Nachdem Madjid Nuri vor 15 Jahren aus dem Iran geflüchtet war, war der Kurde nur auf dem Papier hier angekommen: Der Rest war ein Kulturschock. Nuri kannte seine Rechte nicht. Nach drei Monaten begann er zu arbeiten. Schwarzarbeit, ohne Vertrag. Bei einem Auftrag der Reinigungsfirma, die ihn anstellte, fiel er vom Gerüst, als er eine Glasfassade putzte. «Meine Hand war kaputt, ich brauchte eine Metallschiene. Sehen Sie, noch heute kann ich die Hand nicht richtig bewegen», sagt Nuri, der damals im Spital log: Auf Geheiss des Arbeitgebers erzählte er, er sei beim Spazieren umgefallen.

Später wollte er die Reinigungsfirma verklagen, die ihn nach dem Unfall fallen liess und keine Gelder zahlte. «Leider konnte ich keine Beweise vorlegen», sagt Nuri, der im Iran als Journalist einer Wochenzeitung tätig war. Heute arbeitet er im 50-Prozent-Pensum in der Pâtisserie eines Basler Pharma-Unternehmens. Daneben ist er selbstständig, arbeitet für kurdische Medien und setzt Filmprojekte um – auch Filme für den Verein «Migranten helfen Migranten», für den er sich seit neuestem engagiert. Er, der seit 2008 Schweizer ist, berät Einwanderer, die arabisch, persisch oder kurdisch sprechen. Vor allem solche auf Jobsuche oder mit Schwierigkeiten bei ihrer Arbeit. «So passiert ihnen nicht das Gleiche wie mir. Ich erkläre ihnen ihre Rechte», sagt Nuri.

Reiche Basler finanzieren Miete

Seit April haben die fast 20 Helfer des 2014 gegründeten Vereins ein Hauptquartier: ein Drei-Zimmer-Büro in einem Wohnblock an der Amerbachstrasse. Die Miete über 1400 Franken zahlen Schweizer Privatpersonen und Vereine. Verschiedene Firmen und Institutionen sponserten zudem das Mobiliar für den Computer- und den Schulungsraum. «Dafür sind wir sehr dankbar», sagt Alima Diouf, Geschäftsleiterin des Vereins.

Diouf ist in Basel keine Unbekannte: Im Jahr 2000 erschien ein Dokumentarfilm, der ihre Geschichte erzählt: Wie sie 1994 mit 21 Jahren von einem Schweizer mit zahlreichen Versprechen aus dem Senegal in die Schweiz geholt wurde. Und wie sich die Versprechen schliesslich in Luft auflösten. Mittlerweile hat sie Ausbildungen zur Erwachsenenbildnerin, zur Pflegeassistentin und zur Fachfrau Finanz- und Rechnungswesen absolviert. Kürzlich hat sie sich zur Finanzberaterin weitergebildet. Es nützt nichts: Sie lebt von der Sozialhilfe, trotz Hunderter Bewerbungen. Ihr Flair für Finanzen und ihre freie Zeit investiert sie nun ganz in ihren Verein. Denn die Migranten haben oft Finanzprobleme, wissen zum Beispiel nicht, was eine Rechnung ist, können damit nichts anfangen. «Acht von zehn Leuten, die wir beraten, können weder Deutsch lesen noch schreiben, kennen manchmal nur die amharischen Schriftzeichen. In ihren Herkunftsländern zahlt man alles bar und sofort, vor allem in Afrika. Darum verstehen sie das mit den Papierrechnungen nicht.» Viele Migranten sind verschuldet, lassen sich von Kredithaien übers Ohr hauen. «Sie denken, man könne allen Schweizern vertrauen. Schliesslich ist hier alles gut organisiert.»

Zwar gibt es in Basel diverse Beratungsstellen für Ausländer, zum Beispiel vom Kanton oder von der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG). Für viele Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten reiche dies aber leider nicht aus, so Diouf. «Es gibt sehr viele Broschüren mit Ratschlägen in verschiedenen Sprachen. Aber das nützt nicht immer, weil viele nicht lesen können. Wir helfen den Migranten in ihrer eigenen Sprache, damit sie wirklich verstehen, um was es geht.»

Speziell: Manche Migranten leben schon seit 20 Jahren hier und sind trotzdem auf diese Hilfe angewiesen, weil sie noch immer kein Wort Deutsch können. Diesen Menschen will der Verein vermitteln, dass sie sich nicht nur in Parallelgesellschaften aufhalten sollen, sondern den Kontakt mit anderen Kulturen suchen müssen, um sich hier zu integrieren.

Migranten mit Angst vor Polizei

Auch mit Behörden arbeitet der Verein zusammen. So war kürzlich die Polizei an der Amerbachstrasse zu Gast und erklärte jungen Migranten die Polizeiarbeit in der Schweiz. «Manche Ausländer, die zu uns kommen, haben Angst vor der Polizei, da sie in ihrer Heimat den Polizisten nicht vertrauen konnten.» Auch Mitarbeiter des Steueramts, des Betreibungsamts oder des Amts für Sozialbeiträge engagierte der Verein schon für Informationsabende. «Die Mitarbeiter der Behörden übernehmen solche Aufgaben gerne», sagt Diouf.

Finanzielle Hilfe vom Staat erhält der Verein aber nicht. «Natürlich würde uns das freuen. Aber wir müssen zuerst zeigen, dass wir die bestehenden Ausländerberatungen nicht konkurrenzieren, sondern eine Ergänzung sind», so Diouf, die auch Kontakte zu Politikern herstellt. Zum Beispiel zu Heinrich Ueberwasser von der SVP, der im Grossen Rat eine schriftliche Anfrage betreffend Sport und Flüchtlinge stellte. Darin schlug er vor, dass leerbleibende Plätze im Joggeli an Flüchtlinge vergeben werden. «Sport ist eine gemeinsame Sprache, die den Einbezug von Migranten sofort ermöglicht», sagt Ueberwasser. Dessen ist sich auch «Migranten helfen Migranten» bewusst: Der Verein plant ein Fussballturnier gegen Rassismus und Diskriminierung, bei dem sich die Teams aus Spielern verschiedener Nationalitäten zusammensetzen.

Nächste Woche werden Migranten für 50 Franken ein Deutschkonversationslager im Jura absolvieren, das von der Bürgergemeinde mitfinanziert wird. In Rollenspielen werden Alltagsszenen nachgestellt, damit die Migranten, die schon etwas Deutsch können, diese Kenntnisse auch beim Gespräch mit Behörden oder dem Arzt anwenden können.