Diese Geschichte liesse sich einfach erzählen: Am Holbeinplatz 4 wurde sämtlichen Mietern gekündigt. Manche Bewohner der rund 20 Mietparteien wohnen seit mehr als 50 Jahren in diesem Haus. Viele Mieter profitieren hier vom günstigen Wohnraum: Betagte, Migranten, junge Familien. Vier Stockwerke à fünf Wohnungen. Nun bleiben ihnen drei Monate, um eine Alternative zu finden – so will es das Gesetz. Nicht einfach, denn günstiger Wohnraum ist knapp.

Es ist eine der grossen Sorgen dieser Stadt, wie eine Umfrage der bz und «Tageswoche» im vergangenen Herbst ergeben hat. «Wir haben hier sehr günstig gewohnt», sagt etwa die 70-jährige Elsbeth Bleifuss. Als alleinerziehende Mutter konnte sie früher kaum Geld auf die Seite legen, um sich jetzt Zügelunternehmen und eine teurere Wohnung zu leisten. Geldgieriger Investor, unzimperliches Vorgehen, Mieter auf der Strasse – doch so richtig stimmig ist dieses Bild hier nicht.

Vermieter hat gute Gründe

«Das ist eine Katastrophe. Dass nun etwa eine 90-Jährige ausziehen muss, die hier seit 50 Jahren wohnt, bricht mir das Herz.» Diese Aussage stammt vom Eigentümer. Daniel Epstein gehört das Mehrfamilienhaus. Er will günstigen Wohnraum, er möchte loyale Mieter. Die langjährigen Mieter hat er persönlich informiert. Er sagt: «Drei Monate sind sehr wenig. Wem das nicht reicht, der darf vier oder fünf Monate bleiben. Das ist völlig selbstverständlich.» Er hat zudem die Verwaltung angehalten, das Gespräch mit den Mietern zu suchen: «Sie bietet Hand bei der Wohnungssuche.»

Dass alle Mieter raus müssen, hat einen Grund: «Die Gasleitungen sind undicht. Das Haus ist 57 Jahre alt.» Eine Rundumsanierung steht an – für viele Vermieter die Möglichkeit, die Mieten drastisch heraufzusetzen. «Ich hätte lieber sanft renoviert und die Mieten so belassen. Das wäre mir näher gewesen und finanziell hätte ich ein kleineres Risiko zu tragen.» Epstein plant auch nicht etwa Lofts im oberen Preissegment, im Gegenteil: «Die verbliebenen Gewerbeflächen werden zu Wohnungen und eine grosse Wohnung wird unterteilt in drei kleinere.»

Immer mehr Massenkündigungen

Basler Mieterverband-Co-Geschäftsleiter Beat Leuthardt lässt diese Argumente nicht gelten: «Wir hören die unterschiedlichsten Begründungen für Massenkündigungen.» Unter keinen Umständen sei es nötig, die Mieter rauszuwerfen: «In einem anständigen Mietverhältnis liesse sich eine Lösung finden, ohne zu kündigen. Dann gehen die Leute halt für ein paar Tage in ein Hotel.» Er hat derzeit alle Hände voll zu tun: Insbesondere Massenkündigungen haben zugenommen.

Anhand der Statistiken des Verbands lässt sich dies vor allem innerhalb der vergangenen fünf Jahre gut beobachten: Im Jahr 2012 vertrat der Mieterverband eine Sammelklage wegen einer Massenkündigung. Im darauffolgenden Jahr waren es drei. 2014 stieg die Zahl um zwei, im 2015 waren es bereits sieben Sammelklagen. Im vergangenen Jahr waren es bereits neun Sammelklagen. Manche davon schafften es in die Schlagzeilen, wie etwa die nun besetzte Mülhauserstrasse.

Im noch jungen 2017 sind es bereits sieben Fälle, in welchen der Mieterverband Informationsabende organisiert, Bewohner berät und schliesslich die Klagen zusammenfasst. «Seit einiger Zeit sind es zudem nicht nur grosse Player wie Pensionskassen, gegen deren Massenkündigungen wir vorgehen müssen», sagt Leuthardt.

Auch kleinere Verwaltungen witterten das grosse Geld. Dies erschwere zuweilen die Verhandlungen: «In manchen Fällen handelt es sich um auswärtige Investoren, die kein Interesse haben, mit uns zusammenzusitzen.»