Barbara Gutzwiller, worüber reden wir?

Ich habe «Hierarchie» aus dem Nähkästchen gezogen.

Die Hierarchien in Schweizer Firmen werden immer flacher. Es gibt sogar Unternehmen, die ganz ohne Chefs auskommen – gehört der Holokratie die Zukunft?

Es ist sehr verführerisch, sich die Arbeit ohne Vorgesetzte vorzustellen. Ich denke, je mehr Verantwortung ein einzelner Mitarbeiter hat, desto motivierter ist er. Entscheidend dabei ist aber, dass klar ist, wer wofür zuständig ist in der Firma.

Sie glauben nicht an das cheflose Modell?

Es ist in meinen Augen ein gefährliches Konstrukt. Sobald es Probleme gibt, würden sich die Mitarbeiter die Verantwortung für Fehler zuschieben. Es braucht einen Chef, der geradesteht oder, wenn es nötig ist, durchgreift. Und gegen aussen braucht es ein Gesicht, eine Person, die die Firma vertritt. Einen weiteren problematischen Punkt orte ich bei den Finanzen.

Inwiefern?

Wenn niemand die Verantwortung über das Budget hat, ist es schwierig, diszipliniert zu sein. Man muss ja niemandem Rechenschaft ablegen. Da braucht es nur einen Mitarbeiter, der die Kosten nicht im Griff hat, und schon müssen alle den Kopf hinhalten.

Warum wird denn über dieses Thema diskutiert? Warum wollen die Mitarbeiter mehr Autonomie?

Die Gesellschaft tut sich zunehmend schwer mit Autoritäten, jeder möchte mitreden können. Die Menschen sind heute selbstbewusster, trauen sich mehr zu, was ja eine sehr gute Entwicklung ist.

Deshalb werden auch die Hierarchien immer flacher. Sie sind seit vielen Jahren Direktorin des Arbeitgeberverbands. Was sind Sie für eine Chefin?

Die Hierarchien hier sind klar geregelt. Aber ich beziehe meine neun Angestellten so oft wie möglich in Entscheidungen ein, hole ihre Meinungen ab. Die Gesprächskultur ist gut. Und das Vertrauen in ihre Leistung ist da, ich muss sie auch nicht ständig überwachen. Das war nicht immer so.

Wie war es denn?

Früher hatte ich Mühe damit, zu delegieren. Dachte, ich muss alles selber erledigen, damit das Resultat gut ist. Ja, ich war ein Kontrollfreak und musste mir das erst abgewöhnen. Ich brauchte eine Weile, bis ich realisierte, dass auch andere die Arbeit genauso gut erledigen können. Anders als ich, aber auch mit einem guten Ergebnis.

Halten Sie es auch privat gerne mit der Kontrolle? Woher kommt das ?

Dass ich ein Kontrollfreak bin? Nun, das war ich schon als Kind. Ich bin die älteste von drei Töchtern. Wir teilten eine grosse Kommode, wo wir unsere Spielsachen und andere Schätze verstauten, jede hatte ihre Schubladen. Ich achtete genau darauf, dass meine Schwestern davon auch nichts anfassten. Das ertrug ich nicht. So stellte ich kleine Fallen, platzierte die Dinge ganz speziell damit ich kontrollieren konnte, ob was angerührt wurde (lacht).

Heute haben sie längst eigene Kinder, diese sind bereits ausgezogen. Wer hat zuhause die Hosen an? Sie oder Ihr Mann?

Im Haushalt habe ich das Sagen und delegiere. Er hat dafür die Zügel in der Hand, wenn es um die Organisation unserer Ferien geht.

Wo reisen Sie am liebsten hin?

In die Schweizer Berge – am Meer langweile ich mich schnell und es ist mir zu heiss. Zum Leidwesen meines Mannes bin ich kein grosser Globetrotter. Ich habe ihm versprochen, dass wir nach meiner Pensionierung einmal weiter wegfliegen.

Weil sie Angst vor dem Terror haben, verbringen Schweizer ihre Ferien zunehmend im eigenen Land. Spielt diese Bedrohung für Sie auch eine Rolle?

Nein, nicht primär. Aber man macht sich halt schon mehr als früher Gedanken darüber, wo man hinreisen soll.

In Europa kann ja mittlerweile fast überall etwas passieren.

Klar, es ist eine Illusion, dass es einen Ort gibt, der sicher ist. Wir haben wohl zu Unrecht das Gefühl, dass in der Schweiz nichts passiert. Wahrscheinlich, weil wir bis jetzt verschont geblieben sind.

Nochmals zurück ins Büro. Ein Trend im Geschäftsleben ist auch, dass sich alle duzen. Beim Arbeitgeberverband auch?

Die Mitarbeiter unter sich tun das mehrheitlich. Ich bin aber mit allen per «Sie».

Warum?

Ich bin ja intern aufgestiegen und musste mir die neue Rolle erarbeiten. Da ist ein allzu kollegialer Umgang schwierig. Und es würde mir einfach nicht entsprechen: Ich muss nicht etwas mitmachen, nur weil es gerade Mode ist. Das ist nicht mein Stil.

Vor zwei Jahren feierten Sie Ihren 60. Geburtstag. Wann hören Sie auf?

Das wurde bereits geregelt. Ich werde noch bis Ende 2020 die Geschäfte des Arbeitgeberverbands leiten. Was danach kommt, steht noch in den Sternen.