Stadtentwicklung

Dunkelkammer Klybeck? Insider vermuten krebserregende Stoffe im wichtigen Entwicklungsareal

Die chemische Industrie (hier ein ehemaliges Produktionsgebäude im Klybeck) ging im vergangenen Jahrhundert arglos mit dem Abfall um, den sie produzierte. (zvg / keystone)

Die chemische Industrie (hier ein ehemaliges Produktionsgebäude im Klybeck) ging im vergangenen Jahrhundert arglos mit dem Abfall um, den sie produzierte. (zvg / keystone)

Im ehemaligen Chemieareal und künftigen Stadtentwicklungsgebiet lagern krebserregende Stoffe, sagen Insider.

Das Klybeck steht im Zentrum der Basler Stadtentwicklung. 10'000 Menschen sollen auf das ehemalige Chemieareal ziehen, 5000 Arbeitsplätze entstehen. Doch nun droht die Vergangenheit, das Zukunftsprojekt einzuholen. Im Sommer betonte Matthias Nabholz, Leiter des Amts für Umwelt und Energie Basel-Stadt (AUE), dass das Klybeck das am besten untersuchte Areal der Stadt sei. Gut informierte Quellen lassen auf das Gegenteil schliessen. Darauf, dass es viele Fragen gibt zur Chemiemüllentsorgung von Ciba, BASF und Konsorten – auf und direkt angrenzend an das Areal, das in den nächsten Jahren bebaut werden soll.

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Bau- und Verkehrsdepartements legt gegenüber der «Schweiz am Wochenende» offen, wie im Zuge des Kanalisationsbaus unter dem Altrheinweg Ende der 70er und anfangs der 80er Jahre Chemieschlamm aufgetaucht sei. «Es handelte sich dabei um punktuelle, linsenartige Verunreinigungen, die offensichtlich aus der Produktion von chemischen Textilfarbstoffen stammten», sagt der Ex-Verwaltungsangestellte. Konkret seien dies «Filterrückstände, Farbstoffklumpen etc.» gewesen – stark krebserregende Stoffe. Der Geologe, der damals den Bau der Kläranlage im Klybeck begleitete, habe den Altrheinweg im Bereich des Ackermätteli als mit «Chemieschlamm» kontaminiert bezeichnet. «Beim Bau der Kanalisation wurde nur gerade das dafür erforderliche Erdmaterial entsorgt. Es war aber klar, dass sich an den seitlichen Begrenzungen im Bereich des Ackermättelis ebenfalls Verschmutzungsherde zeigten», führt der frühere Kantonsmitarbeiter aus. Tatsächlich zeigt der «hydrologische und hydrochemische Bericht» der Ciba von 1988, dass hier Chemiemüll entsorgt wurde. Die Nachforschungen des Kantons reichen weiter zurück. 1929 und 1976 wurde bereits nach Chemiemüll gebohrt, eine detaillierte Aufschlüsselung war damals allerdings nicht möglich.

AUE rudert bei Aussagen zum Ackermätteli zurück

Der frühere BVD-Mitarbeiter fordert nun vom AUE, das Klybeck und vornehmlich den Altrheinweg mit den «heute zur Verfügung stehenden Methoden» zu untersuchen. Der Kanton betonte jüngst in einer Interpellationsantwort, die Bohrprofile grossflächig untersucht zu haben. Fazit: «Bis zu einer Bohrtiefe von sechs Metern finden sich dort vorwiegend Bauschutt, Abbruch und Aushubmaterialien, durchsetzt mit schwarzen, schlammartigen Abfällen aus der Farbstoffproduktion.» Die Behörden gingen nicht davon aus, dass eine unmittelbare Gefahr für Mensch und Umwelt bestünde. Die im Auffüllmaterial nachgewiesenen Schadstoffe würden nicht Konzentrationen aufweisen, die für Bevölkerung und Natur gefährlich seien, heisst es in der Interpellationsantwort.

Die Ärzte für Umweltschutz nehmen die Augenzeugenberichte und die eigenen Nachforschungen zum Anlass, die Darstellungen des Kantons anzuzweifeln. Bereits im Bericht, der im Juni publiziert wurde, heisst es: «Gemäss den uns vorliegenden Unterlagen wurde der Chemiemüll unter den Strassen und Plätzen im Klybeck nie detailliert untersucht und analysiert. Ganz zu schweigen vom Kinderspielplatz Ackermätteli, der gar nie untersucht worden ist.»

Der Kanton will von den angeblichen Gefahren nichts wissen. AUE-Leiter Matthias Nabolz sagt zwar, dass der Standort rund ums Ackermätteli «historisch gesehen zweifellos ein belasteter Standort» sei. Doch die Bautätigkeiten in den vergangenen dreissig Jahren (unter anderem ein neues Schulhaus) hätten keinen gefährlichen Chemiemüll zutage gefördert – obwohl bis zu drei Metern in die Tiefe gegraben wurde. Dass aber selbst beim Kanton Unklarheit darüber herrscht, wie belastet der Boden beim Ackermätteli ist, zeigen die widersprüchlichen Aussagen des AUE-Chefs. Im Juni noch sagte er der bz, beim Kinderspielplatz sei «drei Meter gegraben worden», ohne dass man Chemiemüll gefunden habe. Nun rudert er zurück: Der Spielplatz sei zwar 2012 abgetragen worden. Aber: «Es waren keine drei Meter.»

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