Die bz im Jura
Dort unterwegs, wo die Luxusuhren herkommen

Der Berner Jura gehört zu den Hochburgen der Uhrenproduktion. Das Longines-Museum zelebriert die Vergangenheit. Die bz ist zwei Wochen lang im Jura unterwegs auf der Suche nach Orten, die typisch für Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur des Juras sind .

Dimitri Hofer
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Die Produktionshallen von Longines befinden sich seit den Anfängen des Unternehmens in Saint-Imier.

Die Produktionshallen von Longines befinden sich seit den Anfängen des Unternehmens in Saint-Imier.

Dimitri Hofer

Das Vallon de Saint-Imier im Berner Jura hat seine besten Zeiten hinter sich. Fährt man durch das derzeit von herbstlich gefärbten Wäldern eingebettete Tälchen, fällt der Blick immer wieder auf leerstehende Industriegebäude. In einigen davon wurden einst Uhren fabriziert, für welche die Region noch immer schweizweit bekannt ist.

Im Jura unterwegs

So nahe und doch so unbekannt, das ist der Jura für die meisten Menschen in der Region Basel. Denn im Nachbarkanton ist der Alltag anders als bei uns. Die bz ist zwei Wochen lang im Jura unterwegs auf der Suche nach Orten, die typisch für Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur des Juras sind und auch deshalb einen Besuch lohnen. Die bz legt bei ihren Besuchen den Fokus auf den Kanton Jura, sieht es aber mit den Kantonsgrenzen bewusst nicht so eng.
Bereits erschienen: «Das freut die Deutschschweizer Gaumen» (2.10.), «Wanderung am Étang de la Gruère» (4.10.)

Der Ölschock und das Aufkommen von Quarz-Uhren setzte in den Siebzigerjahren der Branche stark zu. Auch im Vallon de Saint-Imier mussten zahlreiche Firmen schliessen. Selbst die im Städtchen Saint-Imier beheimatete Weltmarke Longines kämpfte damals ums Überleben. Das Unternehmen ist zwar seit der Integration in die Swatch Group nicht mehr unabhängig. Unterhalb des Chasserals, wo sich seit den Anfängen im Jahr 1832 der Hauptsitz befindet, stellt der Betrieb aber weiterhin Luxusuhren her. Rund 500 Mitarbeiter, darunter auch etliche aus dem nahen Frankreich, sind in den weitläufigen Produktionshallen tätig.

Wenn sie möchten, können sich die Angestellten jeden Tag die Geschichte ihres Arbeitgebers zu Gemüte führen. Im selben Gebäude, in dem die teuren Uhren entstehen, richtete sich das Unternehmen ein Museum ein. Dessen Besuch lohnt sich trotz der knapp zwei Autostunden, die Saint-Imier von Basel entfernt liegt, auf jeden Fall. Der Eintritt ist kostenlos und die Einrichtung jeden Tag unter der Woche geöffnet. Es lohnt sich jedoch, sich anzumelden, damit die Verantwortlichen eine Führung einplanen können.

Lindbergh vertraute Longines

In vier Räumen beleuchtet die Einrichtung die Vergangenheit der Firma mit der geflügelten Sanduhr. Vorbei an durchgestylten Plakaten von Schauspielerin Kate Winslet, der aktuellen Longines-Werbeträgerin, geht es in den Eingangsbereich des Museums. Dort lagern, fein säuberlich in Bänden zusammengefasst, Auflistungen sämtlicher in der Fabrik hergestellten Uhren seit dem Beginn im 19. Jahrhundert. «Dieses Archiv ist für uns von unschätzbarem Wert», erklärt Marion Trummer, die als Historikerin für die Aufarbeitung der Geschichte von Longines zuständig ist. Immer wieder suche man für Partnerfirmen, aber auch für Uhrenforscher, in den Bänden nach Informationen über die verschiedenen Modelle.

Andernorts stehen die beiden Themengebiete Abenteuer und Pioniergeist im Fokus. So wurde im Mai 1927, als Charles Lindbergh als erste Person alleine den Atlantik überquerte, die Zeit mit einer Longines-Uhr gemessen. Der Flugpionier entwarf nach diesem Flug gemeinsam mit dem Westschweizer Uhrenhersteller eine Pilotenuhr, die heute in Sammlerkreisen sehr gefragt ist. Auch Roald Amundsen und Amelia Earhart vertrauten bei ihren Pionierleisten auf die Dienste der Uhren aus Saint-Imier.

Einem grösseren Publikum ist Longines durch seine Präsenz bei Sportveranstaltungen bekannt. Beim Reitsport, Ski Alpin, Kunstturnen und Bogenschiessen ist die Firma weltweit offizieller Zeitmesser. Ein grosser Raum mit vielen historischen Messgeräten widmet sich diesem Umstand.

undefined Im Museum befindet sich ein Nachbau der Spirit of St. Louis.

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Dimitri Hofer

Unterwegs auf dem Uhrenweg

Will man in die Geschichte der Uhrmacherei im Jura eintauchen, muss man nicht unbedingt den Weg nach Saint-Imier antreten. Auch das näher bei Basel gelegene Porrentruy besitzt eine lange Tradition in der Herstellung von Uhren.

Im Städtchen in der Ajoie existieren noch immer einige geschichatsträchtige Firmen. Allen voran die Uhrenfabrik Louis Chevrolet, welche nach dem aus dem Jura stammenden Autorennfahrer benannt wurde. Das Unternehmen bietet geführte Betriebsbesichtigungen an. Die Besucherinnen und Besucher können der Entstehung einer Uhr von der ersten Skizze bis zum fertigen Produkt beiwohnen.

Der Pruntruter Uhrenweg führt den Interessierten hingegen die Schätze der Uhrmacher-Vergangenheit vor Augen. Der Weg beginnt bei den Sonnenuhren beim botanischen Garten. Weitere Stationen sind der Meridian des Stadthauses und die Turmuhr der Porte de France. Seinen Abschluss findet der Weg bei den Kirchenuhren in der Altstadt von Porrentruy.

Trotz seines Uhrenwegs ist Porrentruy übrigens etwas nicht gelungen, womit sich zwei Uhrenstädte im Kanton Neuenburg rühmen können. Aufgrund ihrer Architektur gehören Le Locle und La Chaux-de-Fonds zum Weltkulturerbe. Die Unesco begründete ihren Entscheid damit, dass in den Ortschaften eine Symbiose zwischen Uhrenindustrie und Städtebau anzutreffen sei.