Basel
Ein bisschen Hollywood gibt es nun auch in der Stadt

Martin Oeggerli und sein Team bringen das Unsichtbare auf die Kinoleinwände: Kleinste Lebewesen wie ein Marienkäfer werden bald dank Basler Tüftlern auf den IMAX-Kinoleinwänden der Schweiz zu sehen sein.

Eva Wieser
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Und Action: In diesem Labor entstehen die Bilder für den Hollywood-Film. Martin Oeggerli (vorne), Kenneth Goldie (Mitte) und Henning Stahlberg ermöglichen es, dass Kleinstlebewesen zu Kinostars werden. Niz

Und Action: In diesem Labor entstehen die Bilder für den Hollywood-Film. Martin Oeggerli (vorne), Kenneth Goldie (Mitte) und Henning Stahlberg ermöglichen es, dass Kleinstlebewesen zu Kinostars werden. Niz

«Ich sehe etwas, das du nicht siehst – und es ist faszinierend.» Das könnte Martin Oeggerli jedes Mal denken, wenn er sein geübtes Fotografenauge auf den Bildschirm richtet. Dort erscheint, was für unser Auge unsichtbar ist: eine hügelige Landschaft und ein paar borstenartige Stängel.

«Ein Tomatenblatt», bemerkt der Mikrofotograf Oeggerli. Was der 39-Jährige vor zwei Wochen gekauft hat, liegt nun in einem Hochvakuum, ist mit einer hauchdünnen Platinschicht überzogen und wird von einem Elektronenstrahl gescannt. Von Magnetlinsen gebündelt, tastet dieser die Oberfläche ab.

Für Laien wirkt es fast magisch, wie das Bild des x-fach vergrösserten Blattes auf den Bildschirm gezaubert wird. Doch auch Oeggerli und der Mikroskop-Spezialist Kenneth Goldie sehen gespannt auf den Bildschirm, obschon sie bereits Tausende solcher Bilder produziert haben. Denn für den Auftrag, welchen sie aus Hollywood bekommen haben, brauchen die Forscher Unmengen von perfekten Bildern.

Seit einem Jahr arbeitet das Team rund um Martin Oeggerli an einer vierminütigen Filmsequenz für den 3-D-Film «Mysteries of the Unseen World». Kleinste Lebewesen werden ab dem 1. November ganz gross auf den Kinoleinwänden der IMAX-Säle inszeniert.

Tiere mit Image-Problemen

«Man unterschätzt das ganz Kleine», sagt Oeggerli. Mit seinen Bildern will er der Natur helfen, sich zu präsentieren. «Die Beine eines Marienkäfers sind nicht nur einfach ein Strich. Das sind aufwendige Werkzeuge mit Widerhäkchen, damit sich die Käferli auch unten an die Blätter heften können.»

Anhand einer weiteren Fotografie zeigt Oeggerli, wie sich Hundemilben mit ihrem Mundwerk wie eine Nähmaschine durch die Haut fressen können. Das momentane Lieblingsbild des Biologen aus Allschwil zeigt ein anderes Tier mit Image-Problemen: einen Katzenfloh. Man könnte meinen, das kleine Monster mit einem aufwendigen Rüssel stammt aus einem Sience-Fiction-Film.

«Wenn im Film der Katzenfloh überflogen wird, werden die Zuschauer vor allem fasziniert sein, da nicht pure Fiction, sondern Realität gezeigt wird», schwärmt der Mikrofotograf, der unter dem Namen Micronaut weltweit bekannt ist. «Es ist ein Privileg, dass ich mit einem Mikroskop auf Safari gehen kann», sagt Oeggerli. Dass er für dieses Projekt angefragt wurde, sei zudem eine besondere Ehre. Denn es ist das erste Mal, dass bewegte Bilder aus einem Rasterelektronenmikroskop entstehen.

Als Oeggerli den zwei Millionen Euro teuren Apparat erhielt, musste er dafür sorgen, dass der Boden eines Labors aufgesägt und ein Sockel aus sieben Tonnen Beton aufgeschüttet wurde. «Es darf kein bisschen rütteln», erklärt Micronaut.

«Aufwendigste Filmproduktion»

Perfekte Bilder, das ist für Oeggerli Standard. Nur dann ist er zufrieden. Ob eine Fotografie gelungen ist, erkennt er aber erst, wenn das Bild auf dem Computer erscheint. Dann hat Oeggerli das Präparier-Prozedere bereits hinter sich. «Fehlt beispielsweise einer Zecke ein Bein, können wir wieder von vorne beginnen.»

Auch wenn das Objekt perfekt auf dem Bildschirm erscheint, gibt es noch viel zu tun. Pro Bild müssen 20 Millionen Pixeln eine Farbe zugeordnet werden. Informatik-Cracks der Universität Basel haben ein Programm kreiert, welches die nachfolgenden Bilder automatisch koloriert. So muss Oeggerli nur jedes 350. Bild von Hand bearbeiten. «Eine der aufwendigsten Filmproduktionen überhaupt», kommentiert Micronaut das Projekt – welches er vor einem Jahr noch für unmöglich hielt.

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