Donna Leon, lieben Sie Venedig noch?

Donna Leon: Ja, ich liebe die Stadt immer noch. Aber ich finde es immer schwieriger, da zu leben. Die Menschenmenge, die Venedig überflutet, ist unerträglich. Venedig hat 57 000 Einwohner, manchmal sind aber einige Hunderttausend Menschen da, und das auf etwa 10 Prozent der Fläche der Stadt. Wenn sie sich gut verteilen würden, ginge es ja noch. Aber sie sind konzentriert zwischen Rialto, San Marco und Accademia. Und auf einer so kleinen Fläche lassen sich einige Hunderttausend Menschen nicht verstecken.

In Ihren Büchern nimmt die Zahl kritischer Bemerkungen über Venedig zu. In «Endlich mein», das Ende November auf Deutsch erscheint, sagt Flavia Petrelli: «Ich bin jetzt fast einen Monat hier, und in den Bars, wo die Venezianer unter sich sind und sagen, was sie wirklich denken, höre ich ständig, wie schrecklich es hier sei: die Menschenmassen, die Korruption, die Kreuzfahrtschiffe, und wie hier alles zugrunde geht.»

Es ist das, was ich in Venedig die Menschen sagen höre. Vor einiger Zeit sass ich in einer Bar, da waren drei Frauen, drei Venezianerinnen. Eine sagte zur anderen: «Hast Du in der Zeitung gelesen? Eines der Kreuzfahrtschiffe hätte fast die Riva degli Schiavoni gerammt. Und im Artikel stand, dass das Schiff die Basilika zerstört hätte, wäre es etwas näher an der Kirche aufgeprallt. Das ist doch schrecklich», sagte die Frau, «das würde die Stadt zerstören!» Da sagte ihre Nachbarin: «Ach was, Maria Grazia, mit dem Wiederaufbau der Basilika würde man eine Menge Geld verdienen.» Dass Venezianerinnen so zynisch sein können, hat mich entsetzt. Es stimmt schon: Es ist immer weniger schön, da zu leben. Der Tourismus verbreitet sich wie eine Amöbe in der Stadt und zerstört die Schönheit. Es hat überall Bancarelle, mobile Verkaufsstände, die billigste Souvenirs aus China verkaufen und das vor Denkmälern aus dem 15. oder 16. Jahrhundert. Die Schönheit der Stadt verschwindet hinter dem Touristen-Schund.

In «Tod zwischen den Zeilen» beschreiben Sie, wie Bootsführer Foa und Brunetti sich über ein Kreuzfahrtschiff entsetzen. Sind diese Schiffe das schlimmste?

Es ist, wie wenn man jemanden fragt, der Krebs hat, ob er von dem Krebs in der Leber oder dem im Hirn umgebracht wird. Die Kreuzfahrtschiffe zerstören die Stadt, weil sie Wellen verursachen, die die Bauwerke zerstören, was die Stadtadministration übrigens verneint. Aber die Gesetze der Physik sind da offenbar nicht zuständig. Der «Gazzettino» schrieb, dass ein Schiff so viel Schadstoffe ausstösst wie 15 000 Autos. Wenn sieben dieser Schiffe angedockt sind im Sommer, dann entspricht das 105 000 Autos mit laufendem Motor. Ich habe kürzlich gelesen, dass die Provinz von Venedig eine der höchsten Lungenkrebsraten in Europa hat. Wenn man als Tourist eine Woche da verbringt, macht das nichts. Aber wenn man da lebt, wird es gefährlich.

Hat es zu viel Schönheit in Venedig? In «Tod zwischen den Zeilen» sagt Brunetti, dass er versucht, jeweils nur ein schönes Ding aufs Mal anzuschauen.

Wenn man in Venedig lebt, besteht die Gefahr, der Schönheit gegenüber abzustumpfen. In der Vergangenheit gab es in der Stadt eine echte Harmonie der Schönheit. Heute ist ein grosser Teil der Stadt hässlich. Das grösste Problem sind die Bancarelle. Selbst bei der Rialtobrücke hat es zwei solche Stände. Es ist nicht mehr möglich, die Brücke zu fotografieren, ohne einen der Stände auf dem Bild zu haben. Das ist doch empörend. Es ist, wie wenn man das Gesicht einer schönen Frau oder eines schönen Mannes zerkratzen würde. Die meisten sensiblen Menschen haben eine unmittelbare Reaktion der Schönheit gegenüber. Schönheit befriedigt etwas in uns. Diese Schönheit mit Hässlichkeit zu umgeben, ist furchtbar. Warum machen die Menschen das? Natürlich des Geldes wegen. Aber warum lässt man das zu? Ich verstehe es nicht.

Sie schreiben: «Fact was meaningless: only art was real.» In der deutschen Übersetzung: «Was waren schon nackte Tatsachen im Vergleich zur Kunst.»

Wir vergessen Fakten. Sie verändern sich. Ich habe einst das Periodensystem gelernt und die Gesetze der Chemie. Diese Fakten haben sich geändert. Nur die Kunst bleibt. Kunst ist real. Solange jemand mit Augen die Porträts von Antonella di Messina anschaut, wird er die Schönheit der Porträts erkennen.

Im nächsten Buch, dem 24. Fall, wird Brunetti ins Theater «La Fenice» zurückkehren und begegnet der Sopranistin Flavia Petrelli wieder. Wenn man ihre Liebe zur Musik bedenkt, kommt die Rückkehr reichlich spät ...

Ja. Ich habe bisher zwei Bücher geschrieben, in denen Flavia vorkommt, das erste und das fünfte der Brunetti-Reihe. Ich liebe Opern und die Welt der Opern. Aber meine Leidenschaft ist nicht notwendigerweise die Leidenschaft der Leser. Ich habe zwei oder drei Bücher von Dick Francis gelesen, dann habe ich das Interesse an den Pferden verloren. Ich hatte Angst, ein drittes Buch in der Oper wäre zu viel. Die Leute hätten gesagt: Donna, hör auf! Geh zum Schlachthof oder wo auch immer sich Verbrechen ereignen. Ich habe deshalb die Oper gemieden. Dann hatte ich die Idee zu einer Geschichte rund um die «Tosca» und um gelbe Rosen. Und ich hatte so viel Spass beim Schreiben. Belcanto ist meine Schwäche. (lacht)

Brunetti ist anständig und bescheiden, er weiss viel und er ist glücklich in seinem Privatleben. Haben Sie je einen Polizisten mit diesen Eigenschaften getroffen?

Julius Caesar hat gesagt: «Lasst dicke Männer um mich sein!» Ich sage: Lasst glückliche Männer um mich sein. In Büchern hat es oft problembeladene Menschen. Ich möchte das nicht. Ich ertrage es nicht. Ich möchte glückliche Leute um mich herum haben. Brunetti ist glücklich, seine Familie ebenfalls. Und das ist nicht so ungewöhnlich. Ich glaube nicht, dass das einfach meine Sicht auf die Welt ist. Es gibt doch viele glückliche Leute auf der Welt, oder?

Warum haben Sie eigentlich eine männliche Hauptfigur erfunden und nicht eine Frau? Eine Paola Brunetti?

É Italia ... Da ist Autorität männlich. Ich habe das nicht gern, aber es ist so. Eine Frau müsste ihre Autorität immer herstellen und diskutieren. Brunetti nimmt man den Commissario sofort ab.

Paola ist Professorin für englische Literatur – ist sie also das, was Sie geworden wären, wenn Sie nicht 1979 Ihre Dissertation bei der Flucht aus dem Iran hätten zurücklassen müssen? Eine schlimme Vorstellung übrigens…

Ja, ich wäre wohl Akademikerin geworden und ich kann mir heute nichts Schrecklicheres vorstellen. Dass ich meine Dissertation verloren habe, ist das Beste, was mir je passiert ist. Ich hätte mein Leben unter Professoren verbringen müssen, in einer akademischen Welt voller Arroganz. Ich schaue heute zurück auf die Jahre an der Universität und den Unsinn, den ich da geschrieben habe, weil ich den Mut nicht hatte, zu sagen, dass es Unsinn ist. Als ich an der University of Indiana war, schrieb ein Typ eine Dissertation über den Gebrauch des Semikolons bei John Dryden. Selbst da hörte ich die Alarmglocken nicht, die sagten: «Donna, get the hell out of here!»

Geniessen Sie es immer noch, ein Buch im Jahr zu schreiben?

Ja, das macht so viel Spass. Mehr als alles andere. Und wenn es keinen Spass mehr macht, hör ich damit auf.

Wie entwickeln Sie die Ideen, wie recherchieren Sie?

Ich stosse oft zufällig auf ein Thema, das mich aus irgendeinem Grund interessiert. Kürzlich waren es Bienen. Ich habe viel über Bienen gelesen, die Probleme mit der Varroa-Milbe, das Bienensterben. Dann gab mir jemand Honig aus der Lagune. Ich fragte: Woher kommt der Honig? Wo leben die Bienen? Schon hatte ich eine neue Geschichte. Ich schwatze gerne mit den Leuten und höre zu und dann schnappe ich auf, was ich brauche.

Ihre Bücher wurden in 34 Sprachen übersetzt, aber nicht ins Italienische, weil sie in Venedig ein normales Leben führen wollen. Glauben Sie immer noch an die Illusion, da eine unbekannte «Americana» zu sein?

Ich bin es immer noch, aber immer weniger, denn ich verbringe nicht mehr so viel Zeit in Venedig. Im November ist es okay, von April bis September möchte ich nicht mehr in Venedig sein. Sicher nicht im Juli oder im August.

Sind Sie mehr Amerikanerin oder Italienerin?

Ich bin absolut Amerikanerin. Die Jahre, in denen ich geformt wurde und die Ideen aufnahm, die jetzt auch immer wieder auftauchen, was ich als richtig oder falsch empfinde, mein Verhalten, das ist alles amerikanisch, sehr angelsächsisch. Italiener sind geduldiger, leidenschaftlicher, aber hauptsächlich sind sie toleranter. Sie wollen Dir ihre Ansichten nicht aufdrängen. Ich kenne wenig Italiener, die meinen, allein so wie sie glauben und denken sei es richtig – vielleicht mit Ausnahme, wenn es um das Essen geht. Aber sonst nicht. Nicht einmal bei der Religion.

Wie schreiben Sie? Haben Sie einen Lieblingsort oder ein Ritual?

Nein. Ich schreibe überall. Ich muss bloss sicherstellen, dass mich niemand stört. Ich kann ausgehen, jemanden zum Kaffee treffen, aber ich brauche ein Nest für eine Woche oder so. Und ich kann es gut drei Monate ohne Arbeit aushalten.

Normalerweise ereignen sich die Verbrechen, vor allem die Gewalt, ausserhalb ihrer Erzählungen. Sie hat meist schon stattgefunden, bevor die Geschichte beginnt. Warum?

Weil ich die Poetik gelesen habe. Man macht auf der Bühne keine schmutzigen Dinge. Gewalt zu sehen, ist schlecht für die Leute. Ich weiss, dass ich wie ein evangelikaler Pastor töne, aber ich glaube es. Medea tötet die Kinder nicht auf der Bühne. Der Melder kommt und erzählt davon. Man muss es sich vorstellen, es ist lebendig erzählt, aber man sieht es nicht passieren. Ich finde es pervers, Gewalt zu zeigen und zu erzählen.

Denken Sie, dass das heute ein Problem ist in Film und Literatur?

Und bei Computerspielen. Denn wenn man einmal damit anfängt, beginnt eine Spirale. Es braucht immer mehr, um denselben Effekt zu erzielen. Ich finde das furchtbar und beschreibe Gewalt deshalb nicht.

Sie sind nicht nur berühmt für Ihre Bücher, sondern auch für Ihre Liebe zur Musik, vor allem zu Händel. Wie kam es zu dieser Händel-Liebe?

Ich hörte den «Messias», als ich an der Uni war, und es hat mich umgehauen. Als ich eine junge Erwachsene war, suchte ich Händels Musik. Damals hörte man noch nicht viel Händel in den USA. Dann habe ich ihn entdeckt, Alcina, Julio Cesare, ich liebe seine Musik mehr, als alles andere in der Welt.

Machen Sie selbst Musik oder beschränken Sie sich aufs Zuhören?

Ich höre nur zu. Ich wollte immer lernen, eine Partitur zu lesen. Aber ich schaffe es bis heute nicht.

Wird es einen 25. Brunetti geben?

Ja und ich hatte auch schon eine Idee für einen 26. Band. Jetzt schreibe ich zuerst über Bienen in der Lagune, danach könnte etwas über Bed & Breakfasts kommen. Ich freue mich schon darauf.