Transfrau
Ehemaliger Synoden-Präsident will Grossrätin werden

Der Name auf dem Wahlplakat lautet Basil Burkhardt — auf dem Bild ist jedoch eine Frau zu sehen. Ab Freitag muss sich Rebecca Burkhardt auch in ihrem beruflichen Leben nicht mehr als Mann verkleiden.

Martina Rutschmann
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Basil Burkhardt war Präsident der römisch-katholischen Synode – Rebecca Burkhardt ist Grossratskandidatin.

Basil Burkhardt war Präsident der römisch-katholischen Synode – Rebecca Burkhardt ist Grossratskandidatin.

Roland Schmid

Es sind eher dicke Männer, die Brüste haben. Stolz sind sie nicht darauf. Basil Burkhardt (58) geht es anders. Er ist froh um die Pölsterchen im Brustbereich. Denn er ist auf dem Weg, die Frau zu werden, die sie eigentlich immer war, halt nur innerlich. Gemerkt hat sie das aber erst vor einigen Jahren.

Die Welt in Therwil der 1960er-Jahre war, wie sie heute noch ist: Die Buben spielen in der Pause Fussball – die Mädchen tratschen. Primarschüler Basil wollte lieber mit den Mädchen plaudern, statt auf dem Feld herumzurennen. Die Mädchen wollten aber nichts von ihm wissen: ein Bub, nein danke! Also verhielt er sich wie ein Junge und später wie ein Mann. Jahrzehntelang. Die Frauen reagierten aber immer komisch, wenn er nur Freundschaften suchte. Welcher Mann will nur reden?

Transgender gabs offiziell nicht

Der Jurist fragte sich selber auch, was mit ihm los sei, warum er sich auf diese eigenartige Art hingezogen fühlte zu Frauen? Bin ich schwul? Als modisch gekleideter Mann mit längerem Haar wurde er oft angemacht von Männern. Er merkte bald: Schwul bin ich nicht. Es ist etwas anderes. Bloss: was? Auf die Idee, eigentlich eine Frau zu sein, kam er nicht. Transgender war damals kein Thema. So etwas gab es offiziell nicht. Als ihm eines Tages eine Frau Avancen machte, funkte es auf die leidenschaftliche Art. Die Hochzeit war sehr schön. Basil trug Frack und Zylinder, die Braut ein cremefarbenes Kleid.

Damals war Basil Burkhardt bereits über 40 Jahre alt. Er war weiblich, sensibel, alles andere als ein Macho – aber ein Mann. Mit Frack und Zylinder und Ehering. Das Paar heiratete katholisch, manche würden sagen konservativ. Vermutlich hat sich der Pfarrer besonders Mühe gegeben, einen Bräutigam wie diesen traute er nicht alle Tage.

Basil Burkhardt war damals Präsident der römisch-katholischen Synode und damit Basels höchster Katholik. Schon davor hat er sich jahrelang in der Kirche engagiert, unter anderem in Genf im kulturellen Zentrum der dortigen Kirche. Inzwischen ist sie nicht mehr aktiv im Kirchenrat, mit ihrer Transformation hat das aber nichts zu tun, eher mit internen Problemen. Sie hält die Kirche nach wie vor für eine wichtige Institution und bezahlt brav deren Steuern. Sie, das ist übrigens Rebecca. Basil gibt es nur noch im Pass.

Heute erfahren es die Kollegen

Was ist passiert? Frau Burkhardt, wann hatten Sie Ihr Aha-Erlebnis? Wann ist das «Zwanzgerli» gefallen?

Rebecca lächelt. Und überlegt. «Diesen einen Moment, den gab es nicht», sagt sie mit einer Stimme, die tief ist für eine Frau, aber nicht männlich. Am Telefon sagen die Leute oft «Frau Burkhardt», was Basil Rebecca Burkhardt, die Versicherungsangestellte, freut. Dann ist sie froh, dass die Menschen am anderen Ende der Leitung nicht sehen, dass da ein augenscheinlicher Mann mit Buntfaltenhosen und Hemd und kurzem Zopf am Tisch sitzt. Das jedenfalls war bis heute der Fall. Am Freitag hat Rebecca das Coming-out im Büro, abgesprochen mit dem Chef. Coming-out, das bedeutet für sie: Befreiung! Es bedeutet auch: «Ich bin endlich zu Hause!» Ab sofort muss Rebecca am Montagmorgen nicht mehr fast weinen, wenn sie vor dem Kleiderschrank mit den Hemden steht und weiss: Ich muss mich als Mann verkleiden. Ab heute darf sie als Frau arbeiten gehen, so, wie sie ihre Freizeit seit einigen Jahren verbringt, in Rock und Pumps, geschminkt, mit offenem Haar, aber nie zu sexy, das katholische Wesen ist in Rebecca drin – und welche Katholikin trägt schon zu kurze Röcke?

Aber jetzt sagen Sie, Frau Burkhardt, wie war das mit diesem Moment, der Erkenntnis, im falschen Körper geboren worden zu sein? «Ich sass zu Hause und fragte mich: Ist es dir jetzt endlich klar?» Innerlich habe sie es gewusst, die Erkenntnis, «die Sache in die Hand zu nehmen», kam aber erst an diesem Abend, einfach so, ohne Grund. Es lief keine Transgender-Sendung im Fernseher, kein Buch zum Thema lag auf dem Tisch, es kam von innen, es war fällig.

Ex-Ehefrau erfuhr zuerst davon

Rebecca und ihre Ehefrau lebten damals schon einige Jahre getrennt. Die Trennung war kein Drama, im Gegenteil: Die beiden sind sich heute so nah wie nie. Sie leben im Gundeli und sehen sich mehrmals die Woche. Die Ex-Frau war es auch, die Rebecca als erste einweihte. Ein besonderer Moment.

Und jetzt also kandidiert Rebecca Burkhardt zum zweiten Mal für den Grossrat. Vor vier Jahren hat es Basil nicht gereicht, aber diesmal? Auffallen tut sie bestimmt: Obwohl sie eine Frau ist und auf dem offiziellen Grossratsbild als solche abgebildet ist, steht darunter der amtliche Name Basil Burkhardt.

Eine Namensänderung muss am Zivilgericht erfolgen, und da würde sicher die Frage aufkommen: Was soll mit der Ehe geschehen? Ausserdem müsste sie ein «Arztzeugnis» vorlegen, was sie nicht versteht: «Ich bin weder krank noch gaga – im Gegenteil: Erst jetzt bin ich richtig gesund!» Das strahlt sie auch aus, wenn sie lächelnd und selbstsicher durch die Stadt geht. Sie wurde noch nie angepöbelt, selten blöd angestarrt. «Vielleicht merken die Leute nicht, dass ich mal ein Mann war», sagt Rebecca.

CVP hat es positiv aufgenommen

Im Grossen Rat möchte sie sich sozial engagieren, sich für Anliegen von kleinen Unternehmen einsetzen, eine bürgerliche Politik betreiben, wie man sie von der CVP gemeinhin gewohnt ist.

Ausgerechnet die CVP! Die katholische Partei mit den konservativen Ansichten, die Partei, für die eine Familie aus einem Mann, einer Frau und im besten Fall Bub und Mädchen besteht! Doch genau diese Partei ist froh um eine Kandidatin wie Rebecca Basil Burkhardt. «Nachdem mich ein Bekannter angefragt habe, ob ich kandidieren möchte, habe ich begeistert zugesagt. Erst wenige Minuten später wurde mir bewusst: Ich muss denen noch etwas verklickern!» Sie lacht. «Zu meiner eigenen Überraschung hat es die Partei aber sehr positiv aufgenommen.»

Das Coming-out heute im Büro soll der erste Schritt zu ihrem grossen Ziel sein: «Ich will eine happy Rebi sein – und zwar täglich, 24 Stunden lang!»