Roman

Durchs wilde Mittelalter: Satu Blanc dreht die Uhr zurück

Satu Blanc: «Das Schreiben und die Bühne sind mein Leben.»

Satu Blanc: «Das Schreiben und die Bühne sind mein Leben.»

Die Baslerin ist eine eigenwillige Künstlerin. Ob Bühnenstück, szenischer Rundgang oder Prosa – ihre Passion gilt starken Frauenfiguren.

Es gibt Dinge, die uns fürs Leben prägen. Wir sind, was uns in die Wiege gelegt wurde und müssen uns zu dem verhalten, was uns in den Weg gelegt wird. Da gibt es nur eins: Wir machen etwas aus dem geschenkten Leben und der Zeit, in die wir hineingeboren wurden. Und lernen fliegen.

Das gilt für Johanna, die Protagonistin in Satu Blancs Roman «Wohin so eilig, Johanna?». Er ist im April mitten in der Corona-Quarantäne im Zytglogge Verlag erschienen und liegt nun unfreiwillig im Dornröschenschlaf – denn zu einem neuen Buch gehören öffentliche Lesungen. Und das gilt auch für die Autorin mit Schwerpunkt Mediävistik, Mittelaltergeschichte, die neben ihrem jungen Wirken als Prosaautorin seit 15 Jahren ihre selbst verfassten Theaterstücke gleich auch selber auf der Bühne spielt.

Der rote Faden in Satu Blancs künstlerischem Œuvre, das starke Frauenfiguren von der Renaissance bis in die Gegenwart in den Vordergrund rückt, ist das Freiheitsthema. Es ist die Freiheit von Geist und Intellekt sowie von Empathie und Mitgefühl, die ihre Vorstellungskraft und künstlerische Kreativität antreibt. «Ich habe die Freiheit zu einem hohen Preis gewählt», erzählt Satu Blanc. «Da muss ich auch das tun können, was mich interessiert und inspiriert.» Ob auf der Bühne oder auf dem Papier – «alle meine Frauenfiguren haben eines gemeinsam, ihren unbedingten Willen zur Freiheit», sagt sie.

Agiles Wirken, auch in der Krise

Wir treffen die freischaffende Autorin mit Jahrgang 1968 und leidenschaftliche Balletttänzerin aus finnisch-welschem Elternhaus im «Rollerhof» zum Gespräch. Anlass ist ihr erster Roman nach dem Prosadebüt vor einem Jahr mit dem Erzählband «Wo ist der Muserich, uns zu küssen?». Eigentlich wollten wir uns im «Zum Isaak», dem zweiten Gastronomiebetrieb auf dem geschichtsträchtigen Münsterplatz treffen, ein Lieblingsort der Autorin für ungestörte Gespräche und benannt nach dem Stifter der GGG, die Satu Blancs neues Romanprojekt mit einem finanziellen Beitrag unterstützt hat.

Doch die Coronakrise kam dazwischen. Also wurde nichts mit der Vorbereitung auf die ­Lesungen mit dem neuen ­Roman und vor allem auf die Wiederaufnahme ihres Theaterstücks über die deutsche Schriftstellerin, Schauspielerin und Kabarettistin Emmy Hennings (1885–1948). Also zog sich Satu Blanc in die Schweizer Bergwelt zurück und schrieb – was denn sonst. Sie arbeitete an einem neuen Prosatext auf der Grundlage eines ihrer Bühnenstücke, die sie während vieler Jahre in ihrem eigenen kleinen Theatersaal aufführte. Die Geschichte ist im 18. Jahrhundert angesiedelt und spielt in der Region. Mehr erzählt Satu Blanc dazu nicht.

«Das Schreiben und die Bühne sind mein Leben», sagt die Künstlerin. «Ich muss ständig dranbleiben, denn was soll ich sonst tun?» Sie habe ständig «Geschichten im Kopf», erzählt sie. «Habe ich ein schöpferisches Loch, ist das für mich ganz schlimm.» Das komme zum Glück selten vor, so Satu Blanc, die mit Fleiss, Selbstdisziplin und Perfektionismus ans Werk geht. Das passt gut zu ihrer ­sensiblen, ehrgeizigen Persönlichkeit, die etwas kann und es (sich) beweisen will. Und es ist ganz die Balletttänzerin, die Satu Blanc jahrzehntelang war, bis sie diese Berufung aus gesundheitlichen Gründen ad acta legen musste.

Begonnen hatte Satu Blancs Solokarriere 2005 mit szenischen Rundgängen in der Altstadt Basel und ihrem fulminanten Debüt als bodenständige, einfach gestrickte Magd Johanna. Dieser Publikumsliebling ist für sie allerdings Vergangenheit: «Johanna, die Magd, war wie Sissi – alle liebten sie. Ich hatte sie auch gern, aber nach einer Weile war sie einfach vorüber.» Ganz anders steht es um die Johanna in ihrem neuen Buch. Sie sei «die Essenz von drei, vier ­Figuren, die ich gespielt habe», so die Autorin. Belesen und intelligent, freiheitsliebend und die Grenzen des Möglichen testend, mutig – und manchmal im für sie gefährlichen Höhenflug.

«Wohin so eilig, Johanna?» erzählt die Geschichte einer ­unverheirateten und kinderlosen Frau zur Zeit des Basler Konzils im 15. Jahrhundert. Der ­Roman, der erwartungsgemäss viele szenisch starke Passagen hat, ist gemäss Satu Blanc aus dem Theaterstück «Die Spionin aus Rom» von 2009 entstanden. Die päpstlich-kaiserliche Kirche hatte das Sagen und das Leben war von Anbeginn vorbestimmt, für den Adel genauso wie für die Armen. «Die allermeisten Menschen lebten im festen Glauben an Himmel, Hölle und Fegefeuer», so Satu Blanc, die für ihre Texte immer mit historischen Quellen arbeitet, diese jedoch ganz «unwissenschaftlich» deute, sagt sie.

Die Kirche war damals noch «im Dorf»

Für Frauen wie Johanna, die aus einer Patrizierfamilie stammt, sei die Bestimmung klipp und klar gewesen, so die Autorin: «Eine gute Partie finden, möglichst viele Kinder gebären und dann sterben.» Auch unsere Heldin wendet sich gerne in Treu und Glauben an die Mutter Gottes. Wie könnte es auch anders sein: Die Kirche war damals noch «im Dorf» und die Ideologien sprengende Postmoderne der jüngsten Neuzeit anno dazumal wohl jenseits des gesunden Menschenverstands.

Der Roman zeichnet wenige wichtige Stationen auf Johannes Weg nach. Da ist zum einen das Mädchen, das die Begeisterung fürs Lesen und Schreiben von ihrem Vater geerbt hat, ihre Mutter früh verliert und von der eifersüchtigen Stiefmutter ins Kloster geschickt wird. Da ist zum anderen die junge Frau mit dem unbändigen Drang zur Autonomie. Sie dient zunächst als Magd bei einem Ratsherrn und lernt dort ihre mütterliche Herzensfreundin Käthe, die ­Köchin im Haus, kennen.

Später geht sie auf Wanderschaft mit zwei Gauklern, darunter der ­väterliche Eugenius, über den Satu Blanc sagt, er sei ein «Philosoph» und wie die «bodenständige Käthe eine Art Lebenslehre für Johanna». Johanna, die gerne mental grenzüberschreitend hoch «fliegt», brauche beides, «das Bodenständige und das Philosophische», um sich in Schach zu halten, so die Autorin.

Tolle Komplizin, ­topaktuelles Vorbild

Und da ist drittens Johanna, die als erwachsene Frau ihren Lebensunterhalt als Schreiberin verdient – bis sie eine Wette eingeht und etwas Ungeheuerliches tut. Bis dass sie, ganz unweiblich, zum Zentrum der skandalösen Machenschaften von Kirche und Kaiser vordringt und mit dem Feuer und Tod spielt. Eine tolle Komplizin und ein topaktuelles Vorbild.

«Ich habe diese Johanna sehr gern. Aber das Schreiben war brutal viel Arbeit», sagt Satu Blanc über ihren Romanerstling, zu dem es hoffentlich Ende ­August am «Literatur Openair» der GGG Stadtbibliothek eine erste Lesung gebe. Nun müsse sie aber «vorwärts machen», meint sie: «Ich habe zwei bis drei weitere Bücher in mir drin, die raus sollten.»

Gleichzeitig lässt sie die Bühne nicht los: Satu Blanc arbeitet an einem Theaterstück über die «Heidi»-Autorin Johanna Spyri, das im kommenden Herbst Premiere habe, so die Künstlerin. Und als wäre dem nicht schon genug, entwickelt sie daneben eine einstündige szenische Führung mit Maria Sibylla Merian: Das Auftragswerk des Natur­historischen Museums Basel ist die Weiterentwicklung einer «Zeitreise», die Satu Blanc an der Basler Museumsnacht Anfang Jahr unternahm.

www.satublanc.ch

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