Im Surinam 126 ging in den letzten Monaten Seltsames vor sich. In dem Einfamilienhaus hinter den Gleisen des Badischen Bahnhofs wurden Tapeten und Farbschichten vorsichtig von Wänden gekratzt, Farben und Strukturen mit Schwarz-Weiss-Fotos und Niederschriften aus den 30er-Jahren verglichen, Nachbarn nach ihren frühsten Erinnerungen an das Haus befragt. Männer brüteten über Grundrissplänen, recherchierten monatelang.

Einer davon ist Lukas Gruntz. Er ist Architekt und Präsident des Vereins «Ein Haus WOBA». Dieser hat es sich zum Ziel gesetzt, das Haus in seinen Ursprungszustand zurückzusetzen und so die Geschichte der ganzen Siedlung zu erzählen (siehe Box).

73 Franken Miete pro Monat

Das Haus, das der Verein «Ein Haus WOBA» nun in den Zustand des Baujahrs 1930 zurückversetzen möchte, hat 45 Quadratmeter Wohnfläche und drei Zimmer. Es wurde für eine vierköpfige Familie konzipiert und kostete damals 73 Franken Miete pro Monat. Heute entspräche das unter Berücksichtigung der Teuerung 474 Franken. Zum Vergleich: Laut dem Statistischen Amt Basel-Stadt brauchte 2017 jeder Einwohner der Stadt im Durchschnitt 41 Quadratmeter Wohnfläche. Für eine neuere Dreizimmerwohnung bezahlt man im Durchschnitt 2150 Franken Miete pro Monat.

«Die meisten Menschen denken beim Stichwort ‹Verdichten› an Hochhäuser. Es ist aber genauso wichtig, den Flächenverbrauch pro Kopf zu optimieren. Das geht häufig unter», sagt Gruntz. An diesen Gedanken möchte der Verein mit seinem Projekt erinnern.

Ausserdem soll ein wichtiges Stück Baugeschichte erhalten und gezeigt werden: «In Basel gibt es kein vergleichbares Bauwerk aus dem Wohnbereich, das öffentlich zugänglich ist», so der Architekt. Deswegen soll es öffentliche Führungen durch das Haus geben.

Dem Verein schwebt aber kein Museum, sondern ein belebtes Haus vor. Das sei ein kleiner Beitrag im sozialen Sinne, erklärt Gruntz. Doch auch für die Infrastruktur des Hauses sei es wichtig, dass sie regelmässig genutzt wird, um Standschäden zu vermeiden. Nach der Fertigstellung möchte der Verein das Haus an zwei Studierende untervermieten. Unter 400 Franken soll der Mietzins pro Person betragen – für Basel ein Schnäppchen.

Geheizt wird mit Holzöfen

Dabei müssen die künftigen Bewohner aber auch Abstriche machen. Das Haus wird nicht nur originalgetreu restauriert, auch die Möblierung soll so sein wie 1930. Da ist der Verein strikt. Nicht mal ein eigenes Bild werden die Studierenden aufhängen können.

Dazu wird auch einiges an heutigem Komfort fehlen. Beim Wasserhahn gibt es keine Mischbatterie, das heisst, bei einem Hahn kommt kaltes, beim anderen heisses Wasser heraus. Küche und Bad sind nicht abgetrennt, beim WC im ersten Stock gibt es keine Möglichkeit, sich die Hände mit fliessendem Wasser zu waschen und geheizt wird mit Holzöfen.

Das einzige Zugeständnis an das 21. Jahrhundert: ein Kühlschrank. Trotzdem ist Gruntz zuversichtlich, dass sich Studierende finden werden, die diese spezielle Art des Wohnens ausprobieren möchten.

Aufwendige Detektivarbeit

Bis es so weit ist, muss im Haus noch einiges passieren. Schon die grundsätzlichsten Elemente des Umbaus stellten den Verein vor Herausforderungen.
Vom ursprünglichen Haus gibt es nur Grundrisspläne und ein einziges Schwarz-Weiss-Foto des Elternschlafzimmers.

Dazu kommen Beschreibungen aus Archiven. «Diese Türe hier», sagt Gruntz und zeigt auf die Eingangstür zum Wohnzimmer, «existiert in keinem der Pläne. Vom Typ her ist sie aber so wie die anderen Türen im Haus, sprich, wir gehen davon aus, dass sie original ist. Auf dem Plan der Baueingabe ist so etwas wie eine Schiebetüre an dieser Stelle zu sehen. Das wäre aber relativ teuer und aufwendig gewesen, was vom Baukonzept her ja vermieden werden sollte».

Von den Sockelleisten über die Tapeten bis zu den Steckdosen: In vielen Details steckt monatelange Recherchearbeit. Die Farbe und Struktur der Tapeten und Holzbemalung musste durch sorgfältiges Abkratzen der darüber liegenden Schichten erforscht werden. Gerade auch die Tapete bedeutete für den Verein einigen Aufwand. Sowohl die Struktur als auch die Bandbreite sollten originalgetreu sein.

Schliesslich fand der Verein eine Firma in Schweden, die eine passende Papier-Tapete herstellt. Die ursprüngliche Tapete stammte von einer inzwischen konkursgegangenen Firma in Grenzach-Wyhlen. «Das zeigt die Globalisierung auf, die natürlich auch im Baubereich eine grosse Rolle spielt», meint Gruntz.

35'000 Franken fehlen

Auch die Originalmöbel seien nicht einfach zu finden gewesen. Ein ganz spezielles Stück ist der Herd, mit dem 1930 die ganze Siedlung ausgestattet wurde. Es war der erste Elektroherd für Normalverbraucher. «Spannend ist auch die Form des Geräts, es erinnert mehr an eine Kommode. Man sieht, dass damals noch nicht so viel Erfahrung mit elektrischen Herden vorhanden war», kommentiert Gruntz.

Monatelang suchte der Verein nach dem Gerät, startete Aufrufe im Internet, fragte bei Experten nach und wurde schliesslich im Elsass fündig. Der Besitzer, der den Herd bis heute nutzt, war bereit, ihn an seinen Ursprungsort zurückzubringen.
Der Verein kauft das Haus nicht, sondern hat mit der Genossenschaft einen unbefristeten Mietvertrag abgeschlossen.

Die Kosten für Umbau und Anschaffung der Möbel sollen über eine Spendensammlung gedeckt werden. «Wir wollen, dass sich die Investitionen der Restaurierung nicht auf den Mietpreis auswirken. Den Preis, den wir der Genossenschaft bezahlen, wollen wir direkt an die Mieter weitergeben können», legt Gruntz dar. Noch fehlen dem Verein etwa 35 000 Franken, bis alle Unkosten gedeckt sind.

Weitere Informationen zum Projekt und der Spendensammlung: www.ein-haus-woba.ch