Zu Beginn etwas historische Aufklärung. Am 17. Juli 1738 kommt Jean-Baptiste Grenouille unter dem Schlachttisch einer Fischbude in der Nähe zum Pariser «Cimetière des Innocents». Seine Mutter, eine Fischhändlerin, will ihn mitsamt den Fischresten in der Seine entsorgen, doch wird er durch einen durchdringenden Schrei, den er ausstösst, von Passanten gerettet. Bald stellt sich heraus, dass das Kind mit einem genialen Geruchssinn ausgestattet ist, der ihn zum bekanntesten Parfumeur Frankreichs macht – und auch zum Mörder. Die historische Fiktion stammt aus der Feder Patrick Süsskinds, der 1985 mit dem Roman «Das Parfüm» einen Bestseller landete.

Das 30-Jahr-Jubiläum dieses Buches nimmt das Museum Tinguely zum Anlass, den Gerüchen eine eigene Ausstellung zu widmen. Sie ist der Auftakt einer Ausstellungsreihe im Museum Tinguely, die sich den fünf menschlichen Sinnen und ihrer Darstellung in der Kunst widmet. Es ist keine kunsthistorische Überblicksausstellung, es ist vielmehr ein angenehmer und aufschlussreicher oder ekliger und betäubender Parcours durch die Welt der Duftnoten, die sich täglich nicht ganz freiwillig in unserer Nase sammelt.

Wissenschaftlich und spontan

Die Ausstellung ist in ein historisches und ein zeitgenössisches Kapitel unterteilt. Von Marcel Broodthaers ist ein Bild mit gesäuberten Miesmuscheln zu sehen, von Louise Bourgeois eine Arbeit mit dem Titel «The Smell of the Feet», aber auch Marcel Duchamp als «Rrose Selavy» und mittelalterliche Allegorien der fünf Sinne. Interessanter und auch schwerer konsumierbar sind die zahlreichen aktuellen Arbeiten.

Der norwegische Künstler Kristoffer Myskja zeigt eine zigarettenrauchende Maschine, die permanent gesundheitsschädliche Dämpfe produziert, während die Nebelmaschine von Carsten Höller, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Architekten François Roche, nicht näher deklarierte neurostimulierende Substanzen verdampft. Wem nach Beruhigung ist, dem sei die «Fainting Couch» von Valeska Soares empfohlen. Aus den zahlreichen Löchern des Stahlbettes strömt ein betörender Lilienduft, der jeden in die schwebende «Ophelia» auf dem bekannten Bild von Sir John Everett Millais verwandelt.

Meg Webster mag es minimal, sinnlicher und naturnaher. Ihre Arbeiten reduziert sie auf wenige geometrische Grundformen, um damit der Bilderflut entgegenzuwirken und die Perspektive auf den Geruch zu fokussieren, der von einem grossen Moosbett ausgeht, dem ein erdig-sumpfiger Dampf entströmt. An den Wänden hängen Papierarbeiten in unterschiedlichen Farben, die nach Kaffee, Kardamon, Bockshornklee und Maisstärke riechen.

Unendliche Sinnlichkeit

Während dieser Raum offen ist, wurde der Raum mit Ernesto Netos Installation «Mentre niente accade» verschlossen. Doch die Düfte kennen keine Grenzen, vor allem nicht, wenn sie von schwarzem Pfeffer, Kurkuma, Ingwer, Kreuzkümmel und Nelken stammen. Es ist dies der sinnlichste Raum der gesamten Ausstellung, der zum Verweilen einlädt und den man nicht wieder verlassen will. Dies hat nicht nur mit den Gewürzen zu tun, die an Grossmutters Lebkuchen erinnern, sondern auch mit der Ästhetik der Installation: Ein Baldachin, aus dem Gewürzsäcke wie Stalagmiten wachsen, und unendliche viele Säcke voller geheimnisvoller Pulver, die auf dem Boden ausgebreitet wurden. In einem Annexraum sind von Bruno Jakob dampfende Töpfe und weisse Leinwände auf Holzbrettern zu sehen. Der in New York lebende Aarburger malt mit Wasser und lässt seine Leinwände von den Energien und der Strahlung der Umgebung imprägnieren. Die Leinwände waren bereits 2013 anlässlich des Basler-Projektes zum 100. Geburtstag von Meret Oppenheim zu sehen. Nun werden sie erneut mit ätherischen Substanzen aufgeladen. Bald ist Frühling.

Und so kommt man sich momentan im Museum Tinguely vor. Passend zur Ausstellung sollte man wieder mal Eduard Mörike lesen. Von ihm stammt das Gedicht, in dem es heisst: «Frühling lässt sein blaues Band, wieder flattern durch die Lüfte; Süsse, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land.»

Belle Haleine Der Duft der Kunst.
Museum Tinguely Basel. Bis 17. Mai. www.tinguely.ch. Am 18. April werden Bruno Jakob und Hans Witschi tagsüber eine Live-Performance durchführen.

Wenn die Geschmacksknospen im Museum an ihre Grenzen kommen