Macht das Leben noch einen Sinn, wenn man das Filmfestival Bildrausch verpasst? Nach einem Gespräch mit den künstlerischen Leitern Nicole Reinhard und Beat Schneider kommt man zur Auffassung: Nein. Reinhard hat sich in jeden einzelnen der ausgewählten Filme verliebt, und so sie spricht sie auch über einen jeden mit einer bedingungslosen Hingerissenheit, der man sich kaum entziehen kann.

Zum Beispiel über den Eröffnungsfilm «Shirley – Visions of Reality» vom Mittwochabend: «Jede einzelne Sekunde könnte ein Gemälde Edward Hoppers sein», sagt Reinhard. 13 Einstellungen sind tatsächlich eins zu eins seinen Werken nachempfunden. «Diesen Film müssen wir haben», wussten Schneider und Reinhard noch während sie ihn an der Berlinale schauten. Sie begann, ausnahmsweise bereits im Kinosaal per Handy den Verleiher zu googeln. «Und kaum war der Film fertig, stürmte der gut vernetzte Kurator Olaf Möller mit uns an den österreichischen Stand».

Nicht auf Mainstream geschliffen

Mit dem physischen und psychischen Einsatz von Stuntleuten, so stellt man sichs vor, rennen die beiden von Festival zu Festival und ringen dort darum, ihre Lieblingsfilme mit nach Hause nehmen zu dürfen, wenigstens für eine Nacht. «Festival der Festivals» nennen sie «Bildrausch» denn auch. Die Perlen zahlreicher vorangegangener Filmfestspiele werden während fünf Tagen und Nächten auch in Basel gezeigt. Meist Exklusives, das vorher und nachher nie mehr auf einer Schweizer Leinwand gesehen werden kann, so manches ist nicht einmal als DVD erhältlich.

Zwölf dieser Entdeckungen laufen unter dem Stichwort «Internationaler Wettbewerb» – daraus wählt hier eine vierköpfige Jury wiederum einen Favoriten aus. Die Gewinnerin oder der Gewinner erhält am Sonntag keinen Pokal, der auf einem Estrich Staub ansetzen wird, sondern einen massgeschneiderten Ring mit eingraviertem Datum und Filmtitel sowie einem Rohdiamanten. «Wie unsere Filme, nicht auf Mainstream geschliffen», sagt Reinhard.

Filme aus Russland und Iran

Ausser Konkurrenz laufen die Hommages an zwei grosse Filmemacher: den Russen Marlen Chuciev und den Iraner Amir Naderi. Reinhard war in Venedig wider Erwarten begeistert von Naderis Film «Cut». Darin steckt ein Filmfreak viel Schläge für seine Passion ein. Zum internationalen Star wurde Naderi 1985 mit «Runner», in dessen berühmtester Szene das Waisenkind Amiru auf seinen Botengängen mit einem Eisblock in der Hand durchs Feuer rennt. Chucievs Filme bezauberten Schneider durch ihre leichtfüssige Poesie.

Naderi (73) und der fast 90-jährige Chuciev werden während des ganzen Festivals anwesend sein. Ebenso fast alle weiteren Regisseurinnen und Regisseure. Das Publikum kann also nicht nur den Werken, sondern auch den Machern persönlich begegnen. Nach den Gesprächen, an der Bar, am Grill oder während der Filmnacht. Neu bespielt das Festival zudem zwei Kinosäle – einen im Stadt- sowie einen im Kultkino Atelier eine Etage weiter unten. Auch das Budget ist dank den Swisslos-Fonds beider Basel auf 245 000 Franken angewachsen.

«Zoom» auf regionale Filme

Während «Bildrausch» sich auf einen kleinen Ausschnitt des aktuellen internationalen Filmschaffens konzentriert, macht das Filmfestival Zoom das regionale Filmschaffen ganz gross. «Basler Filme im Fokus», dieser Untertitel sagt, worum es geht. Insgesamt 20 Werke – Lang-, Kurz- und Kunstfilme sowie Spots, eingegeben von Regisseurinnen und Regisseuren aus der Region – werden kommenden Freitag und Samstag im Schauspielhaus gezeigt, verteilt auf sechs Blocks. Die Siegerfilme jeder Kategorie werden am Samstagabend bekannt gegeben. Am begehrtesten ist wohl der Basler Filmpreis für den besten Langfilm; dieser wird am Sonntagmorgen noch einmal vorgeführt.

«Ich bin jedes Jahr von neuem beeindruckt, wie viele tolle, schöne Filme in Basel gemacht werden», sagt Pascal Trächslin, Vorstandsmitglied des Vereins Balimage, der «Zoom» organisiert. Wieder haben in jüngster Zeit mehrere Basler Regisseure wichtige Preise abgeholt, unter anderem in Solothurn und Nyon – trotz der im kantonalen Vergleich äusserst knapp bemessenen Fördergelder.

Eine bessere Unterstützung für hiesige Filmemacher stellten die Kulturchefs beider Basel letzten Herbst in Aussicht. Noch diesen Sommer wollen sie eine neue Lösung präsentieren. In der jetzigen Not lassen viele Basler Regisseure ihre Filme in anderen Kantonen produzieren. Vor allem die teuren Spielfilme. Einiges günstiger in der Herstellung sind Dokumentarfilme. So ist es kein Zufall, dass dieses Jahr am «Zoom» ausschliesslich Dok-Filme in der Kategorie Langfilme zu sehen sind. Auch dieser Trend sei aus der Not geboren, sagt Trächslin.

Bereits in Solothurn gut angekommen ist Frank Matters Dokfilm «Von Heute auf Morgen». Darin wehren sich alte Menschen mit Stur- und Gewitztheit dagegen, ins Altersheim abgeschoben zu werden. Schräger Humor ist auch das Markenzeichen der Frauenband Les Reines Prochaines, deren Tournee-Alltag Claudia Wilke filmte. Rund um die Welt führt Carlos Kleins «Where the Condors Fly», produziert von Vadim Jendreyko. Und Sören Senn interessiert sich für Aufstieg und Fall eines Privatbankiers, der sich 1970 mit Zyankali das Leben nahm.

Die beiden Festivals teilen sich ein Wochenende und hoffen, dass sich das gemäss Trächslin «unterschiedliche Publikum stärker durchmischt und die Festivalsogwirkung doppelt wirkt». Und Nicole Reinhards optimistische Zukunftsprognose lautet: «In fünf Jahren ist die Kunststadt Basel auch eine Filmstadt.»