Im Fluss

Edoardo Bennato: «Afrika ist ein Desaster! Ein Inferno!»

«Ich sage nur was mich beschäftigt», meint Edoardo Bennato.

«Ich sage nur was mich beschäftigt», meint Edoardo Bennato.

Nach seinem Basler Konzert «Im Fluss» spricht Cantautore Edoardo Bennato (71) darüber, was ihn derzeit umtreibt.

Ist er eine Diva? Das vielleicht nicht. Aber ein bisschen bitten lässt er sich schon, dieser Edoardo Bennato. Nach seinem Konzert «Im Fluss» erscheint er grusslos zum Interviewtermin im Hotel Krafft. Er rückt die Sonnenbrille, die er auch nachts trägt, zurecht, stellt sich vor die Kamera und fragt, ohne uns anzublicken: «Habt ihr mein Konzert gesehen?». Aber sicher! Drei Fragen dürfe man ihm stellen, liess uns sein Tourmanager wissen. Zusammen mit den Kollegen vom Fernsehen sind es dann fast sechs. Das lässt kein tiefgründiges Gespräch zu.

Dabei ist Bennato auf einer Mission, wie es scheint. Denn auch wenn er bekräftigt, er sei nur Musiker: Sowohl am Konzert als auch beim Interview thematisiert er auffallend viele politische Themen, seine letzten Alben enthielten nebst Liebeserklärungen an seine Heimatstadt Napoli auch Anti-Kriegslieder.

Die Sorgen eines Vaters

Die Flüchtlingswellen beschäftigen ihn ganz besonders. «Pronti a salpare», bereit zum Auslaufen, heisst sein aktuelles Album (2015). «Das Lied ist den Migranten gewidmet, den Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten, das Meer überqueren, ihr Leben riskieren», sagt er.

Wir haben Glück in Europa, fährt er fort, denn bei uns sei das soziale, wirtschaftliche, technologische und ökologische Level hoch, bei uns würden zudem Frauen respektiert, was in anderen Teilen der Welt nicht der Fall sei. «All das darf uns nicht egal sein», sagt Bennato. «Ich habe eine Tochter, die 12 Jahre jung ist. Wir sind in der Verantwortung, welche Welt wir den Kindern hinterlassen.»

Was bereitet ihm denn Sorgen? Das Ungleichgewicht des Wohlstands und der Entwicklung, sagt er: «Je südlicher wir schauen, umso schlimmer ist es.» Bennato erinnert an «Africa Addio», einen Pseudodokumentar-Film, der in den 1960ern schockierte und umstritten war: Die Regisseure Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi zeigten blutige Aufstände und Gräueltaten während des Rückzugs der europäischen Kolonialmächte. Damit lieferten sie in den Augen vieler Kritiker ein rassistisches Bild dieses Kontinents. Ist Bennato Fan dieses Werks?

«Die Kolonialisation hatte nicht nur ihr Gutes, klar», sagt Bennato, «aber schauen Sie mal, wie es seit 50 Jahren um Afrika steht. Ein Desaster, ein Inferno! Was in der Dritten Welt geschieht, liegt in unserer Verantwortung.»

Die Sätze sprudeln aus ihm heraus, man merkt, dass er oft und gerne darüber spricht. Zugleich ist man leicht irritiert. Wünscht sich da einer heimlich die Kolonialisierung zurück? Oder wünscht er sich die Dritte Welt weg? Wie meint er das genau, was sollen wir denn tun? «Ich bin kein Geopolitiker, arbeite nicht in Brüssel, ich bin nur Musiker, Rock’n’Roller», sagt Bennato. «Ich sage nur, was mich beschäftigt», beschwichtigt er.

Ein Musical für den Broadway

«Sono solo canzonette», sang Bennato schon 1980, «es sind nur Lieder». Und doch fanden sich darin immer Allegorien auf Gesellschaft, Geschichte und Politik. «Sono solo canzonette», das gleichnamige Album, beschäftigt ihn auch in Zukunft wieder. Denn auf seine nächsten Pläne angesprochen, sagt Bennato: «Im vergangenen Jahr war ich in Santa Fe (New Mexico) und habe mit dem amerikanischen Musiker Jono Manson an einer Übersetzung des Peter-Pan-Musicals gearbeitet.». Das Musical basiert auf seinen alten Liedern. Und was ist das Ziel? «Wir hoffen, dass die Canzoni bald in einer amerikanischen Version aufgeführt werden – auf dem Broadway.»

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