Frau Speiser, heute kommt das Buch «Das Crescenda-Modell. Migrantinnen als Unternehmerinnen» heraus. Wie ist das Gefühl, das erste eigene Buch in den Händen zu halten?

Béatrice Speiser: Es ist ein wunderschönes Gefühl.

Wann kam die Idee auf, ein Buch über Crescenda zu veröffentlichen?

Die Idee, die Frauen zu porträtieren und das Thema vertieft anzugehen, war immer wieder da. Weil der Wunsch uns von vielen Seiten immer wieder zugetragen wurde, haben wir beschlossen, zum 10-Jahr-Jubiläum ein fundiertes Fachbuch heraus zu geben.

Was erhoffen Sie sich davon?

Natürlich hoffe ich, dass es wohlwollend aufgenommen wird. Vor allem hoffe ich, dass es eine breite Diskussion über das Thema «female migrant entrepreneurship» auslöst.

An wen wendet sich denn das Buch?

Es soll sowohl für Fachpersonen als auch für die breite Öffentlichkeit einen neuen Zugang zur Thematik bieten.

Entstanden ist die Publikation in Zusammenarbeit mit Journalistin Annika Bangerter.

Es war eine tolle und inspirierende Zusammenarbeit. Ich war froh um ihre souveräne Projektleitung, sorgfältigen Recherchen, Textbeiträge und insbesondere ihre feinfühligen Porträts der Absolventinnen.

Im Buch wir die ganze Idee hinter Crescenda und der Aufbau der Kurse erklärt. Haben Sie keine Angst, dass dadurch die Nachfrage an Ihre Dienstleistungen abnimmt?

Es geht darum, auf das Thema aufmerksam zu machen. An Arbeit fehlt es uns ja nie und wir möchten als Leuchtturm und als Inspiration für andere Regionen in der Schweiz dienen können. Seit geraumer Zeit werden wir von Anfragen nach Wissenstransfers geradezu überhäuft.

Bei Crescenda unterstützen Sie ausschliesslich Migrantinnen. Wieso nur Migrantinnen und nur Frauen?

Das hat zum Teil biografische Hintergründe. Ich bin selber im Ausland aufgewachsen, bin also Ausland-Schweizerin. Ausserdem ist die Situation für Frauen noch heute eine andere als für Männer. Sie haben einen anderen Umgang mit Geld und haben eine grössere Betreuungspflicht in der Familie. Wenn dann noch eine fremde Kultur und eine fremde Sprache dazukommen, ist es sehr schwer.

Die Frauen kommen aus zirka 50 Nationen. Wie werden die kulturellen Grenzen überwunden, zeitgleich aber die Eigenheiten aus ihren Heimatländern bewahrt?

Wichtig ist, dass sich die Frauen der kulturellen Unterschiede bewusst werden. Der Aufbau eines eigenen Kleinunternehmens ermöglicht die Entfaltung der Fähigkeiten und individuellen Ressourcen, die die Frauen mit in die Schweiz bringen.

Sie bemängeln, dass im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern in der Schweiz eine umfassende Diskussion über die Chancen und Möglichkeiten des «female migrant entrepreneurship» fehlt. Die Schweiz hat verglichen mit anderen Ländern aber eine grosse Migrationsdichte. Wie erklären Sie sich das?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich weiss es schlicht nicht. Vielleicht hat die Migration in der Schweiz noch nicht die Bedeutung, die ihr zukommen sollte. Migration ist oft negativ behaftet, dabei ist sie so bereichernd. Fremdsein ist ein Kapital. Die Erfolge von Migrantinnen, die heute als erstaunlich gelten, sollen irgendwann selbstverständlich werden.

Was hat sich in diesem Bereich in den letzten zehn Jahren getan?

Eigentlich wenig.

Hört man da Ernüchterung heraus?

Nein, denn bei uns ist innert kurzer Zeit viel passiert und gewachsen, und Crescenda heisst ja auch wachsen. Bei der Gründung hätte ich nie gedacht, dass wir eine Villa unentgeltlich nützen können, dass ein Buch veröffentlicht wird und Bundesrätin Simonetta Sommaruga zu uns kommt.