Das Mittelalter war ein finsteres, schmutziges und rückständiges Zeitalter. Ein solches Bild hält sich zumindest hartnäckig als Folge der humanistischen Abgrenzungsbemühungen in den Köpfen vieler Menschen. Dass der christliche Glaube heute nicht mehr in der gleichen Form in den Alltag eingebunden ist wie damals, trägt zusätzlich dazu bei, dass ein Grossteil der zeitgenössischen Betrachterschaft kaum an mittelalterlicher Kunst interessiert ist. Ein Bewusstsein für die Grundlagen des Christentums ist nämlich für das Verständnis der mediävistischen Werke unerlässlich.

Diesem Missstand versucht Sabrina Schmid in ihrer Führung im Rahmen der Ausstellung mittelalterlicher Kunstobjekte im Chor der Barfüsserkirche entgegenzuwirken. Unter der Führung von Museumsdirektor Mark Fehlmann wurde der Chor im März 2018 neu eingerichtet. Innerhalb weniger Monate wurden zahlreiche bisher unbeachtete und im Depot eingelagerte Skulpturen restauriert und für die Ausstellung vorbereitet. Alle Objekte stammen aus dem Raum des Oberrheins in einem Zeitraum zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert.

Das Ziel von Ausstellung und Führung ist es, dem heutigen Publikum die Kunst der vergangenen Epoche wieder zugänglich zu machen. Die Besucher werden dazu in die mittelalterliche Weltauffassung, die früheren Glaubenspraktiken und den einstigen Stellenwert und Zweck von Kunst eingeführt. Schmid betont dabei aber, dass das Projekt «auf keinen Fall als Missionsarbeit zu verstehen sei», sondern vielmehr als Erinnerung dafür diene, dass die Kunst des verflossenen Zeitalters «einen massgeblichen Teil unserer Kultur ausmache».

Keine Vitrinen

Die Mitwirkenden wollen wichtige Informationen und Erklärungen in zeitgemässer Form auf leicht verständliche Art und Weise anhand der ausgestellten Objekte an den Mann und an die Frau bringen. Aber nicht nur inhaltlich, sondern auch wortwörtlich im Aufbau der Ausstellung wird viel Wert darauf gelegt, dem Publikum die Kunstwerke näherzubringen: ohne Vitrinen, aus nächster Nähe betrachtbar.

Ausserdem können die Skulpturen durch auswechselbare Sockel ausgetauscht werden. Die Ausstellung kommt so von Zeit zu Zeit in einem neuen Gewand daher. Für Interaktion sorgt ein eigens für die Ausstellung entwickelter «Heiligenfächer«, eine Art Guide mit Informationen zum Kirchenjahr, zu den Objekten des Chors und zu Skulpturen des öffentlichen Raums Basel.

Die Skulpturen selbst unterscheiden sich in ihrer äusseren Erscheinung praktisch nicht – vermutlich einer der Gründe dafür, dass die Kunstobjekte der damaligen Zeit im Auge des heutigen Betrachters oft als primitiv empfunden und deren Schaffer als Nichtskönner abgetan werden. Dabei kommt es hier auf den Kontext an und ein Vergleich mit moderner abstrakter Kunst ist laut Schmid durchaus sinnvoll.

Am Können mangelte es den damaligen Künstlern laut Schmid nämlich nicht, sondern vielmehr unterschieden sich die Ansprüche an die einstigen künstlerischen Artefakte von den heutigen. Kunst im mittelalter war immer zweckgebunden und in einen liturgischen Rahmen eingebettet.

Es ging also nicht darum, eine Heiligenskulptur an ihrem Gesicht zu erkennen, sondern an ihren Attributen, wie beispielsweise dem Kelch der heiligen Barbara, der sinnbildlich für den plötzlichen Tod ihres Vaters steht. Wollten Menschen im Mittelalter also nicht ohne Erhalt des letzten Sakraments einen plötzlichen Tod erleiden, beteten sie zur Heiligen Barbara, die sie in Kirchendarstellungen anhand ihres Attributs identifizieren konnten. In Anbetracht dieser enorm hohen Relevanz von künstlerischen Werken im Alltag des Mittelalters und nach dem Absolvieren des Crashkurses erscheint die damalige Kunst dem ein oder anderen Besucher womöglich etwas weniger fremd, als anfänglich gedacht.

 

Öffentliche Führung in der Barfüsserkirche Basel; Sonntag, 6. Januar, 11 Uhr.