Basel hat wieder einen Verleger: Dominique P. Hiltbrunner. Jung (34) und erfolgreich obendrein: Vor Jahresfrist stieg er als Turnaround-Manager bei der Westschweizer Finanzzeitung «L’Agefi» ein. Im vergangenen August überzeugte er die Tamedia mit seiner Offerte für die altehrwürdige «Automobil Revue». Im September machte er das Angebot, die «Basler Zeitung» zu sanieren. Gegen Jahresende übernahm er in Basel die Zeitschrift «KMU:Blickpunkt» und kurz darauf die Gratiszeitung «Spatz». Am Freitag schliesslich verkündete Hiltbrunner die Teilübernahme des «Schweizer Bauer».

Innerhalb eines Jahres hat der Baselbieter den Umsatz seiner Mediengruppe damit nach eigenen Angaben vervierfacht. Mit über 130 Mitarbeitern setze er nun rund 34 Millionen Franken um.

Blendender Verkäufer

Hiltbrunner hat Ideen und ist ambitiös, er hat Projekte und ist ein blendender Verkäufer. Der «Spatz» beispielsweise, während 28 Jahren ein kleinformatiges Anzeigenblatt für kleinformatige Anzeigen mit rudimentärem PR-Textteil, will er zum journalistisch gemachten, monatlichen Zeitungsmagazin wandeln. Klingende Journalistennamen sollen den Medienplatz Basel weiter aufmischen.

Die erste Aufmachergeschichte nach neuem Konzept galt dem BaZ-Chefredaktor Markus Somm, geschrieben hat sie die Zürcher Journalistin (und BaZ-Autorin) Daniele Muscionico. Künftig werde der scharf schiessende («Weltwoche»-Autor) Kurt W. Zimmermann die Medienszene mit einer Kolumne ins Visier nehmen. Mit einer Auflage von 250000 Exemplaren verlege er mit dem «Spatz» die auflagenstärkste Zeitung der Region, sagt Hiltbrunner. Der Business-Plan sehe schwarze Zahlen im September vor, er erwarte sie mit der Juni-Ausgabe. Das ist erst der Anfang. Auf www.myspatz.ch entstehe ein regionaler Rubrikenmarkt, gratis. Und er fasst eine Expansion nach Bern und Zürich ins Auge.

Der «Spatz» sei ein privates Investment, sagt Hiltbrunner. Sein Kerngeschäft liege bei der Wirtschaftspresse und den Fachmedien. Doch der «Spatz» führt Hiltbrunner zu den Anfängen seiner jungen und doch stationenreichen Karriere zurück.

«Wollte sich unrechtmässig bereichern»

Als 17-jähriger begann Hiltbrunner im Verlag von Rudolf Gloor. Dieser verlegte das Gratismagazin «Regio aktuell», dessen Rechte er aus einer Konkursmasse übernommen hatte. Hiltbrunner erwies sich als hervorragender Verkäufer. Bereits in jungen Jahren hatte er ein Einkommen von über 100000 Franken und ein flottes Gefährt. Ein Studium der Juristerei hatte er begonnen, nicht zu Ende geführt. Mit 27 Jahren suchte er die Selbstständigkeit und erwarb von Gloor mehrheitlich den Verlag GTSBG mit dem englischsprachigen «Business Guide». Gloor und Hiltbrunner entzweiten sich. Hiltbrunner klagt, er habe viel zu viel bezahlen müssen. Offenkundig zahlte er dann zu wenig. Ein Vergleich verpflichtete ihn dann zur Zahlung von 50000 Franken.

Im Oktober 2008 wurde über die GTSBG der Konkurs verhängt. Gloor klagte auf betrügerischen Konkurs. Diesen Vorwurf konnte die Basler Staatsanwaltschaft nicht erhärten. Doch bei ihren Ermittlungen kam anderes zum Vorschein, wie sich aus der Anklageschrift vom 26. August 2010 ergibt. Veruntreuung, ungetreue Geschäftsbesorgung und mehrfache Urkundenfälschung lauten nun die Vorwürfe, die gegen Hiltbrunner erhoben wurden.

Staatsanwalt Christian Triet wirft Hiltbrunner vor, sich in mehreren Tranchen mindestens 413000 Franken unrechtmässig ausbezahlt zu haben. Als Rechtfertigung habe ihm die Erklärung gedient, die Firma, die er gekauft habe, müsse ihm als ehemaligem Anzeigenverkäufer den Kundenstamm abkaufen. Gemäss Staatsanwaltschaft habe Hiltbrunner damit die Firma geschädigt in der Absicht, sich selbst unrechtmässig zu bereichern. Die Vorwürfe wegen Urkundenfälschung beziehen sich auf falsche Auflagenbeglaubigungen für den «Business Guide». Zwar wurden demnach die Auflagen lediglich um 1100 Exemplare nach oben frisiert, doch dies kaschiert mit fiktiven Geschäften, die über Urkundenfälschungen selbst den Weg in die Buchhaltung fanden. Hiltbrunner sagt, er sehe dem Verfahren vor dem Basler Strafgericht gelassen entgegen. Es handle sich um alte, aufgeblasene Vorwürfe.

Übernahmen und Verkäufe wechseln sich ab

Durch das Strafverfahren liess er sich nicht von seinem Weg abbringen. Bereits 2007 zog Hiltbrunner nach Zürich, wo er für wenig Geld vom Verlag Jeker & Partner die lahmende Zeitschrift «Immobilien Business» übernahm. Mit den Adressen des «Business Guide», so erklärte Hiltbrunner damals, liesse sich die Auflage des «Immobilien Business» rasch verdoppeln. Tatsächlich: Das Heft, das er diesen Freitag an den St.Galler Verlag Galledia abstiess, weist ein beglaubigte Auflage von 14600 Exemplaren aus. Abonniert sind davon gerade knapp 3000 Stück.

2009 initiierte Hiltbrunner die Zeitschrift «Women in Business» mit einer Auflage von 25000 Exemplaren. Ein leises Raunen ging durch die Branche, da die absolute Zielgruppe kaum grösser ist und sich auch namhafte Wettbewerber in diesem Markt eine blutige Nase geholt hatten. Die aktuelle Auflage liege bei 12500 Exemplaren, sagt Hiltbrunner. Doch auch hier: Im Abo- und Einzelverkauf werden nur gerade rund 3000 Stück abgesetzt.

Hiltbrunner fängt auf , was anderen aus den Händen gleitet. Als das Kochmagazin «Marmite» vor der Einstellung stand, sprang er bei, hielt es zwei Jahre und gab es dann wieder ab. Bei der Übernahme erklärte Hiltbrunner, weshalb die Akquisition eine ideale Ergänzung sei. Beim Verkauf erklärte er, weshalb das Produkt nicht ins Sortiment passe.

«Gibt es strafrechtliche Verfahren?»

Den Sprung in eine obere Liga schaffte Hiltbrunner mit einem Mandat bei der Wirtschaftszeitung «L’Agefi», die zum defizitären Spielball des Gesundheitskonzern Genolier geworden war. Hiltbrunner sagt, er habe als Turnaround-Manager die Finanzzeitung innerhalb von acht Monaten in die schwarzen Zahlen geführt. Vor allem hat der deren Lifestyle-Titel in den neuen Verlag Media City AG ausgegliedert, an dem er die Hälfte der Anteile hält. Kommt es so wie angenommen, wird sich Hiltbrunner in einigen Wochen Drittelseigner bei «L’Agefi» nennen können.

Beeindruckt schien der Grosskonzern Tamedia. Auf der Suche nach Käufern für Titel, die ihren Renditeansprüchen nicht gerecht werden, berücksichtigte sie Hiltbrunner im August bei der «Automobil Revue» und diese Woche beim «Schweizer Bauer». Hiltbrunner hatte sich eloquent präsentiert, guter Journalismus ist ihm wichtig, er verspricht, mit bestehenden Personal zu arbeiten. Auf die Frage an die Tamedia, ob sie von einem strafrechtlichen Verfahren wisse, in die ihr Käufer verwickelt sei, folgt die Antwort: «Nein. Gibt es solche?»

Ein Geheimnis macht Hiltbrunner nicht nur aus dem Strafverfahren, sondern auch daraus, wie er seine Expansion finanziert. Selbst erwirtschaftet, meint er. Dazu Bankkredite, die er schnell wieder ablöse. Dritten gegenüber erwähnt er, er habe einen Financier. Die Grösse eines Vorhabens schreckt ihn jedenfalls nicht. Im September ging er auf damaligen Baz-Verleger Moritz Suter zu, meinte, ihm bei der «Basler Zeitung» aus der Patsche helfen zu können. Die Gespräche führten zu nichts ausser zu einer Spekulation im «Tages-Anzeiger», ein bisher weitgehend unbekannter Medienunternehmer namens Hiltbrunner könnte Verleger der Zeitung werden.

Ganz günstig dürften die Tamedia-Titel nicht gewesen sein. Der «Spatz» ist noch nicht bezahlt, sagt zumindest der bisherige Verleger Robert Schmid, der sich schneller vor der Tür seines Verlages Publitex gesehen hat, als es sich selbst vorgestellt hatte. Das Produkt in wirtschaftlicher Schieflage wird jedoch günstig zu haben gewesen sein. So wie der «Blickpunkt». Was Hiltbrunner für die Verlagsrechte bezahlt, fliesst direkt in die Konkursmasse des Blickpunkt:KMU Verlags GmbH.

Der Baselbieter schaut nach vorne. Die Auflage des «Blickpunkt» werde auf 70000 Exemplare hochgeschraubt. Jeder KMU-Betrieb soll das Magazin zugestellt erhalten, redaktionell aufgepeppt durch den ehemaligen «Bilanz»-Chefredaktor René Lüchinger. Dann werde er ein Holdingdach für alle seine Aktivitäten schaffen. Die Verwaltungsräte seien schon bestimmt. Hiltbrunner ist voller Pläne. Im April sind aber drei Tage schon fest verplant: Vom 25. an hat er seinen Gerichtstermin vor dem Basler Strafgericht.