Der Applaus ist riesig. Die rund 100 anwesenden Gäste klatschen, rufen «bravo!» und schauen wie verzaubert auf den Laufsteg, der den Raum mit seinen schwarz-weissen Stühlen in zwei Seiten teilt. 55 Minuten lang haben sie zugesehen, wie Angela, Nikolina, Monique und Michèle die neusten Kreationen von Couturier Raphael Blechschmidt präsentiert haben. Nachdem Nikolina als letztes Mannequin über den Laufsteg geschritten ist, wird es Zeit, dass Blechschmidt selbst den weissen Catwalk betritt. «Ich war sehr nervös», sagt er, die vier Mannequins neben ihm stehend. «Aber jetzt bin ich einfach zufrieden.» Nachdem Blechschmidt sich bei allen bedankt hat, allen voran bei seinem Partner Peter Podolski, ist die Show zu Ende. Ohne Zwischenfälle wurde in 13 Durchgängen präsentiert, was in diesem Herbst und Winter en vogue ist.

Damit die erste von sechs Shows so reibungslos verlaufen konnte, brauchte es viel Vorlauf. Für die Show, die um 16.45 Uhr begann, traf man sich bereits um 09.45 Uhr morgens, also sieben Stunden bevor das erste Mannequin auch nur mit einem Highheel den Laufsteg betreten durfte. Die fünfwöchige Produktion der Kreationen, von der Entstehung der Designs im Kopf von Raphael Blechschmidt, dem Zeichnen der Entwürfe, dem Anfertigen der Schnittmuster und dem effektiven Nähen sind nicht miteingerechnet.

Bis ins kleinste Detail

Als wir im Gebäude von Möbel Rösch im Gundeli eintreffen, huschen die letzten Mannequins gerade vor uns in das Haus. Dass es jedoch sie sind, die später die Haute Couture von Raphael Blechschmidt präsentieren werden, ist bei einem ersten kurzen Blick nicht zu sehen. Mit jeweils einem Koffer so gross wie ein Handgepäck, flachen Schuhen, privaten Kleidern und fast gänzlich ungeschminkt verschwinden sie, die den Weg zu kennen scheinen, ganz schnell wieder. In ihrem Umzieh-Raum angekommen, erkennen wir, dass diese vier Damen es sein werden, die in knapp sieben Stunden das Publikum begeistern werden.

Dass hier eine Modeschau stattfinden soll, ist bisher erst daran zu erkennen, dass ein Laufsteg mitten im Raum steht. Ganz hinten, dort, wo die Models den Laufsteg betreten, bevor sie ihn entlangschreiten, steht eine weisse Wand, dekoriert mit echten Gerbera in violett, gelb, weiss, rosa und orange, alle mit einem Reagenzgläschen voll Wasser versorgt, damit sie der Hitze des Scheinwerfer-Lichtes trotzen können.

Nach einer kleinen Begrüssung von Blechschmidt und Podolski, in der das Programm des Tages erklärt wird, beginnt bereits das Fitting. Alle vier Mannequins müssen alle ihre Outfits – drei von ihnen haben neun, Neuling Angela nur sieben Outfits – anprobieren, und die auf ihre Masse geschneiderten Designs anpassen lassen, damit auch wirklich alles sitzt. Als Monique beginnt, sich umzuziehen, wird auf der linken Seite ihres Rumpfes ein Tattoo sichtbar. Ein Schmetterling, eine Schwalbe und eine Blume in rot, grün, gelb und schwarz ziert ihren Körper. Doch davon wird später nichts mehr sichtbar sein, wenn ihr Körperschmuck unter den fliessend leichten Stoffen verschwinden wird.

Analog der Durchgänge und der Auftritte der Mannequins im jeweiligen Durchgang werden die Outfits anprobiert. So beginnt Monique mit einer etwas längeren Jacke, einer schicken Hose und einer Seidenbluse. Dazu kombiniert werden Foulards, der Schmuck – Ohrringe, von denen jedes Mannequin nur ein Paar hat, Halsketten, Fingerringe und Armreife – und die Schuhe. Letztere müssen die Models selber mitbringen. Sie bekamen vor der Show ein Bild von all ihren Outfits und müssen dann dazu passendes Schuhwerk auftreiben. Für jedes Design ziehen sie zwei verschiedene Paar Schuhe an, einen links, einen anders aussehenden rechts, damit Blechschmidt zusammen mit Podolski entscheiden kann, welcher besser passt.

Ist ein Outfit von Kopf bis Fuss von Blechschmidt abgesegnet, wird es ausgezogen und der zuständigen Schneiderin übergeben – entweder, um die Änderungen später vornehmen zu können, oder um es fein säuberlich zurück an den Kleiderbügel hängen zu können. Dieses Prozedere wiederholt sich alle vier bis fünf Minuten. Die Outfits wechseln, von dicken Karo-Mänteln, pudrigem Kaschmirstoff, über Kreationen mit Stoffen aus den Häusern Dolce&Gabbana oder Emporio Armani bis hin zu Pailletten besetztem Organza-Stoff und Samtbändern in zwölf verschiedenen Farben.

Warten bis zur letzten Minute

Nachdem das Fitting beendet ist folgt die Laufstegprobe – in den Privatkleidern der Models. Genau so wie sie ihre Schuhe nicht selber anziehen durften, um Falten in den Designer-Kleidern zu verhindern, dürfen sie sie nun nicht tragen, um sie nicht zu verschwitzen. Zwei Stunden dauert die Probe. Während beispielsweise die Durchgänge vier und neun auf Anhieb klappen, braucht Durchgang elf mehrere Anläufe. Immer wieder unterbricht Blechschmidt, läuft selber mit, korrigiert. Dass die auf drei A4-Blättern bis ins kleinste Detail aufgeschriebene Choreografie so umgesetzt werden wird, daran darf noch gezweifelt werden.

Doch die Zeit ist knapp. Die Mannequins müssen zu ihrem nächsten Termin, wo ihnen die Haare gestylt und das Make-Up aufgetragen wird. Es ist der wohl entspannendste Teil des ganzen Tages. Doch nach Hektik sieht es auch 45 Minuten vor der Show nicht aus. Die Stimmung im Umzieh-Raum ist gelöst. Nur Angela ist etwas nervös, muss sich von Nikolina Tipps geben lassen. Während die ersten Gäste eintreffen, sitzen die Models noch immer in ihren privaten Kleidern in einem Kreis, studieren ihre Schritte. 15 Minuten vor Showbeginn werden Beine eingecremt, Strümpfe angezogen und die Schminke aufgefrischt.

Highheels statt flache Schuhe

Draussen füllt sich der Saal, Blechschmidt spricht mit seinen Gästen, lacht, schüttelt Hände. Drei Minuten vor dem offiziellen Beginn der Show hat erst ein Mannequin ihr Outfit komplett an, andere tragen noch eine Mischung aus privater und Designer-Kleidung. Für kurze Zeit kommt Hektik auf, Schuhe fliegen durch den Raum, Hüte und Haare werden zurechtgezupft. Und dann ist es soweit. Die Models stehen bereit, alle in einer Reihe. Leise geht die Musik los, Adam Lamberts «There I said it» ist zu hören, und als der Amerikaner die Zeilen «Why should we be living in a shadow» singt, gehen die Scheinwerfer an, Nikolina betritt den Laufsteg – ihre flachen Schuhe sind Highheels gewichen.