Heuwaage
Dieses Tageshaus ist eine Wohlfühloase für Obdachlose

Besonders im Winter ist das Tageshaus an der Heuwaage für viele Betroffene der einzige Rückzugsort. Ein Besuch zeigt: Sauberkeit, klare Regeln und herzliche Gesellschaft dominieren das Bild.

Mélanie Honegger
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Das Tagesheim für Obdachlose an der Wallstrasse bietet nicht nur Brot, sondern auch viel Herzlichkeit. Fotos: Martin Töngi

Das Tagesheim für Obdachlose an der Wallstrasse bietet nicht nur Brot, sondern auch viel Herzlichkeit. Fotos: Martin Töngi

Es ist Samstag, halb elf Uhr morgens, und während in den Strassen rund um die Heuwaage noch wenig los ist, sitzen im Haus an der Wallstrasse 16 bereits die ersten Gäste und trinken Kaffee. Das Tageshaus für Obdachlose ist gut besucht. «Wenn wir morgens um zehn die Türe öffnen, stehen oft schon Leute da und warten», erzählt Paul Rubin, der Leiter des Tageshauses. Immer wieder huscht jemand durchs Treppenhaus; ältere Männer oftmals, die Rubin freundlich grüsst. Gemächlich läuft er zu den Sanitäranlagen. Im blauen UV-Licht glänzen sauber geputzte, den Gästen kostenlos zu Verfügung stehende Duschen. Im Raum nebenan gibt es zwei Waschmaschinen, die für zwei Franken benutzt werden können. «Sauberkeit ist uns sehr wichtig», sagt Rubin, «es geht um die Würde der Besucher. Das Tageshaus soll ein gepflegter Ort sein.»

Besucher schätzen Gesellschaft

Im kleinen Innenhof des Hauses sitzen einige Männer um den Tisch, trinken Bier, rauchen Zigaretten. «Das ist der einzige Ort hier, wo Alkohol konsumiert werden darf», erklärt Rubin. Ansonsten gelten im Tageshaus, einem Angebot der Stiftung Sucht Basel, strenge Regeln. Klar verboten sind der Konsum von illegalen Substanzen und die Anwendung von Gewalt. Laut Rubin kein Problem für die Gäste: «Die Besucher tragen Sorge zum Haus, schliesslich ist es für viele der einzige Rückzugsort, den sie besitzen.» Die meisten der Obdachlosen, die hier sind, gehören auch zu den Stammkunden der Gassenküche und der Notschlafstelle. Am Tageshaus schätzen sie die warmen Mahlzeiten, aber vor allem auch die Gesellschaft anderer Leute. «Vor ein paar Monaten kam ich zum ersten Mal hierher», erzählt der 43-jährige Antonio. «Wegen der Gesellschaft komme ich regelmässig ins Tageshaus. Und weil ich Hilfe brauche auf der Suche nach einem Job. Alleine schaffe ich das nicht.»

«Super Bezugsperson»

Im Hintergrund ist leise die Stimme eines Sportkommentators zu hören. Zwei Leute sitzen auf dem Sofa und schauen die Ski-WM. Ansonsten ist es in der Cafeteria im ersten Stock erstaunlich ruhig. Einige Personen sitzen um einen Tisch und spielen Karten, andere lesen entspannt die Zeitung. Immer mehr Leute betreten den Raum, suchen sich einen Platz. Es ist Zeit fürs Mittagessen, und einer nach dem andern holt sich am Tresen einen Teller. Wurstaufschnitt, Oliven, eine warme Suppe: Die Besucher greifen herzhaft zu. «Ich bin seit zwanzig Jahren immer wieder hier, und ich muss sagen: Das Essen war nicht immer so gut wie heute», sagt Benno und lacht.

Der 63-Jährige gehört schon fast zum Inventar des Hauses, kennt alle Mitarbeiter und hilft sogar selbst ab und zu in der Küche mit. «Päuli ist eine super Bezugsperson», sagt er und schaut Rubin verschmitzt an, «seinen Job möchte ich ja nicht haben.» Es sei nicht immer einfach, sich von den Einzelschicksalen der Besucher abzugrenzen, meint Sozialpädagoge Rubin. «Aber viel Elend lässt sich mit Humor entdramatisieren.» Seine Arbeit gefalle ihm aus vielen Gründen. «Es gibt nur wenige Orte mit so vielen unterschiedlichen, interessanten Persönlichkeiten», erzählt er. Und: «Wenn es jemand schafft, den Anschluss und vielleicht sogar einen neue Arbeitsstelle zu finden, dann ist das ein grossartiges Gefühl.» Schliesslich sieht er seinen Job auch als eine Art moralische Verpflichtung. «Wie sagt man so schön: Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl des Schwachen. Klingt etwas pathetisch, ist aber so.»