Surprise-Stadtführung
Drei Experten zeigen verschiedene Stationen aus ihrem Leben auf der Gass

Ein Obdachloser, ein Armutsbetroffener und ein Ausgesteuerter zeigen die Stadt Basel aus ihrm Blickwinkel. Am Surprise-Stadtrundgang kann man die Stationen und Institutionen entdecken, die Randständigen in ihrem Alltag über die Runden helfen.

Eva Wieser
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Mit seiner lauten Stimme für viele nicht mehr wegzudenken: Wolfgang Kreibich am Bahnhof SBB mit dem Surprise-Strassenmagazin (rechts). Zusammen mit Rolf Mauti zeigen die beiden Stadtführer den Bahnhof aus dem Blickwinkel von Randständigen.
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In der Werkstatt Jobshop werden Pillenbatterien für Uhren verpackt: Diese Aufgabe gibt Armutsbetroffenen eine Tagesstruktur und fünf Franken Motivationsgeld pro Stunde verrichteter Arbeit.
Die beiden Stadtführer Rolf Mauti und Wolfgang Kreibich (von links) diskutieren mit dem Leiter des Tageshauses für Obdachloses. Die Anlaufstelle bietet für viele ein öffentliches Wohnzimmer, wo sie sich in Ruhe zurückziehen können.
Am Surprise-Stadtrundgang steht der Rand im Zentrum
Er kennt die Werkstatt Jobshop nicht nur von aussen, sondern auch aus der Sicht als Arbeitnehmer: Rolf Mauti (links) ging über ein Jahr in diesem Betrieb ein und aus, um beim Verrichten niederschwelliger Arbeiten mitzuhelfen. Nun ist er Surprise-Stadtführer geworden und berichtet zusammen mit Wolfgang Kreibich über seine auf der Strasse gesammelten Erfahrungen.

Mit seiner lauten Stimme für viele nicht mehr wegzudenken: Wolfgang Kreibich am Bahnhof SBB mit dem Surprise-Strassenmagazin (rechts). Zusammen mit Rolf Mauti zeigen die beiden Stadtführer den Bahnhof aus dem Blickwinkel von Randständigen.

Juri Junkov

Rolf Mauti ist Fachmann für Obdachlosigkeit, Wolfgang Kreibichs Spezialgebiet ist die Armut. Beide haben seit dieser Woche eine neue Aufgabe: Sie sind nun Stadtführer. «Früher war hier eine lange Bank», sagt Mauti. Er steht auf der Passerelle des Bahnhof SBB in seiner roten und brandneuen Jacke, die gross mit «Surprise Stadtführer» beschriftet ist. «Nun ist die Bank nicht mehr durchgehend, zudem wurden Armlehnen montiert, damit sich niemand hinlegen kann» - das ist die Optik von Rolf Mauti: Er muss es wissen. Er lebt seit 2009 auf der Strasse.

Am Bahnhof befindet sich jedoch nur seine Notschlafstelle. «Meistens verbringe ich die Nacht zwischen Riehen und dem Flughafen.» Mauti ist in Erzähllaune: Sein neuer Job als Stadtführer scheint dem gelernten Matrosen und Chemikanten zu gefallen. Der 60-Jährige enthüllt sein Strassenwissen: Die Öffnungszeiten der Wartsäle sowie der allgemein zugänglichen Toiletten; er kennt die Orte, wo es Gratis-Tee, ein Brötchen oder eine Suppe gibt und wann jeweils die verschiedenen Anlaufstellen für Randständige offen stehen - etwa das Tageshaus für Obdachlose. «Mein persönliches Wohnzimmer», sagt Mauti, während er die Tür aufstösst. Die Institution ist eine von zwanzig Stationen der Stadtführung.

Mit seiner lauten Stimme ruft der Surprise-Strassenmagazin-Verkäufer Wolfgang Kreibich nach dem Leiter des Tageshauses: «Paul, Auftritt!» Während der rund zwei Stunden dauernden Führung trifft die Gruppe auf die Verantwortlichen der einzelnen Stationen. Paul Rubin zeigt die Räumlichkeiten und erzählt von der Philosophie des Tageshauses: «Wir sind wie ein Kaffee ohne Konsumationszwang, ein Aufenthaltsort für Armutsbetroffene».

Visavis ist der Arbeitsort für Randständige: die Werkstatt Jobshop. Das Konzept ist einfach: «Wer will, kann hier niederschwellige Arbeit verrichten. Lohn gibt es keinen, pro Stunde werden aber fünf Franken Motivationsgeld bezahlt», erklärt der Leiter Robert Schreiber. Die Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. «Die Leute sollen hier wertschöpfende Arbeiten verrichten», sagt Schreiber.

Drei verschiedene Routen

Früher war auch Stadtführer Mauti in der Werkstatt tätig. Diese und weitere Orte, bei denen viele Leute wegschauen, will der Stadtführer nun der Öffentlichkeit zeigen. Auch Wolfgang Kreibich ist voller Tatendrang: «Jetzt haben wir eine Möglichkeit zum Absprung.» Mit im Team der frisch rekrutierten Stadtführer ist auch Markus Christen. Dieser führt seine Gruppen durch das Kleinbasel. Jeder Experte zeigt auf seiner Route, was er am besten kennt. Denn es sind die berührenden und persönlichen Geschichten aus einem unbekannten, aber existenten Alltag.