Als Allererstes braucht sie jetzt ihre Katzenöhrli. Alycia klettert über ihr grosses Bett hinüber zum Kleiderschrank und greift in eine Plastikbox. «So.» Sie läuft zurück, vorbei am grossen Fernseher, wo wir uns gerade ihre Performance im Halbfinale von «The Voice Kids» angeschaut haben. Das Bild ist eingefroren, es zeigt sie in einem Kleid mit grossen, dunklen Pailletten, die Haare offen, das Gesicht herzig lächelnd. «Die wollen, dass man so aussieht», hat Alycia erklärt, «jünger, als man eigentlich ist.»

Im Moment sieht sie einfach aus wie eine Zehnjährige. Schwarze Leggins, T-Shirt, Katzenöhrli. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch, vor den kleinen Spiegel und die Schminksachen, die sie sorgfältig nebeneinander aufgestellt hat. Mascara, Foundation, Primer, Toner, Concealer. Bronzer. Alycia stellt sie alle vor. Name und Funktion. Ihre Aussprache ist perfekt. Als er noch lebte, hat Alycia mit ihrem Vater immer Englisch geredet. Sie nimmt den Haarreif mit den Katzenohren und setzt ihn sich behutsam auf. Den Blick hat sie auf ihr Spiegelbild gerichtet, die hellen Augen schauen entschlossen. Sie hält beide Hände an ihr Gesicht, wendet es erst nach rechts, dann nach links, guckt noch einmal konzentriert, und fängt an.

Ganz natürlich

Wenn man es sich einfach machen will, ist Alycias Geschichte schnell erzählt. Aufgewachsen in einem musikalischen Elternhaus, die Mutter Pianistin, der 2015 an Krebs verstorbene Vater Gitarrist, beide leidenschaftliche Musiker, beide Lehrer an der Musik-Akademie in Basel. Alycia singt, seit sie klein ist, die elf Jahre ältere Schwester nimmt Gesangsstunden. Sie nicht. «Es kommt einfach aus ihr heraus», sagt die Mutter, «ganz natürlich.»

Am liebsten singt sie kurz vor dem ins Bett gehen. So schreiben es zumindest die vielen Zeitungen, die Alycia in letzter Zeit besucht haben. Und alle die gleiche Geschichte erzählen: Um über den Tod des Vaters hinwegzukommen, singt sich die kleine Alycia durch ihre Trauer. Dann, wenn sie will, auch nachts vor dem ins Bett gehen. Manchmal so laut, dass sich die Nachbarn beklagen.

Und jetzt hat sies ihnen gezeigt: Alycia aus Basel hat sich gegen 10'000 Kinder durchgesetzt und steht im Finale von «The Voice Kids», einer deutschen Castingshow, in der Kinder ihr Gesangstalent vorführen und von einer vierköpfigen Jury bewertet werden, die sie dann auch in einzelne Teams aufnimmt.

Alycia ist zusammen mit zwei anderen Finalisten im Team von Sängerin Nena und deren Tochter Larissa. Sie wird sich am Sonntag erst gegen die Kinder im eigenen Team beweisen müssen. Wenn sie die Runde übersteht, tritt sie gegen die Auserwählten der beiden anderen Teams an. In dieser letzten Runde entscheidet dann das Publikum telefonisch, ob Alycia die Gewinnerin von «The Voice Kids» 2018 wird.

Kleines Mädchen ganz gross. Das ist die eine Seite von Alycias Story. Die, die ihre Familie erzählt. Sich und der Presse, mehr unbewusst als bewusst, und sicher gefühlt real.

Lieber Spielzeugschleim

Aber Realitäten gibt es viele in dieser Geschichte. Auch unsere Realität, die des kritischen Rezipienten, der die kleine Alycia auf dem Bildschirm sieht. Paillettenkleid, aufgerissener Mund, starke Stimme. Schnitt zu Mutter und Schwester, die ihre Hände vor dem Mund halten, OMG, gerührt und glücklich um ihr kleines Familienmitglied. Spätestens da kommt es hoch: Helikoptermama und -schwester klatschen dem Kind zu, das für sie ihre Träume auslebt. Clap Clap.

Einfach, so was zu denken. Auch jetzt, als man bei Alycia im Zimmer hockt und zuschaut, wie sie Rouge aufträgt, mit einer Hingabe, die die Mutter vor einer halben Stunde beim Üben vermisst hat. «Dann übst du halt heute Nachmittag», sagte sie, als sich Alycia weigerte, ihr «Somewhere over the Rainbow» vorzusingen. «Ich will aber nicht, du kannst mich nicht zwingen!», rief Alycia und griff nach einem Topf mit Spielzeugschleim, den sie sich mit einer Freundin gebastelt hatte.

Rasierschaum, Bastelkleber, Waschmittel. Alycia knetete wütend in den Schleim hinein, die Mutter verdrehte die Augen. Ein ganz normaler Mutter-Tochter-Streit. Mit dem Unterschied, dass die Tochter in ein paar Tagen vor einem Millionenpublikum auftreten wird. Hier steht also mehr auf dem Spiel. Oder?

«Wenn ich ehrlich bin, ist mir das alles gar nicht mehr so wichtig», sagt Alycia und tupft sich hellen Glitzer in die inneren Augenwinkel. «Bei solchen Shows ist man danach eh abgestempelt.» Ausserdem habe man ihr ein Lied gegeben, mit dem sie keinesfalls gewinnen wird. Anders als den meisten von ihren Mitstreitern. Sie klingt nicht trotzig, wenn sie das sagt. Eher abgeklärt. Wie jemand, der jetzt noch pflichtbewusst etwas zu Ende bringt, das er vor langer Zeit versprochen hat. Ohne dabei wirklich noch hinter seinem Versprechen stehen zu können.

Das ist Alycias Realität. Sie spielt die letzte Runde eines Spiels, für das sie sich vor fast einem Viertel ihres Lebens entschieden hat. Ein Kind mit einer aussergewöhnlichen Stimme, das gerne singt und 2016 beschliesst, sich bei einer Castingshow anzumelden. Hinter ihr eine musikalische Familie, die sich über diese Entscheidung freut, sie unterstützt, ernst nimmt. Wenn ihre Mutter Alycia heute auf dem Klavier begleitet, ist keine Spur von Verbissenheit im Raum. Sondern Freude, Geduld, Aufmerksamkeit.

Wettkampf auf Social Media

Aber Alycia hat einfach keine Lust. Wie viel ist noch von dem Mädchen von 2016 übrig? Seit der Anmeldung ist viel passiert. Die Familie ist umgezogen, die grosse Schwester ausgezogen, Alycia hat ihr grosses Bett bekommen. Sie hat zum ersten Mal Sackgeld gekriegt. Ein Handy. Einen Instagram-Account, unter Obhut der Schwester. Diese komponiert für Alycia «Stories», kurze Videos für die Community, in denen man Alycia auf der Bühne sieht, oder in einer Reihe mit den anderen Finalisten.

Dazu Hashtags: #soproud #finale #thankyou #teamlarena. Alycia hat 1716 Follower, der 13-jährige Jonah, im Team von Max (einem deutschen Singer/Songwriter und Viertplatzierten in der ersten Staffel vom Erwachsenen-Pendant «The Voice of Germany»), hat 6300. Der Wettkampf spielt sich längst nicht mehr nur am Bildschirm ab.

Keine klassischen Vorbilder

Das weiss die Schwester, Alycia hingegen ist die dauernde Selbstdarstellung unangenehm. Als sie einmal einen Eintrag auf ihrem Account löscht, weil er ihr nicht zusagt, wird ihre Schwester wütend. «Du solltest lieber etwas mehr auf mich statt immer nur auf dich hören!»
«Blöd, oder?» Alycia schaut vom Spiegel auf, sie sieht ein bisschen aus wie Natalie Portman in «Black Swan». Dichte Augenbrauen, weisse Haut, dunkler Lidschatten. Jetzt fehlt nur noch der Lippenstift.
Sie sei sich bewusst, dass ihre Schwester nur das Beste für sie will. Ihre Mama auch, die ganze Familie. Das sei schon ok. Und sie singe ja immer noch gern und freue sich über den Erfolg. «Ich weiss einfach, dass ich keine Chancen habe.» Will sie denn nicht Sängerin werden? Sie fährt mit den Fingern über die verschiedenen Lippenstifte. «Nein.» Lieber wolle sie eine Firma aufziehen, Businesswoman werden. Ihre Vorbilder auf Instagram sind Frauen, die sich selber vermarkten, die eine eigene Ästhetik haben. Die Kardashians zum Beispiel. Aber auch die Mutter des Freundes ihrer Schwester, die eine Software-Firma betreibt. Starke Frauen. So, der Lippenstift ist drauf. Und jetzt? Foto von sich und ab damit auf Instagram? «Nein.» Alycia räumt das Schminkzeug weg, zurück in die Kosmetiktasche. Die Katzenöhrli hat sie anbehalten. «Das mache ich nur für mich. Das gehört nur mir. Man muss nicht immer alles teilen, weisst du.»