Ein Botschafterbesuch als Provokation?

Basler Stadtgeschichte(n), Teil 22: Der päpstliche Nuntius besuchte 1923 und 1954 Basel.

Benedikt Pfister*
Merken
Drucken
Teilen

Eduard His befürchtete das Schlimmste. Der Basler Protestant und Rechtsprofessor an der Universität Zürich sah den konfessionellen Frieden gefährdet. Denn der Nuntius, der päpstliche Botschafter in der Schweiz, hatte am 16. September 1923 Basel besucht. Die Figur des Nuntius war für viele Protestanten ein Feindbild. Auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes – dem Konflikt zwischen katholisch-konservativen und fortschrittlich-liberalen Kräften – hatte der Bundesrat den Nuntius 1874 gar des Landes verwiesen. Erst als sich mit der Einbindung der Katholiken in den nationalen Block während des Ersten Weltkriegs die konfessionelle Situation langsam zu entspannen begann, ermöglichte der Bundesrat 1920 seine Rückkehr. Sehr zum Ärger von His und vielen anderen Protestanten.

Dass Nuntius Luigi Maglione 1923 sogar auf eine kleine Schweizerreise ging und in einigen auch protestantischen Kantonen die Katholiken besuchte, brachte das Fass zum Überlaufen. In seiner Kampfschrift «Die Nuntiatur in der Schweiz» von 1925 warf His den Katholiken Rom-Hörigkeit vor und sah in der Zulassung der Nuntiatur eine «empfindliche Störung des konfessionellen Friedens».

Diesen Vorwurf wollte Hans Abt nicht auf den Katholiken sitzen lassen. Der Basler Katholik und Präsident des Appellationsgerichts widersprach His in seiner Schrift «Die Schweiz und die Nuntiatur – Eine Richtigstellung» 1925. His habe die Gefühle der Katholiken verletzt. Anstatt das gemeinsame Christliche zu betonen, strahle der Text die Atmosphäre totaler Ablehnung aus. Die Katholiken würden keine geheimen Instruktionen aus Rom erhalten. Vielmehr sei der konfessionelle Friede eine Notwendigkeit der Zeit.

Treffen im unrestaurierten Nebenzimmer

Die Basler Regierung war sich der delikaten Situation bewusst. Das Treffen von CVP-Regierungsrat Rudolf Niederhauser und LDP-Regierungsrat Adolf Im Hof mit dem Nuntius im Rathaus war zwar «überaus herzlich», schrieben die «Basler Nachrichten» am 17. September 1923. Der Empfang fand aber in einem nicht restaurierten Nebenzimmer statt und hatte keinen offiziellen Charakter. Zuviel Aufmerksamkeit sollte der Nuntius nicht erhalten, weniger aus Abneigung gegenüber seiner Person und Funktion, vielmehr um genau solche Polemiken zu verhindern, wie sie His dann doch vom Zaun brach. Nicht nur strenge Protestanten fühlten sich gestört, auch die Kommunisten nahmen Anstoss am Besuch. «Rom ist einer der gefährlichsten Feinde für die Befreiung der Ausgebeuteten», schrieb der «Vorwärts» am 17.September 1923. Die katholische Gemeinde hingegen empfing den Nuntius begeistert, die Kirchen waren bei seinen Auftritten zum Bersten voll.

30 Jahre später stand ein weiterer Nuntius-Besuch an. Inzwischen hatte sich die konfessionelle Situation in der Stadt Basel weiter entspannt. Die katholische Gemeinde zählte 63000 Personen. Seit Magliones Besuch waren fünf katholische Kirchen gebaut worden. Die Katholiken hatten damit ihre Präsenz in der Stadt sichtbar vergrössert. Gustavo Testa, der neue Nuntius, stattete 1954 Basel und der katholischen Gemeinde einen Antrittsbesuch ab. Die Basler Regierung empfing ihn am 19.März wie einen Staatsgast in corpore und lud ihn zum Mittagessen im Restaurant Schützenhaus ein. Der Nuntius bedankte sich bei der Regierung für den Schutz und die Pflege der katholischen Institutionen.

Katholiken lösten sich von Diaspora-Denken

Die Geste der Regierung verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Römisch-Katholische Gemeinde schrieb im Jahresbericht 1954 zum Besuch des Nuntius: «Es war ein Ehrentag für die Gemeinde! Wir danken der hohen Regierung für den ehrenvollen Empfang des Vertreters unseres Heiligen Vaters und für die damit auch uns Basler Katholiken erwiesene Achtung.» Mit ihrer geschickten Diplomatie, die sich gegenüber 1923 verändert hatte, trug die Regierung dazu bei, dass sich die Katholiken immer stärker vom Diaspora-Denken lösten und sich in die städtische Gesellschaft integrierten.

*Benedikt Pfister ist Historiker, Geschäftsführer der Fussballkulturbar Didi Offensiv und Autor mehrerer Publikationen zur Geschichte Basels.