assad-Regierung neue Schulen und Universitäten gebaut, sodass die jungen Erwachsenen mit ihrer Ausbildung fortfahren könnten. Wenn Feste anstünden, würden diese gefeiert – unter batteriebetriebenen Lampen, falls der Strom ausfalle. Im Heimatstädtchen von Pfarrer Nabil gebe es sogar einen kleinen Vergnügungspark. «Die Leute treffen sich jeden Abend. Anstatt ins Restaurant gehen sie halt einfach auf Spaziergänge», sagt Beck. Hin und her gehen, in der totalen Dunkelheit der Nacht.

Die Menschen in Hama haben auch ganz gewöhnliche Probleme. Nabils Pfarrei organisiert jedes Wochenende Treffen für Kinder, an denen Animationsprogramme sie aus der Kriegsrealität herausholen sollen. Mittlerweile kämen 900 Kinder, die zusammen Zeit verbringen und Spass haben. «Die Nachbarn haben schon öfters reklamiert, es sei zu laut», erzählt Nabil.

Über seinen Freund Ruedi Beck sagt Nabil, er habe mit seiner Reise viel Positives bewirkt: «Die Menschen haben ihn ins Herz geschlossen.»

Pfarrer Ruedi Beck 2

Beck erzählt, wie der Alltag in den syrischen Städten aussieht.

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