Interview

Ein Berufsleben lang der Hahn im Korb: Handarbeitslehrer Lukas Honold über den Alltag in einer Frauendomäne

Lukas Honold vor der Berufsfachschule, wo er in den 70er-Jahren seine Ausbildung absolvierte.

Lukas Honold vor der Berufsfachschule, wo er in den 70er-Jahren seine Ausbildung absolvierte.

Lukas Honold ist 61 Jahre alt und seit 1981 Handarbeitslehrer. Nach 40 Jahren setzt er sich jetzt zur Ruhe.

1977 startete Lukas Honold seine Ausbildung zum Handarbeitslehrer und schloss als einziger Mann ab. Heute, 43 Jahre später, würde man erwarten, er sei dauernd mit Diskriminierung konfrontiert gewesen. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie er im Interview berichtet.

Wie kamen Sie damals in den 70er-Jahren auf die Idee, Textil- und Werklehrer zu werden?

Lukas Honold: Ich besuchte eine Schule, die damals frisch auch für Jungs geöffnet wurde. Ich hatte dort eine ganz tolle, sehr junge Textillehrerin, die mich nach dem Abschluss dazu motiviert hat, diese Ausbildung zu machen.

Die Ausbildung machten Sie von 1977 bis 1981 an der Berufsfachschule. Waren Sie der einzige Mann?

Wir waren anfangs zu zweit, der andere Mann brach nach der Fachausbildung aber ab. Den Abschluss machte ich dann also allein unter Frauen.

Wie war das als einziger Mann?

Die Frauen waren sehr offen und haben mir immer weitergeholfen. Im Textilbereich hatten sie einen riesigen Vorsprung auf mich. Die Situation war für sie aber nicht so aussergewöhnlich, wie man das vielleicht erwarten würde.

Und für die Ausbildnerinnen?

Ein grosser Teil davon waren ältere Damen, es gab nur zwei männliche Lehrer, der eine unterrichtete Zeichnen und Werken und der andere Modezeichnen. Für die Ausbildnerinnen war es sehr speziell, dass da jetzt plötzlich auch junge Männer sassen.

Wie äusserte sich das?

Ich weiss nur noch, dass immer wieder betont wurde, dass es «da ja jetzt auch Männer habe». Ich glaube aber, dass sie auch angetan waren von der Tatsache, dass sich jetzt auch Männer für ihre Branche interessierten. Diskriminierung war auf alle Fälle nie Thema. Im pädagogischen Teil der Ausbildung war ich aber oft mit Klischees konfrontiert und hörte Dinge wie «Sie unterrichten dann ja sowieso einmal Werken».

Damals hatten Mädchen und Jungs ja noch getrennten Handarbeitsunterricht…

Genau, Mädchen hatten textiles Werken und Jungs nicht. In einer meiner ersten Sekundarschulklassen habe ich dann auch nur Mädchen unterrichtet, das war schon sehr speziell, denn das waren sich weder die Mädchen noch die Eltern gewöhnt.

Gab es Reaktionen seitens der Eltern?

Nein, die Situation war hauptsächlich für die Mädchen sehr speziell, denn mit ihrer Textillehrerin hatten sie jeweils einen geschützten Rahmen. Der Klassenlehrer war oft ein Mann, die Mehrzahl der Lehrpersonen waren männlich. Mit den Textillehrerinnen konnten sich die Mädchen also auch zurückziehen und mädchenspezifische Themen besprechen. Dieser Rahmen hat mit mir als Textillehrer dann natürlich gefehlt.

Was war die erste, grössere Veränderung in Ihrem Berufsfeld während Ihrer Arbeitstätigkeit?

Spätestens mit der Einführung der Orientierungsschule kamen die gemischten Klassen. Ab 1994 gab es also die getrennten Klassen im Handarbeitsunterricht nicht mehr, das war sicherlich eine grosse Veränderung.

Wie fiel die Reaktion auf diese Veränderung aus?

Durchwegs positiv. Das war damals längst überfällig und völlig normal.

Über 40 Jahre nach seinem erfolgreichen Abschluss lässt sich Lukas Honold vor der Berufsfachschule portraitieren.

Über 40 Jahre nach seinem erfolgreichen Abschluss lässt sich Lukas Honold vor der Berufsfachschule portraitieren.

Wie hat sich der Unterricht über die Jahre verändert?

Gerade das Konzept des Werkunterrichts hat sich stark verändert. Man ist weggekommen vom «Schritt-für-Schritt-Arbeiten». Das Ziel war nicht mehr, dass am Schluss alle exakt das gleiche Produkt vorweisen konnten. Schülerinnen und Schüler erhielten mehr Freiräume, in welchen sie planen und entwickeln konnten. Das trieb der damalige Basler Inspektor für Werkunterricht, Marcel Gauthier, stark voran.

Hat das «Erziehen müssen» über die Jahre zugenommen?

Ganz eindeutig ja. Es ist eine soziale Frage. Der Grund, weshalb die Jugendlichen in die jeweiligen Züge (in der Sekundarschule gibt es drei verschiedene Züge, A.d.R.) eingeteilt werden, hat einerseits intellektuelle Gründe. Es gibt in den A-Zügen aber immer wieder Schüler, die in einem anderen Zug sein könnten, wenn sie ein anderes soziales Umfeld hätten. Das ist aber so, seit es die Schule gibt, das ist nichts Neues.

Man muss sich auch eingestehen, dass man nicht jeden Schüler «retten» kann…

Ja, die Schule hat einen beschränkten Einflussbereich.

Was möchten Sie Neueinsteigenden in Ihren Beruf gerne mit auf den Weg geben?

Ein Praxislehrer von mir hat mir einmal gesagt, er komme am Morgen stets mit einem leeren Körbchen, das am Abend dann voll sei. Er müsse dann schauen, dass es am nächsten Morgen wieder leer sei. Das hat mich immer wieder bewegt. Es gibt in diesem Beruf auch Situationen, die nicht so toll sind. Damit muss man auch umgehen können. Man sollte nicht zu viel mit sich herumtragen, um am Morgen wieder unbefangen auf die Schülerinnen und Schüler zugehen zu können.

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