Epidemie

Ebola-Experte: «Ebola ist, wenn man es erkennt, relativ gut zu kontrollieren»

Die Ebola-Epidemie, die im März in Westafrika ausgebrochen ist, hat bisher fast 900 Todesopfer gefordert. Pascale Zintzen/Keystone

Die Ebola-Epidemie, die im März in Westafrika ausgebrochen ist, hat bisher fast 900 Todesopfer gefordert. Pascale Zintzen/Keystone

Fieber, innere Blutungen und in neun von zehn Fällen der Tod: Das Ebola-Virus, das im März diesen Jahres im Westen Afrikas ausgebrochen ist, hat bereits fast 900 Todesopfer gefordert. Wäre die Schweiz gegen die Krankheit gut gerüstet?

 Der Leiter des Tropen- und Public Health Instituts in Basel, Marcel Tanner, ist der regionale Ebola-Experte. Er schätzt die aktuelle Lage ein und erklärt, wie es überhaupt so weit kommen konnte.

Herr Tanner, wie gross ist die Gefahr, dass die aktuelle Ebola-Epidemie nach Europa schwappt?

Marcel Tanner: Diese Chance ist sehr klein. Natürlich kann man ein Virus immer in ein anderes Land oder einen anderen Kontinent einfliegen. Aber Ebola ist, wenn man es erkennt, relativ gut zu kontrollieren. Im Gegensatz zu anderen Krankheiten, wie der Grippe, ist Ebola erst dann ansteckend, wenn die Symptome bereits auftreten. Das ermöglicht in einem Land mit einem gut organisierten Gesundheitssystem rasches Handeln.

Die Schweiz wäre also, selbst wenn das Virus importiert würde, gut vorbereitet?

Das Virus ist bekannt und meldepflichtig. Würde jemand mit Ebola-Symptomen in die Schweiz reisen, würde nicht lange gezögert und Quarantäne verordnet. Die Schweiz hat für solche Fälle ein Dispositiv, und die Spitäler haben Isolierstationen mit gut ausgebildetem Personal. Das Gesundheitssystem und damit verbundene Vorsorgemassnahmen machen es dem Virus praktisch unmöglich, sich zu verbreiten.

Dieses System fehlt jedoch in den betroffenen Gebieten. Ist das der Grund für die rasche Ausbreitung?

Ebola wird in Flughundkolonien übertragen, die ohne Symptome mit dem Virus leben. Wildtiere wie Antilopen oder Affen, die in Assoziation mit Flughunden leben, können sich infizieren und erkranken. Diese wiederum werden gejagt und als «Bushmeat» verzehrt – so können sich auch Menschen infizieren. Eine sofortige Isolation würde die Verbreitung des Virus verhindern, doch in mangelhaften Gesundheitssystemen sind rasche Massnahmen schwer umzusetzen. Zudem erschweren soziokulturelle Umstände in den betroffenen Ländern solche Massnahmen. Zum Beispiel wird das Virus bei rituellen Waschungen vor einer Beerdigung übertragen. Dafür reist die grosse Familie aus weit entfernten Gebieten an und ermöglicht die rasche Ausbreitung von Ebola über Dorf- und Landesgrenzen auszubreiten.

Mittlerweile sind fast dreimal so viele Menschen an Ebola gestorben wie bei der letzten Epidemie, 1976. Wäre es nicht zu erwarten, dass das Gesundheitswesen seither fortschrittlicher wurde?

Das ist leider eine falsche Annahme. Viele Gebiete, wie Liberia oder Sierra Leone, sind gerade dabei, ihre konfliktreiche Vergangenheit zu überwinden und müssen ihr Gesundheitssystem neu aufbauen. Das ist ein schwieriger, langwieriger Prozess. Dazu kommt, dass die momentan betroffenen Gebiete dichter bevölkert sind und die Bevölkerung zudem mobiler ist, als es 1976 in Kongo der Fall war. Damals konnten die betroffenen Dörfer gut isoliert werden, und das Virus starb schnell aus.

Angenommen, man war erst kürzlich in Westafrika, wie sollte man sich nun verhalten?

Sobald man bei sich Fieber feststellt, sollte man umgehend einen Arzt aufsuchen und diesen, nebst der Symptome auch über den Aufenthalt und die Kontakte in Westafrika informieren. Dass es sich um Ebola handeln sollte, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Auf jeden Fall soll man nicht in Panik geraten.

Das sind beruhigende Worte. Ist die aktuelle Berichterstattung denn in Ihren Augen Panikmache?

Es ist auf jeden Fall wichtig, über das Virus und den verantwortungsvollen Umgang damit zu informieren. Allerdings muss die Medienprominenz von Ebola auch relativiert werden: Während unserem Gespräch stirbt heute immer noch jede Minute jemand an Malaria. Die internationale Beachtung ist leider nur dann gross, wenn die Gefahr besteht, dass auch ein Europäer oder Amerikaner erkranken könnte.

Wie sieht ihre Prognose für den Verlauf der aktuellen Epidemie aus?

Wie es bei den bisherigen Epidemien der Fall war, wird auch diese wieder in sich zusammenbrechen. Wie viele Opfer sie bis dahin fordert, das ist ungewiss. Allerdings muss man sich bewusst sein, dass eine Ebola-Welle, wie in den Ausbrüchen zuvor, genauso schnell wieder kommen kann, wie sie geht.

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