Atomfrei
Ein Archiv für die Anti-AKW-Bewegung

Die Besetzung der Baustelle von Kaiseraugst begann 1975 mit der Blockade der Baumaschinen. Der Protest nimmt in der Dokumentationsstelle Atomfreie Schweiz einen wichtigen Raum ein.

Peter Schenk
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So fing es an: Am 1. April 1975 wurden die Baumaschinen auf dem Baugelände des AKW Kaiseraugst besetzt und die Arbeiter nach Hause geschickt.

So fing es an: Am 1. April 1975 wurden die Baumaschinen auf dem Baugelände des AKW Kaiseraugst besetzt und die Arbeiter nach Hause geschickt.

Fotolib

Im ehemaligen Kulturpavillon direkt am Grenzübergang Otterbach befindet sich heute die Dokumentationsstelle Atomfreie Schweiz. Auf 200 Quadratmetern werden die Dokumente der Schweizer Anti-AKW-Bewegung gesichtet und katalogisiert. Einen wichtigen Raum nimmt dabei die erfolgreiche Besetzung des AKW-Geländes in Kaiseraugst 1975 ein (siehe Box).

Die Besetzung dauerte elf Wochen

Es gab damals keinen anderen Weg, das AKW zu verhindern, als das Baugelände von Kaiseraugst zu besetzen. «Das war Notwehr – zwar illegal aber legitim», urteilt der langjährige AKW-Gegner und Liedermacher Aernschd Born. «Es war eine spezielle Situation entstanden, die dazu geführt hat, dass sich auch die ‹braven Schweizer› aufgelehnt haben.» Ein halbes Jahr vorher habe es bereits eine grosse Veranstaltung auf dem Gelände gegeben.

Die Besetzung begann am 1. April 1975 mit der Blockade der Baumaschinen. «Bei der ersten grossen Demonstration am folgenden Wochenende zeigte sich, dass wir grosse Unterstützung hatten. Trotz schlechten Wetters waren 15 000 bis 20 000 Personen gekommen.» Der Widerstand bestand aus Linken und Bürgerlichen. «Dass sie zusammenarbeiteten, war für damals eher ungewöhnlich», erinnert sich Born. Wichtig sei ferner das Engagement von Politikern wie Alexander Euler, Ruedi Rechsteiner und Hansjörg Weder gewesen.

Elf Wochen hat die Besetzung gedauert. «Wir sind erst gegangen, als man uns die Zusicherung gegeben hat, dass kein Bauzaun gebaut wird und die Wiese so bleibt.» 1986 wurde das Projekt endgültig zurückgezogen und der Investor Motor Columbus vom Bund entschädigt.

160 Meter Regal-Länge

Die Kenntnisse als Archivar musste er sich erst selbst erarbeiten. Seit 1. April können Journalisten, Historiker, Schulklassen, Lehrpersonen und weitere Interessierte vor Ort über das AKW-Thema arbeiten. Insgesamt stehen 160 Meter Regal-Länge für Dokumente, die aus der AKW-Bewegung, aber auch von Privaten kommen, zur Verfügung.

Im Foyer finden sich grosse historische Fotos und auch ein berührender Brief an den damaligen Bundesrat Willi Ritschard. Neben Büchern hat Born auch Buttons, Plakate, die erste Alu-Sammeltonne der Schweiz und weitere Erinnerungsstücke zusammengetragen. Einen Teil seiner Arbeitszeit verbringt er damit, Fotos und Filme zu digitalisieren, die dann ins Internet gestellt werden. Ausserdem will er selber Persönlichkeiten, die damals in der Bewegung aktiv waren, mit der Kamera besuchen und interviewen.

Ab April 2016 ist auch eine ständige Ausstellung geplant, die die Entwicklung von der anfänglichen Atomenergie-Euphorie in der Schweiz bis zum AKW-Ausstieg thematisiert. «Vor 50 bis 60 Jahren wollte die Schweiz noch selber Atombomben und Atomkraftwerke bauen. Es waren insgesamt zwölf AKW geplant», berichtet Born.

Die Zeiten sind gründlich vorbei. Damit das auch so bleibt, will sich die Dokumentationsstelle mit der Ausstellung und Veranstaltungen in eine erneute Abstimmung zum AKW-Ausstieg und der Energiewende einmischen, die mit Sicherheit kommen werde.

An wenig Geld gewöhnt

Die Ausstellung wünscht sich Born möglichst lebendig und interaktiv. Ihm ist aber auch bewusst, dass das nicht umsonst zu haben ist. «Wir sind am Sammeln und das ist derzeit nicht einfach. Aber die Anti-AKW-Bewegung ist es sich gewöhnt, aus wenig Geld viel zu machen», betont er.

Born, der mit seiner Frau bis vor zwei Jahren den, wohlgemerkt nicht subventionierten, Kulturpavillon betrieben hatte, wohnt seit 2006 in dem Gebäude in der Freiburgerstrasse. Es stammt von 1990 und gehört dem Bund. Früher war hier die Grenzsanität untergebracht. «Wir können auf absehbare Zeit hierbleiben. Der Bund unterstützt uns und ist froh, dass das Gebäude genutzt und somit erhalten wird», erzählt Born.

Die Dokumentationsstelle setzt sich schwerpunktmässig mit der Schweiz auseinander. Im südbadischen Wyhl, wo ebenfalls ein AKW verhindert wurde, gibt es eine eigene Dokumentationsstelle. Dort war übrigens die Auseinandersetzung mit der deutschen Polizei ungleich härter als in Kaiseraugst, wo es derartige Zusammenstösse laut Born nicht gegeben hat.

Sorgen, dass er zu viel Material erhält, macht er sich nicht. «Wir sind nicht unter Zeitdruck. Es geht vor allem darum, dass Archiv so zu führen, dass es später von jemand anderem weitergeführt oder von einem Archiv übernommen werden kann.»

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