Der Historiker Werner Meyer erforschte mit einem kleinen Team der Universität Basel in den vergangenen drei Jahren jeweils für zwei Monate eine Festungsruine im Himalaya. Im Gespräch lobt der Burgenexperte die Aufgeschlossenheit und Neugier der einheimischen Bevölkerung.

Herr Meyer, zwischen den Jahren 2008 und 2010 waren Sie für Grabungen auf der Festung Drapham Dzong in Bhutan verantwortlich. Wie kam es zu Ihrem Engagement in Asien?

Werner Meyer: Der Anstoss zum Projekt wurde in Bhutan gegeben. Der Staat ist momentan dabei, sich unter Wahrung der eigenen Traditionen der modernen Welt anzupassen. Dazu gehört auch die Entwicklung eines Geschichtsbildes, welches zur Ausbildung einer historisch begründeten nationalen Identität beitragen kann. Als Teil der anhaltenden Demokratisierungstendenzen treibt die Regierung erstmals auch archäologische Untersuchungen voran. Eine bhutanische Amtsstelle wandte sich mit dem Vorhaben an die seit Jahren im Land tätige Helvetas. Über Umwege wurde letztlich ich als Verantwortlicher für das Projekt angefragt.

Weshalb entschieden Sie sich, die Leitung zu übernehmen?

An allererster Stelle stand wie immer meine Entdeckerfreude. Als Archäologe stösst man immer wieder auf Funde, die uns geschichtliche Zusammenhänge vor Augen führen können.

Was erwartet einen Archäologen in Bhutan?

Im Land existieren sehr viele unerforschte historische Bauten. Ein Beispiel sind die Dzongs, bei denen es sich um befestigte Anlagen handelt. Diese stammen wahrscheinlich aus dem 17. Jahrhundert und konnten sowohl weltlichen als auch religiösen Charakter besitzen. Bhutan ist heute, dies gilt es hervorzuheben, auch nach unseren Grabungen, archäologisch noch immer praktisch unerforscht. Es fehlen die für die Archäologie wichtigen Vergleiche mit anderen Fundstellen. Für mich und mein Team war es sehr erkenntnisreich und spannend, dieses Neuland zu betreten.

Wie setzte sich Ihre Forschungsequipe zusammen?

Aus der Schweiz kam ein Team von 5 bis 6 wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit nach Bhutan. Ausserdem vermittelte uns das Ministerium in Bhutan drei Ingenieure von der Abteilung Denkmalpflege. Zudem arbeiteten wir mit rund achtzig einheimischen Männern und Frauen zusammen. Für diese waren die Grabungsarbeiten eine Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Es darf nicht vergessen werden, dass Bhutan eine Agrargesellschaft ist, welche auf Tauschhandel und dem Handel mit landwirtschaftlichen Produkten basiert. Die Menschen leben in weiten Teilen des Landes, wie wir vor 150 Jahren. Ohne Elektrizität und ohne Maschinen oder Autos.

Wie waren die Reaktionen der Einheimischen auf die Grabungen?

Zuerst einmal gilt zu sagen, dass ich noch nie so gute Arbeitskräfte erlebt habe wie in Bhutan. Weil die Menschen noch auf althergebrachte Weise leben, beherrschen sie Werkzeuge, die bei uns beinahe ausgestorben sind. Obwohl Archäologie im Land unbekannt ist, arbeitete die Bevölkerung mit und begeisterte sich für das Projekt. An Feiertagen statteten uns auch Interessierte aus dem Tal einen Besuch ab.

Welches sind die wichtigsten Fundstücke?

Im Vergleich zu Grabungen in der Schweiz fanden wir nicht enorme Mengen an Gegenständen. Jedoch stiessen wir auf zahlreiche Tierknochen und auf aus China stammende Porzellanfragmente. Letztere deuten auf Handelsbeziehungen mit dem nördlichen Nachbarn hin. Auf der von uns geleisteten Pionierarbeit kann nun die Archäologie im Land aufbauen. Die noch junge Demokratie muss allerdings erst die nötigen Strukturen schaffen, um eine breite Forschungstätigkeit zu ermöglichen. Mit unserem Projekt unternahmen wir den Versuch, der Archäologie in Bhutan eine Türe zu öffnen.