Doktor Roger Federer. Von dieser Anrede hat der heutige Tennisstar wohl nicht geträumt, als er mit 16 Jahren die Schule verliess, um sich in Zukunft auf das kunstvolle Verdreschen gelber Filzbälle zu konzentrieren. Und doch trat am Dies Academicus die Rektorin der Universität Basel, ihre Magnifizenz Professor Doktor Andrea Schenker Wicki ans Rednerpult, blickte in eine Martinskirche voller hochrangiger Akademiker, Politiker, Wirtschaftsbosse und Studenten und sagte: «Ich bitte nun den Dekan der Medizinischen Fakultät, seine Spektabilität, Professor Doktor Thomas Gasser, eine Ehrenpromotion vorzunehmen.» Und der verlieh dem Tenniswunder aus der Region Basel die Würde eines Doktor Honoris Causa, für sein Wirken für den Sport und seine karitativen Tätigkeiten.

Federer selbst sagte in der Videobotschaft, mit der er sich bedankte, damit hätte er nie gerechnet und er freue sich riesig «wie über einen Grand-Slam-Titel». Entgegengenommen hatte den Preis seine Schwester Diana. Federer selbst habe versprochen «irgendwann einmal» an einen Dies zu kommen.

Doch die Wahl sorgte nicht nur für grossen Applaus in der Martinskirche, sondern später, vor dem Portal, auch für einige Kritik. Gerade von Medizinern. «Sehr fantasielos», lautete ein Urteil. «Spitzensportler sind die besten Kunden der Chirurgen und Orthopäden und nicht unbedingt Vorbilder in Sachen Gesundheit», die bissige Bemerkung eines anderen.

«Der Ehrendoktortitel für Roger Federer scheint mir spontan ein populistischer Entscheid zu sein», sagt auch Ueli Mäder. «So kommt eine gewisse Beliebigkeit in den Dies Academicus, und die Universität riskiert, an wirklichem Respekt zu verlieren.» Der frühere Soziologieprofessor hat in seiner Zeit als Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät selber mehrere Ehrendoktortitel mitverliehen. «Roger Federer ist sicherlich ein aussergewöhnlicher Sportler, aber er regt mit seiner Arbeit kaum zum kritischen Nachdenken an.» Er mache zwar in Interviews einen sympathischen und schlagfertigen Eindruck, «aber sonderlich couragiert oder tiefgründig sind seine öffentlich geäusserten Gedanken nicht».

Auch sei der Tennisstar «der Inbegriff von jemanden, der sich gut vermarkten kann», sagt Mäder. «Er ist stark auf seine eigenen Vorteile bedacht. Dazu passt seine Luxus-Wohnung in Dubai. Das sind nicht die Zeichen, die ich mir von einem Vorbild wünsche.»

Boxer und Politiker

Ehrendoktorate haben keinerlei akademische Bedeutung. Meist werden sie aber dennoch an Akademiker verliehen, wie etwa die andere kontroverse Ehrung am Dies Academicus, jene für den Präsidenten der Schweizer Nationalbank, Thomas Jordan. Der Mann, der 2015 den Mindestkurs des Franken zum Euro aufhob, ist offenbar nicht allen Ökonomen gleich genehm. Aber ein Sportler?!

Die Frage wurde am Freitag oft gestellt und doch gibt es zumindest ein prominentes Beispiel unter den unzähligen Politikern, Stars und Sternchen, die sich mit dem Dr. hc. einer, oder gar mehrerer Universitäten brüsten dürfen. Es handelt sich um Dr. hc. Muhammad Ali, Weltmeister aller Klassen und Ehrendoktor der Eliteuniversität Princeton. Allerdings erhielt Ali seinen Doktortitel in Geisteswissenschaften, da er für sein ehrenamtliches Wirken geehrt wurde.

Die Praxis der Verleihung von Ehrendoktorwürden datiert zurück bis ins Oxford des 15. Jahrhunderts. Sie ist nicht unumstritten, da auch schon Universitäten beschuldigt wurden, grosszügige Geldgeber zu honorieren. Und immer wieder kam und kommt es zu Fällen, in denen Universitäten die Ehrung bereuen, oder sogar zurückziehen müssen.

Prominente Beispiele sind die mit Titeln überhäuften Diktatoren von Adolf Hitler bis Robert Mugabe. Oder der der mehrfachen Vergewaltigung beschuldigte amerikanische Unterhalter Bill Cosby, der mittlerweile einige seiner Dr. hc. wieder eingebüsst hat. Erst im letzten Jahr entschied dagegen die Universität Lausanne, den 1937 an den italienischen Diktator Benito Mussolini verliehenen Ehrendoktor nicht zurückzunehmen.

Was die Motivation der Uni Basel angeht, Roger Federer in den Doktorenstand zu erheben, wurden am Dies Academicus viele Vermutungen angestellt: Die Uni wolle sich ein wenig im Glanze des berühmten Sohnes der Stadt sonnen. Oder gar, es sei ein «Züggerli» für das Baselbiet, dessen bekanntester Export Federer sei.