Die SP-Grossrätin Edibe Gölgeli unterstützt den gestrigen Antrag der türkischen Oppositionspartei, das Referendum vom Sonntag zu annullieren. Ihre Hoffnung, dass die antidemokratische Entwicklung in der Türkei so gestoppt werden kann, ist aber gering. Als exponierte Staatskritikerin kann Gölgeli selber nicht mehr in die Türkei reisen. Für sie gibt es aber auch in Basel genug zu tun.

Frau Gölgeli, fällt Ihr geplanter Türkei-Urlaub nach dem Ja ins Wasser?

Edibe Gölgeli: Urlaub ist zu viel gesagt. Ich reise alle zwei Jahre mit einer Delegation in die Türkei, um mir ein Bild von der Situation vor Ort zu machen. Ausserdem besuche ich regelmässig das Grab meines Vaters. Daraus wird in nächster Zeit aber leider nichts.

Wäre die Gefahr für Sie so gross?

Es wird mir abgeraten, in die Türkei zu reisen. Befreundete Politiker und Verwandte schätzen es als gefährlich für jemanden wie mich ein, der sich regelmässig öffentlich staatskritisch äussert.

Hat der Teil Ihrer Familie, der in der Türkei lebt, Verständnis dafür?

Die Familie will einen immer sehen.

Sie sind demnach gezwungen, die Lage aus der Ferne zu beobachten.

Ja, aber ich schaue nicht tatenlos zu. Zwar hat die Mehrheit der Türken in der Schweiz – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – das Referendum abgelehnt, trotzdem: Auch hier haben 38 Prozent Ja zu dem patriarchalischen System gesagt. Nun müssen wir beobachten, wie weit der Einfluss aus der Türkei hierzulande ist, wie es so weit kommen konnte. Es geht zum Beispiel nicht, dass HSK-Kurse, also Heimatliche Sprach- und Kulturkurse, von der türkischen Botschaft angeboten und Imame direkt aus der Türkei gestellt werden.

Wie beobachten Sie das, besuchen Sie etwa inkognito Moscheen?

Wir sind auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. So erfahren wir, wenn jemand beim Coiffeur bespitzelt wird oder jemand einen Kollegen denunziert. Zum Teil gehen die Meinungen im engsten Familienkreis auseinander. Und die Gräben werden tiefer.

Was können Sie dagegen tun?

Wir müssen Erdogans verlängerten Arm kappen. Wir leben nicht in der Türkei, wir haben ein eigenes System.

Wie wollen Sie diesen Arm kappen?

Die Sprachschulen, die ich vorher angesprochen habe, müssen verstaatlicht werden können. Ausserdem plädiere ich für Ausbildungen für Imame in der Schweiz. Der Islam gehört hierher, wir müssen ihn zu einem Teil unserer Werte machen. Allerdings muss dieser Wert unseren Vorstellungen entsprechen.

Und dafür wollen Sie den Staat verpflichten? Wer zahlt das alles?

Eine solche Kontrolle muss im Interesse der ganzen Bevölkerung sein. Wenn niemand weiss, was in Moscheen vor sich geht, birgt das Risiken. Das ist gefährlich für uns alle. Extremismus und Islamfeindlichkeit dürfen keine Chance haben. Ich erwarte, dass sich auch meine linken Kollegen dafür stark machen.

Bisher hat die Linke das Thema weitgehend der SVP überlassen.

Wir dürfen nicht mehr schweigen. Es braucht ein breites Lager. In Basel formieren wir uns überparteilich. Spruchreif ist aber noch nichts. Nach den Sommerferien können wir mehr sagen.

Sind es vor allem Kurden, die wie Sie denken, die auf Sie zukommen?

Nicht nur. Auch Leute aus der Gülen-Bewegung wenden sich an uns. Zwar gibt es zwischen ihnen und uns keine Berührungspunkte, verbindend ist nur, dass wir alle in der Opposition sind.

Also eine Art Zwangsgemeinschaft?

Solange wir nicht für die selben Wertvorstellungen einstehen, sind wir keine wirkliche Gemeinschaft. Werte wie Meinungsfreiheit, Vielfalt, Mehrsprachigkeit müssen oberstes Gebot von beiden Seiten sein, um zusammenzuspannen.

Sie sehen Ihre Verwandten in der Türkei nicht, hören Sie aber am Telefon. Wie reagieren Sie auf das Ja?

Kurdische Kreise sind nicht erstaunt. Sie warnen seit Jahren vor dem, was nun eingetroffen ist. Der Militärputsch hat mehr ausgelöst als die Abstimmung. Seither ist jedem klar, dass man in der Türkei von einem auf den anderen Tag kriminalisiert werden kann.

Das gilt vor allem für Leute wie Sie. Wie gefährlich ist es für Schweizer ohne türkische Wurzeln? Die Last-Minute-Angebote sind tief wie nie ...

Eine Reise in die Türkei würde ich derzeit niemandem empfehlen. Es ist ein instabiles Land.

Müssen wir mit Flüchtlingen rechnen, die bei uns Zuflucht suchen?

Ich denke schon. Viele staatskritische Personen, vor allem Akademiker aus dem Wissenschaftsbereich, haben dort keine Perspektive mehr. Natürlich überlegt sich jeder genau, ob er sein Leben, seine Existenz, hinter sich lassen will. Sollten sich vereinzelte Leute dafür entscheiden, wäre die Schweiz gut beraten, diese auch aufzunehmen.