Vaterschaftsurlaub
Dominik Büchel: «Eltern brauchen Zeit, um sich zu finden»

Der Verein Stimme Q setzt sich für die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung ein. Projektleiter Dominik Büchel sagt, wie wichtig der Vater in den ersten Lebensjahren ist.

Rebekka Balzarini
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Dominik Büchel, Projektleiter des Vereins Stimme Q.

Dominik Büchel, Projektleiter des Vereins Stimme Q.

Zur Verfügung gestellt

Eine Volksinitiative will, dass Väter in der Schweiz mehr Vaterschaftsurlaub erhalten. Konkret werden 20 Tage bezahlter Vaterschaftsurlaub gefordert, beziehbar innerhalb eines ein Jahres nach der Geburt. Macht diese Volksinitiative aus Ihrer Sicht Sinn?

Dominik Büchel: Ja. Auch wirtschaftlich gesehen ist ein Vaterschaftsurlaub sinnvoll: Mit dem Vorschlag der Initiative, bei dem die 20 Tage flexibel und tageweise bezogen werden können, lassen sich Beruf und Familie besser vereinbaren. Und das ist ja ein Erfordernis des Arbeitsmarktes. Die schweizerische Unesco-Kommission hat schon vor acht Jahren einen substanziellen Elternurlaub gefordert; dieser sei notwendig, damit die Rolle der Familie gestärkt werde und die Familien ihr Potenzial bei der Betreuung, Erziehung und Bildung ihrer Kinder ausschöpfen können. Diese Beurteilung ist nach wie vor richtig.

Was braucht ein neugeborenes Kind denn, um sich möglichst gut entwickeln zu können?

Neugeborene brauchen einen guten Start in ihrer Familie, da sie sich am Anfang des Lebens rasant entwickeln. Die Kleinkinder sind in den ersten Lebensmonaten auf besonder Fürsorge und auf verbindliche, zuverlässige Beziehungen angewiesen. Sie brauchen die Eltern und andere Bezugspersonen – zum Beispiel Geschwister, Grosseltern oder andere Betreuungspersonen, um sich mit ihnen auf die Entdeckungsreise des Lebens zu begeben. Sie brauchen ihre Eltern, die sie in ihrer Einzigartigkeit und Verschiedenheit anerkennen und bestärken. Sie brauchen Räume und Orte, wo sie sicher aufgehoben sind und wo sie ihre angeborene Neugier ausleben können.

Wie wichtig ist es für ein neugeborenes Kind, dass Mutter und Vater anwesend sind?

Aus den erwähnten Gründen ist es optimal, wenn sich ein Kind auf seine Eltern und deren Präsenz verlassen kann. Aber ein Vaterschaftsurlaub könnte auch den Vätern und Müttern guttun: Die Eltern brauchen Zeit, um sich als Familie zu finden und zu organisieren. Und viele Familien streben heutzutage ein partnerschaftliches Modell an, bei dem sich die Elternteile die Aufgaben teilen. Das geht natürlich nicht, wenn der Vater am übernächsten Tag wieder arbeiten muss.

Wann baut ein Kind die Verbindung zu den Eltern auf?

Die Beziehung zwischen Kind und Eltern beginnt ja bereits während der Schwangerschaft zu wachsen. Der Startzeitpunkt ist weniger bedeutend als die Frage, ob die Eltern die Zeit, die Energie, die Mittel oder die Unterstützung haben, um diese Beziehung dann auch in den vielen Jahren des Aufwachsens zu pflegen und zu stärken. Bei vielen Eltern ist das glücklicherweise der Fall.

Was hat es für Auswirkungen auf ein Kind und auf die Familie, wenn der Vater nach der Geburt nur einen Tag Urlaub hat?

Das ermöglicht der Familie keinen optimalen Start ins Familienleben, und diese Lücke kann allenfalls zu Stresssituationen führen. Aber vor allem fehlt dadurch ein nicht einmal so teures Zeichen, dass die Präsenz der Väter wertvoll ist und dass dies für alle Väter möglich sein soll. Nicht nur für diejenigen, die sich einen unbezahlten Urlaub leisten können.

In welchem beruflichen Umfeld können Eltern ihrem Kind denn am ehesten eine gute Entwicklung ermöglichen?

Das hängt natürlich von den Präferenzen und vom sozio-ökonomischen Status der Eltern ab: Wenn die Eltern möglichst viel arbeiten möchten oder müssen, ist eine gute familienergänzende Kinderbetreuung wichtig. Das können nahe Verwandte oder Freunde und Nachbarinnen, aber auch Tagesfamilien oder Krippen und ähnliche Angebote übernehmen. Zudem ist die Möglichzeit zur Teilzeitarbeit ein gutes Mittel, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Oder das Angebot eines Arbeitgebers, von daheim aus zu arbeiten. Oder sogar ein eigenes Kinderbetreuungsangebot des Arbeitgebers.

Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich? Gibt es ein Land, das besonders gute Voraussetzungen schafft bezüglich Anwesenheit von Vater und Mutter und Arbeitswelt?

Die Schweiz steht im internationalen Vergleich nichts besonders gut da. Es gibt viele Staaten, die mehr Fortschritte erzielt haben beim Urlaub von Eltern oder bei der Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu gehören wie zu erwarten die skandinavischen Staaten, aber etwa auch Deutschland oder Frankreich.