Rebell im Herzen

Ehemaliger FCB-Pressesprecher Zindel: «Ich habe die Tendenz, oberlehrerhaft zu sein»

Josef Zindel vor dem Haus in Blauen, wo er mit seiner Frau lebt und arbeitet.

Josef Zindel war zwölf Jahre FCB-Pressesprecher. Nun ist er 65 geworden, doch weit vom Ruhestand entfernt.

Josef Zindel trat ein paar Stunden früher in mein Leben als ich in seins. 2006. In meinem ersten Praktikum beim Basler Gratisblatt «Baslerstab» musste ich irgendwas über ein Theaterstück schreiben, das von gewaltbereiten FCB-Fans handelte. «Ruf noch den Zindel an», sagte der Chefredaktor, «der soll dir seine Meinung dazu sagen.» Den Anruf schob ich Stunden vor mich her, denn Zindel, das war nicht irgendeiner.

Das war, das hatte sich schon bis zu mir rumgesprochen, der bärbeissige, respekteinflössende FCB-Pressesprecher, dem man nicht mit dummen Fragen kommen musste. Und auf die hatte ich in meinen ersten Wochen als Praktikant gewissermassen das Patentrecht. Einen halben Arbeitstag lang hing Josef Zindel an diesem Arbeitstag als Damoklesschwert über mir, und umso schmerzloser war dann das Gespräch, das nach wenigen Sekunden beendet war. Denn Zindel wollte zum Theaterstück über die FCB-Fans nur etwas sagen: «Nütt!»

Viel zu tun

Zindel und ich, wir verloren uns aus den Augen, denn ich wurde Regional- und nicht Sportjournalist. Erst zwölf Jahre später sollte es wieder zu einem Treffen kommen. Fünf Jahre nach seinem Rücktritt als FCB-Medienchef lädt er zu sich nach Hause in Blauen ein, wo er vor fünf Jahren in das Elternhaus seiner zweiten Ehefrau gezogen ist. Heute begegnen wir uns unter ganz anderen Vorzeichen. Ich mit mehr Selbstvertrauen, er mit mehr Zeit. Etwas, das ihm in seinen zwölf Jahren beim FCB stets gefehlt hatte. In der Hektik offenbarte er bisweilen cholerische Züge.

Heute sagt er: «Ich glaube, ich war ein guter Pressesprecher. Aber kein perfekter, zu aufbrausend war ich hie und da. Oder sagen wir es so: Ich habe die Tendenz, oberlehrerhaft zu sein und den Leuten zu sagen, wie sie sein sollen.» Eigentlich wollte er sein wie der Basler Polizeisprecher Klaus Mannhart. «Der schaffte es immer, die Ruhe zu bewahren.»

Vor fünf Jahren trat der bisher schillerndste FCB-Medienchef zurück. Fünf Jahre vor dem regulären Pensionsalter. Es war ein Vernunftsentscheid. Der Stress hatte ihm in den Jahren beim FCB zu stark zugesetzt. Er hatte 2002 einen Herzinfarkt gehabt und jahrelang erfolglos gegen sein Übergewicht angekämpft. Kürzlich hat Josef Zindel seinen 65. Geburtstag gefeiert. Ein Rentnerleben führt er deswegen noch lange nicht.

Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt hat Zindel im Untergeschoss seines renovierten Einfamilienhauses eine kleine «Ich-AG» geschaffen. Er ist weiterhin für den FCB tätig, als Historiker und als Berater, er schreibt Kabarettstücke wie bisher, verfasst Texte für Bauunternehmer oder Malerbuden.

Immer wieder Ausreden

Und er nimmt weiter neue Mandate an. Neu fungiert er als Pressesprecher des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte, obwohl er diesen davor gewarnt hatte, dass der Name Josef Zindel nicht mit Fachkompetenz in Gesundheitsfragen in Verbindung gebracht werden dürfe («zu Recht»). Dazu berät er auch eine Politikerin. «Die meisten Politiker lassen sich heute beraten.» Nicht selten geht er erst um drei Uhr nachts schlafen. Klingt das nicht nach der Überbelastung, der er vor fünf Jahren entsagen wollte? Zindel schüttelt den Kopf.

Seine Arbeit sei heute viel stressfreier als früher – und bereite ihm Spass. Trotzdem ist er nicht ganz zufrieden mit sich. «Ich sollte jeden Tag laufen. Stattdessen laufe ich jeden Tag nicht», sagt er. Immer wieder hat er Ausreden. So auch jetzt. In sechs Wochen muss Zindel das Manuskript seines zweibändigen Buches (125 Jahre FCB) abgeben.

Bis nachts um drei sitzt er jeweils vor dem Computer. Kommt hinzu, dass ihm sein innerer Genussmensch in die Quere kommt. Vor 14 Jahren hat er mit dem Rauchen aufgehört und kämpft täglich gegen die Lust, zumal seine Frau raucht. Da muss er die Fünf gerade sein lassen, wenn es um den gelegentlichen abendlichen Grappa geht; oder darum, beim Essen nachzuschöpfen. Er ist schlanker als auch schon, aber «trotzdem habe ich zu viele Kilos auf den Rippen».

Es ärgert ihn, dass er nicht disziplinierter ist. Er sieht sich nicht als Hedonist, ist alles andere als Fatalist. «Ich will noch lange leben», sagt er. Dabei habe er schon ein sehr ereignisreiches, «schönes» Leben gehabt. Nicht ohne Brüche freilich. Im ländlichen St. Galler Rheintal wuchs er gemeinsam mit vier Geschwistern und gläubigen Eltern auf. Mit 16 Jahren wurde er auf die Klosterschule geschickt, wo er aufbegehrte und ein halbes Jahr vor der Matur rausflog. Es folgte aus Liebe zur Literatur eine Lehre als Buchhändler; bereits damals stapelten sich auf seinem Nachttisch die Bücher. Lesen war eine Passion, der FCB und der Fussball eine andere.

Auch diese Leidenschaft war womöglich der Rebellion gegen das Elternhaus entsprungen – katholische Kinder gingen damals in den Turnverein, reformierte in den Fussballclub.

Skandinavienreise als Ziel

Nach einem Zwischenhalt bei der «Sportinformation» fand Zindel eine Stelle bei der «Basler Zeitung». Ausgerechnet als FCB-Redaktor. Das war Segen und Fluch zugleich. Schreiben konnte er wie kaum ein Zweiter. Seine Kolumne «Ratatouille» sprühte vor Witz und fand eine grosse Anhängerschaft. Grösser war die Herausforderung der professionellen Distanz zu seinem geliebten FCB, dessen erster professioneller Pressesprecher er 14 Jahre später werden sollte. Er selber ist der Meinung, dass er der Forderung nach «kritischer Solidarität» gerecht geworden sei. Im Inhalt sei er oft sehr hart gewesen, doch habe er sehr auf die Tonalität geachtet. «Ich habe einmal nach einer Niederlagenserie gefordert, dass der damalige Trainer Urs Siegenthaler wegmuss. Der hat mir später recht gegeben und mich gar für den Kommentar gelobt, weil er so subtil gewesen sei», sagt Zindel.

Das fehlt ihm heute, wenn er die Onlinemedien konsumiert und die Zeitungen durchblättert: das Subtile, die Tiefe. Würde er heute keinen Kommentar schreiben, in dem er nach der Basler Niederlagenserie dem FCB zur Entlassung von Raphael Wicky rät? Es ist die Frage, die aus dem sanftmütigen, beherrschten, liebevollen Zweimetermann plötzlich wieder den Journalistenschreck von damals macht.

Zindel hebt die Stimme an: «Hey, wir sind Zweiter in der Meisterschaft! Wir sind in den Cup-Halbfinal vorgestossen, haben es in den Champions-League-Achtelfinal geschafft. Was soll das jetzt?» Wicky und der Sportchef Streller machten einen hervorragenden Job. Nur seien sie womöglich leider die Ersten, die nach acht Meistertiteln einen Titel verpassen würden. «Da gibt es doch eine gewisse Logik. Du kannst den Erfolg nicht abonnieren.

Dass es wahrscheinlich in diesem Jahr eintrifft, das hat verschiedene Gründe. Auch, dass YB so stark ist wie nie zuvor.» Natürlich tut es Zindel weh, zu sehen, dass der FCB nicht auf Touren kommt. Fluchend, sagt er, sei er am vergangenen Sonntag bei der Luzern-Niederlage auf dem Sofa gelegen. Doch schnell habe er sich wieder eingekriegt. «Ich habe viele Schwächen», sagt er. «Aber eine Stärke von mir ist, dass ich verlieren kann. Ich kann gut akzeptieren, wenn jemand etwas besser kann.»

Nicht überall läuft man ihm allerdings so schnell den Rang ab. Der FCB hat mit ihm soeben den Vertrag verlängert; unverzichtbar ist vorderhand sein Fundus an Erfahrung und Fachwissen für den Traditionsclub. Wie lange er weitermacht, ist unklar. Vergangene Woche bekam er erstmals die AHV überwiesen. Was hat er sich noch vorgenommen? Viel ist es nicht. Vielleicht zu oft ist der Mann mit den «vielen Schwächen» dadurch enttäuscht worden, dass er seine Vorsätze nicht einhalten konnte.

Ein grosses Ziel aber hat er sich gesetzt. Eines Tages will er mit seiner Frau durch Norwegen, Finnland und das Baltikum reisen. Er würde am liebsten mit dem Auto fahren, sie mit dem Wohnmobil. «Aber das ist doch irgendwie spiessig», entfährt es ihm. Irgendwo schlummert er eben doch in ihm: der Rebell, der einst nach Basel zog, um der bürgerlichen Enge seiner Ostschweizer Heimat zu entkommen.

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