Abenteurer

«Dieses verdammte Schaukeln»: Die wagemutige Arktisreise des Baslers Hans Beat Wieland

896 liess sich der 29-jährige Künstler Hans Beat Wieland im Fotostudio als Polarforscher inszenieren. Bei der Fellbekleidung handelte es sich um ein Kostüm.

896 liess sich der 29-jährige Künstler Hans Beat Wieland im Fotostudio als Polarforscher inszenieren. Bei der Fellbekleidung handelte es sich um ein Kostüm.

Im Sommer 1896 packte Hans Beat Wieland die Abenteuerlust: An Bord eines kleinen Dampfschiffs reiste der Basler Maler in die Arktis. Nicht die Kälte setzte ihm zu, sondern der starke Wellengang und der Umstand, dass er so gar nicht in die illustre Gesellschaft passte. Sandra Walser hat die Reise beschrieben im neuen Buch «Auf Nordlandfahrt». Das Folgende ist ein Auszug daraus.

Es ist Hochsommer, als Hans Beat Wieland eilig seine Wintersachen hervorsucht. Das nötige Kleingeld wird er auch noch «zusammenpumpen» müssen, verrät sein Tagebuch. Ein Telegramm hat ihm soeben die Teilnahme an Wilhelm Bades Nordlandfahrt zugesichert – zwei Tage vor der Abreise! Obwohl es in seinem grossen Freundes- und Bekanntenkreis niemanden gibt, der schon in der hohen Arktis gewesen wäre und ihm sagen könnte, was einen dort erwartet, lässt Wieland sich durch die kurze Vorbereitungszeit nicht aus der Ruhe bringen. Neben einem Set vornehmer Kleidung und der «Pelzjacke von Onkel Henri» packt der passionierte Berggänger einfach das ein, was er auch auf eine ausgedehnte Alpentour mitnehmen würde: eine Joppe und Hosen aus Wollstoff, zwei Hemden, dicke Socken und Bergstiefel. Ganz daneben liegen könne er damit nicht, denkt er sich. In Nordnorwegen, unterwegs nach Spitzbergen, würde er sich vielleicht noch Ausrüstung dazukaufen, ein gutes Messer beispielsweise oder einen Südwester, jene Kopfbedeckung, die Seeleute bei schlechtem Wetter tragen.

«Donnerwetter, das Leben!», ist in Wielands Aufzeichnungen zu lesen: Am 14. Juli 1896, nachts um 22 Uhr, steht der junge Schweizer «hochklopfenden Herzens» am Tor zur Welt, an den St.-Pauli-Landungsbrücken in Hamburg. Die «Erling Jarl» liegt dort vertäut, bereit zum Auslaufen. Wieland ist angetan vom schmucken, 60 Meter langen Gefährt, das sonst in Norwegen als Postschiff zwischen Trondheim und Hammerfest unterwegs ist. Es erinnert ihn an einen Bodenseedampfer, und er ahnt nicht, wie sehr er unter diesem «kleinen Format» später, auf offener See, noch zu leiden haben wird.

In guter Gesellschaft

Ganz der exklusiven Reise entsprechend, ist es eine kleine, aber feine Reisegruppe, die sich an Bord versammelt: 52 Passagiere sind es insgesamt: Kaufleute, Industrielle, Ärzte, Wissenschaftler, Juristen, diplomatische Vertreter, ranghohes Militär, ein Apotheker. Als Kunstmaler, stets knapp bei Kasse, fällt Hans Beat Wieland völlig aus dem Rahmen. Ganz unvorbereitet trifft ihn diese Situation nicht, zumindest verweisen einige Passagen in seinem Tagebuch auf eine vorgängige Auseinandersetzung mit dem Thema. Allerdings scheint ihn die fehlende Zugehörigkeit zum gehobenen Stand weniger beschäftigt zu haben als seine generelle Abneigung gegen zur Schau getragenen Reichtum und aufgesetzte Fassaden – das «Unechte», wie er es umschreibt, das er auf der «Erling Jarl» geballt anzutreffen fürchtete. Es überrascht Wieland schliesslich positiv, dass er neben «vielen Philistern» auch «einige nette Leute» kennenlernt.

Am besten versteht sich der 29-Jährige mit zwei ungefähr Gleichaltrigen: dem Berliner Geografen Georg Wegener und dem Essener Rechtsanwalt Victor Niemeyer. Das ebenso naturbegeisterte wie kulturell interessierte Trio unternimmt viele der Ausflüge gemeinsam und trägt auch zu einem abwechslungsreichen Schiffsalltag bei – nicht zuletzt, weil es um ein Spässchen nie verlegen ist. Im Salon tritt es oft «musikalisch-deklamatorisch» auf, mit Klavier, Violine, Gitarre oder Cococello. Entsprechende Unterstützung gibt es selbst für den Parademarsch, den einmal ein Dutzend jagdbegeisterte Herren mit ihren Gewehren zu Ehren eines mitreisenden Generalmajors veranstalten, angeführt von einem Gast aus Antwerpen, der kurzerhand einen Bergstock zwischen die Beine klemmt und den galoppierenden Adjutanten mimt.

Die Fahrt entlang der Packeiskante hielt Hans Beat Wieland in diesem Ölbild fest. Das Eismeer umschreibt er in seinem Tagebuch als «eine fremde Welt, eine Welt des Todes, die doch so anziehend auf uns wirkt».

Ölbild statt Fotografie

Die Fahrt entlang der Packeiskante hielt Hans Beat Wieland in diesem Ölbild fest. Das Eismeer umschreibt er in seinem Tagebuch als «eine fremde Welt, eine Welt des Todes, die doch so anziehend auf uns wirkt».

Ein gewisses internationales Flair umweht die Reise: Die Passagiere stammen zwar hauptsächlich aus Deutschland und Deutsch ist Bordsprache –, aber auch aus Rumänien, Österreich-Ungarn und den Niederlanden, aus Venezuela, Luxemburg, Belgien, der Schweiz und den USA. Viele sind, selbst für heutige Begriffe, weit gereist und haben von wilden Abenteuern in exotischen Ländern zu berichten.

Vermögend, gut ausgebildet, weit herumgekommen, weltläufig, polyglott: Die zu einem hohen Anteil aus Einzelreisenden bestehende Zufallsgemeinschaft ist, trotz unterschiedlicher Herkunft, äusserst homogen. Gerade mal sieben Frauen sind an Bord. Über sie ist sehr wenig bekannt, obwohl die Fahrt der «Erling Jarl» relativ gut und auch aus verschiedener, jedoch durchweg männlicher Perspektive dokumentiert ist. Wenn die Frauen überhaupt erwähnt werden, spielen sie – ganz typisch für die Zeit – höchstens eine Nebenrolle: als Ehefrau, Verlobte, Anstandsdame. Wie viele weibliche Gäste mit von der Partie waren, wissen wir heute beispielsweise, weil der noch ungebundene und daher Ausschau haltende Wieland seinem Tagebuch anvertraut: «Nachtessen animiert. Danach ein kleiner Tanz mit den sieben Damen. Gottlob, dass es nicht mehr sind!»

Befinden und Befindlichkeiten

Wenn 52 Menschen – unabhängig davon, wie gut sie sich kennen (oder eben nicht) – auf begrenztem Raum 34 Tage zusammen verbringen, sind gruppendynamische Komplikationen programmiert. Keinem dürfte diese Gefahr bewusster gewesen sein als Wilhelm Bade, dem Organisator und Leiter der Reise. 1869/70 hatte er Lagerkoller in Extremform kennen gelernt: Als Teilnehmer der unglücklichen zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition mussten er und 13 weitere Männer unter widrigsten Bedingungen vor der Küste Ostgrönlands acht Monate auf einer im Meer treibenden Eisscholle ausharren. Dabei war der Kampf ums nackte Überleben überraschenderweise beinahe zweitrangig. Deutlich mehr zu schaffen machte die Psyche. Am schlimmsten traf es ausgerechnet den Schiffsarzt, der auf keine der zahlreichen, oft durch Bade initiierten Routinen oder Ablenkungsmanöver ansprach und mit seinen wahnhaften Episoden alle auf Trab hielt.

Nun gelten für eine Vergnügungsreise natürlich ganz andere Vorzeichen als für eine Expedition mit ungewissem Ausgang. Dennoch bestehen in Bezug auf das soziale Gefüge durchaus Parallelen. Bade ist daher sichtlich bemüht, seine Gäste bei guter Laune zu halten – kein einfaches Unterfangen, denn nicht zuletzt bereiten auch logistische Faktoren Probleme. So liegt die Hauptattraktion, die Station des Nordpolfahrers Salomon A. Andrée auf Spitzbergen, von Hamburg aus rund 2000 Seemeilen (3700 Kilometer) entfernt. Hinzu kommt, dass eine gewisse Eile geboten ist: Andrée würde die Vorbereitungen für den Start seines Ballons spätestens Ende Juli abgeschlossen haben. Bade beschäftigt daher die dringliche Frage, ob es die «Erling Jarl» schaffen wird, das Basislager der Expedition auf Danskøya rechtzeitig zu erreichen – ansonsten dürfte die Enttäuschung unter den Passagieren gross sein.
Strecke machen ist also angesagt. Dies hat zur Folge, dass viel Zeit auf See verbracht wird, die wenigen Ausflüge kurz ausfallen und zu den unwahrscheinlichsten Tages- und Nachtstunden stattfinden – was bei so einigen gar nicht gut ankommt.

Aber im Grossen und Ganzen hat Bade verschiedentlich das Glück auf seiner Seite. Als er etwa in der norwegischen Küstenstadt Bergen zu einem dreistündigen Landgang lädt, liegt dort gerade die kaiserliche Jacht Hohenzollern vor Anker, was bei anderen Reisen als alleiniges Highlight genügt hätte. Und auf der Weiterfahrt passiert man den Polarkreis, der im Sommer gewissermassen den Übergang zum ewigen Tag markiert, symbolträchtig um Mitternacht. Feierlich versammelt sich die Gruppe in der «glühenden Morgenröte» an Deck zu einer dampfenden Punschbowle.

An den langen Seetagen im norwegischen Schärengarten unterhält Bade seine Gäste, von denen ihm viele ein ausgezeichnetes Erzähltalent attestieren, mit bunt ausgeschmückten Anekdoten aus seinem bewegten Seefahrerleben. Ansonsten wird gut und viel gegessen und getrunken, man spielt Schach und Skat, führt burleske Varietétheater auf und gründet eine Bordzeitung, der Wieland («leider», wie er sagt) als Redakteur vorsteht: Der «arctische Zonenkicker» veröffentlicht Beiträge der Reisenden, etwa Gedichte, die «in guter Anzahl und weniger guter Qualität» einlaufen.

«Die Geselligkeit an Bord macht grosse Fortschritte», konstatiert Wieland nach einigen Tagen. Gleichzeitig scheint sich auch eine Kluft aufzutun zwischen den wenigen «Wetterfesten» und den vielen «Eleganten» – zwischen jenen also, die dick eingepackt an Deck ausharren und nicht genug kriegen können von den vorbeiziehenden, immer unwirtlicher werdenden Landschaften, und jenen, die sich von den Nebelschwaden und dem pfeifenden Nordwind ins Schiffsinnere verscheuchen lassen. «Ich glaube, in manchem ist der Gedanke aufgestiegen, er sei für sein teures Geld eigentlich ungeheuer hereingefallen», meint Wieland und fügt etwas schnippisch hinzu, die betreffenden Gäste hätten sich in einem vornehmen norddeutschen Seebad bestimmt wohler gefühlt.

Traumschiff und locus terribilis

Wetterfest und elegant: Diese ungleiche Paarung wird während der ganzen Reise immer wieder zu Reibereien führen. Vermittelnd einzugreifen gelingt einzig der Natur, zumindest zeitweise – dann nämlich, wenn Wind und Wellen dafür sorgen, dass sich an Bord des kleinen Dampfers praktisch nur noch die gestandenen Seeleute so richtig wohlfühlen. Wieland bringt es auf den Punkt: «Die Seekrankheit hat entschieden etwas Demokratisches an sich. Sie lässt alle sich gleich schlecht aufführen, ein Genieren gibt’s nicht mehr.»

«Das verdammte Schaukeln» setzt nach rund 24 Stunden Fahrt ein, ohne Vorwarnung, als alle schlafen, mitten in der Nordsee. «Die Folgen – scheusslich: Ich hatte bald gar nichts mehr herzugeben, was mich dem Meer gegenüber in ziemliche Verlegenheit brachte. Ausser mir waren in allen Ecken des Schiffes verschiedene Leute in stiller emsiger Tätigkeit begriffen. Wenn man sich begegnete und einander in die blassen übernächtigten Gesichter schaute, war man sehr mutig und lächelte mit saurem Munde.»

Alle leiden, jede und jeder für sich – das schweisst zusammen. Das Gesprächsthema in den Gesellschaftsräumen, die sich nie ganz entvölkern, ist gesetzt. Man diskutiert etwa darüber, ob nun das Rollen oder das Stampfen des Schiffes die objektiv schlimmere Bewegung sei, und kommt nach ein paar Tagen zu einem eindeutigen Konsens: Das Stampfen!

Bald einmal entwickeln sich Galgenhumor und Schadenfreude zu neuen Disziplinen. Jede Speise wird als «Möwenfreude» begrüsst, und während man sie «unter Todesverachtung» einzunehmen versucht, gibt es ein «allgemeines Hallo und Määäh», wenn sich jemand empfehlen muss – obwohl die meisten selber «kurz vor der Explosion» stehen. Sprichworte wie «Wie gewonnen, so zerronnen» stehen hoch im Kurs. «Alles muss raus, alles, nur der Humor nicht», resümiert Wieland.

Manchmal geht buchstäblich alles drunter und drüber. Es ist kaum möglich, sich anzukleiden. Drei Gäste fallen der ganzen Länge nach auf die Nase, einer verletzt sich dabei, ein anderer wird sogar ohnmächtig. Die Suppe landet, kaum ist sie eingeschenkt, im nächsten Moment beim «Vis-à-Vis auf dem Schoss», Besteck und Geschirr fliegen in grossem Bogen über die Tische hinweg. Und als einer der Reisenden behauptet, das Schiff schwanke so stark, dass ihm die Plomben aus den Zähnen gefallen seien, ist sich keiner der Anwesenden so ganz sicher, ob die Äusserung nun im Scherz gemeint ist oder nicht...

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1