Bildung

Drittes Kindergartenjahr soll’s richten

«Gleiche Startchancen für alle»: Die FDP will die Deutschkenntnisse von Kindern künftig früher fördern. Im Bild der Tag der offenen Türe im Lenzburger Kindergarten Fünflinden.Chris Iseli

«Gleiche Startchancen für alle»: Die FDP will die Deutschkenntnisse von Kindern künftig früher fördern. Im Bild der Tag der offenen Türe im Lenzburger Kindergarten Fünflinden.Chris Iseli

Die Alternative Riehens zur Einführungsklasse wird scharf kritisiert. Andere Kantone sind mutiger.

Nun ist es raus, das gutgehütete Geheimnis zu Alternativen für die abgeschaffte Einführungsklasse (EK) in Riehen: Eine Option auf ein drittes Kindergartenjahr soll entwicklungsverzögerten Kindern den Einstieg in die Primarschule ermöglichen.

Gegen diese Pläne, zu denen sich der Riehener Gemeinderat noch nicht äussern will, regt sich heftiger Widerstand. Wie die bz am Montag berichtete, ist eine Unterschriftensammlung für die Wiedereinführung der EK in Vorbereitung. Und in der zuständigen Einwohnerratskommission hat sich gemäss bz-Informationen eine Subkommission formiert, die am Montag ihre erste Sitzung hatte.

SVP-Einwohnerrat und Subkommissionspräsident Peter A. Vogt sagt: «Persönlich halte ich ein drittes Kindergartenjahr für keine zielführende Alternative zur Einführungsklasse. In Einzelfällen allerdings kann dies durchaus der Fall sein und als Kommissionspräsident werde ich selbstverständlich offene Ohren für die Befürworter haben.»

Als ehemaliger EK-Lehrer glaube er nicht, dass auf Kindergartenstufe in Bezug auf die schulische Bildung der Kinder dasselbe geleistet werden könne wie in einer Einführungsklasse mit spezialisierten Lehrerinnen und Lehrern. «Der vorliegende Konzeptentwurf wirft etliche Fragen auf, die in der Subkommission besprochen werden sollen. Und auch die Kostenfrage soll genau durchleuchtet werden.»

Kindergärtler bleiben sitzen

Kritisch zu den Riehener Plänen äussert sich auch der Basler Grossrat und Kadermitarbeiter im Erziehungsdepartement Thomas Grossenbacher (Grünes Bündnis). Er sagt: «Ein drittes Kindergartenjahr als Variante zur Einführungsklasse – das ist falsch. Die Möglichkeit des Aufschubs des Schuleintritts macht nur Sinn, wenn diese der Reifung dienen kann. Kinder, die jedoch bereit sind und sich auf die Schule freuen, bleiben so quasi im Kindergarten sitzen, während ihre Gspänli eingeschult werden.»

Es sei grundsätzlich nicht nachvollziehbar, wie die Basler Regierung den klaren Auftrag des Parlaments verschleppe und den Willen einer überwältigenden Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer ignoriere. «Solange die Einführungsklasse, wie andere Kantone beweisen, mit dem Sonderpädagogikkonkordat vereinbar ist, müssen wir als Volksvertreter auf Kantonsebene weiter für diese sinnvolle Einrichtung kämpfen», sagt Grossenbacher. Kämpfende Kantonsparlamentarier gibt es auch im Bündnerland: Dort hat vergangenen Winter das Parlament mit 113 zu einer Stimme von der Regierung die Wiedereinführung der EK verlangt. «Der Auftrag ist bindend, ein entsprechender Vorschlag wird ausgearbeitet werden», sagt Dany Bazzell, Leiter des Amts für Volksschule und Sport Graubünden.

Gar nicht erst abgeschafft, sondern normal weitergeführt, werden die Einführungsklassen in Baselland. Aufs neue Schuljahr steigt deren Zahl von 39 auf neu 42 Klassen, in der Kreisschule Diegten wird sogar ein neuer EK-Standort eröffnet. «Wir sind beim Umsetzen von Reformen vermutlich etwas zurückhaltender, weil wir ein sehr dezentrales System haben und der Aufwand entsprechend grösser wäre», sagt Marianne Stöckli, Leiterin Abteilung Sonderpädagogik. «Wir haben 73 Schulgemeinden, die weitgehend selbstständig entscheiden. So gesehen ist vermutlich unser Draht zur Basis stärker als in einem Kanton mit eher zentralistischeren Strukturen.»

Die EK sei, wie auch die Kleinklassen, weitgehend unbestritten im Landkanton. Und dies gerade auch wegen den Kosten. «Die Gemeinden sind sehr kostenbewusst, haben aber gemerkt, dass eine gut ausgelastete EK weniger teuer ist als eine Regelklasse voller Kinder, die Spezialbetreuungen brauchen», sagt Stöckli. Sie widerspricht damit dem Basler Bildungsdirektor Conradin Cramer (LDP), der in der Montags-bz sagte, dass eine Wiedereinführung «sehr kostenintensiv wäre» und «eine massive Einschränkung in anderen Unterstützungsbereichen zur Folge hätte».

Obwohl Sparpotenziale und Zusatzausgaben ständig Teil der EK-Diskussionen sind, fehlt dafür die faktische Grundlage. Öffentlich zugängliche Statistiken zu Speziallehrkräften, die anstelle der Einführungs- und Kleinklassen in Regelklassen unterrichten, fehlen. Simon Thiriet, Sprecher des Erziehungsdepartements Basel-Stadt, sagt lediglich, dass grundsätzlich keine zusätzlichen Stellen geschaffen worden seien. «Die Stellenprozente der EK und Kleinklassen wurden in Form von Schulischer Heilpädagogik im Regelbetrieb umgewidmet.»

Auch beim Bund gibt es keine konkreten Zahlen: Zwar werden die Stellen schulischer Heilpädagogik seit 2015 erfasst, wie das Bundesamt für Statistik auf Anfrage mitteilt, die mangelhafte Qualität der Daten erlaube aber keine Publikation.

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