Interview

Ein Dok-Film stellt kreative, gewaltlose Formen des Widerstands vor

Femen-Aktivistin Inna Shevchenko und die Regie führenden Brüder Arman (links) und Arash Riahi

Femen-Aktivistin Inna Shevchenko und die Regie führenden Brüder Arman (links) und Arash Riahi

Im Film «Everyday Rebellion» werden zivile Protestbewegungen verglichen. Aber ist es nicht weniger gefährlich in New York zu protestieren als im Irak oder in Syrien?

Sie vergleichen in «Everyday Rebellion» zivile Protestbewegungen weltweit. Aber ist es nicht sehr anders und viel weniger gefährlich, in New York zu protestieren als etwa im Iran oder in Syrien?

Arash Riahi: Sicher gibt es Unterschiede. Aber sollen wir die Anstrengungen etwa in New York nicht auch würdigen? Wir wollten unterschiedliche Bewegungen zeigen und wir wollten diese auf keinen Fall bewerten. Jeder hat das Recht in seinem Umfeld aufzustehen und etwas zu machen.

Arman Riahi: Occupy zum Beispiel protestiert gegen Dinge, die die ganze Welt betreffen, etwa das kapitalistische Finanzsystem. Viele dieser Bewegungen inspirieren sich zudem gegenseitig. Wir vergleichen im Film ja nicht politische Hintergründe, sondern Taktiken.

Sie konzentrieren sich vor allem auf die Methoden des gewaltlosen Widerstands. Ist es nicht mehr nötig, die Gründe für die Proteste genauer zu erklären?

Arman: Für wen ist das noch notwendig, wenn man sowieso jeden Tag in den Nachrichten liest, was in Syrien passiert oder was im Iran passiert? Das sind ja keine Geheimnisse. Wir wollten die Praktiken des gewaltlosen Widerstands aufzeigen. Über diese wird, im Gegensatz zu den politischen Hintergründen, viel zu wenig berichtet.

Arash: Wir haben syrische Freunde getroffen, die selbst erstaunt darüber waren, was sie in unserem Film gesehen haben. Die waren so gebrainwashed von den Massenmedien, die suggerieren, dass es nur diese Gewalt gibt. Es war wichtig zu zeigen, dass es Leute gibt, die gewaltlosen Widerstand bieten. Ihre Aktionen sind wichtig, die nehmen die Angst und machen das System lächerlich; ein System, das lächerlich gemacht worden ist, kann man nicht mehr so ernst nehmen. Es sind kleine Schritte. Die Frage, warum wir nicht mehr Hintergründe zeigen, ist, wie wenn jemand einen Liebesfilm macht und gefragt wird: Warum machst du keinen Kriegsfilm?

Es geht im Film ausdrücklich um gewaltfreie Bewegungen. In einer Szene fällen Sie, Inna Shevchenko, als Femen-Aktivistin ein Holzkreuz mit einer Motorsäge. Ist das nicht ein Akt von Gewalt? Wird hier nicht eine Grenze überschritten?

Inna Shevchenko: Ich finde es falsch, symbolische Gewalt mit physischer Gewalt gleichzusetzen. Auch laute Worte und Schreie sind noch keine Gewalt. Aktivisten müssen manchmal aggressiv sein. Wir tun das nicht zum Spass, sondern weil wir wütend sind– das müssen wir zeigen. Wenn hier jemand Gewalt einstecken muss, dann wir Aktivisten; wir sind es, die verprügelt werden, die Zähne verlieren, die bluten.

Warum haben Sie sich als Filmemacher dafür entschieden, diese Szene zu zeigen?

Arash: Gerade um über diese Fragen danach, wo Gewaltlosigkeit an Grenzen stösst, nachzudenken.

Arman: Gewalt wird immer noch zum grössten Teil im Namen einer Religion ausgeübt. Femens Aktion richtet sich gegen das Zusammengehen von Religion und Politik.

Shevchenko: Wenn wir ein Kreuz zerstören, gilt das als gewalttätig. Wenn wir einen Baum fällen würden, hätten wir keine solch starken Reaktionen. Religion ist eines der letzten Tabus, über das wir nicht offen reden können. Im Moment ist nicht die richtige Zeit dafür, sich hier korrekt und tolerant zu verhalten. Gewalttätige Gruppierungen wie die ISIS stützen sich auf den Islam, die katholische Kirche ist eine der stärksten Lobbies gegen Abtreibungen – bis heute greift sie in die körperliche Integrität von Frauen ein.

Im Film wird viel vom Erfolg gewaltloser Widerstandsbewegungen gesprochen. Aber um viele scheint es still geworden zu sein. Sei es, dass sie vom Staat brutal unterdrückt worden sind, sei es, dass sie wenig von sich hören lassen.

Arash: Einige dieser Bewegungen sind nicht mehr in den Massenmedien, weil sie nicht mehr auf der Strasse sind. Im Hintergrund agieren sie weiter. Nur nimmt sich kaum jemand die Mühe zu schauen, was da läuft, etwa wie viel Menschen «Occupy» von Schulden befreit hat.

Arman: Neue Protestbewegungen sind seither dazugekommen: In der Ukraine, in Brasilien, in der Türkei, in Rumänien, in Bosnien. Es ist ganz viel los. Venezuela wird als nächstes kommen.

Wenn ein Schweizer Zuschauer oder eine Zuschauerin Lust bekommt, sich einer Protestbewegung anzuschliessen. Was kann diese Person tun?

Am besten sollten sie sich um etwas Lokales, das in ihr Leben eingreift, kümmern. Es geht uns hier so gut, dass wir das Gefühl haben, es gäbe wenig, um dagegen zu protestieren. Wenn es so weiter geht, dann wird sich das ändern.

Arman: Man kann gegen so viel protestieren: Jeder muss das für sich entscheiden.

Hat der Film in Kombination mit der Webseite bereits Neues bewirkt?

Arash: An der Premiere am Filmfestival in Kopenhagen haben  wir den Publikumspreis bekommen und die höchste Bewertung in der Geschichte des Festivals. Das hat uns gezeigt, dass der Film einen Nerv trifft und die Menschen ihn annehmen. Seither waren wir an etlichen Festivals und haben einige weitere Preise erhalten. Die Internetplattform wird aktiv von Aktivisten benützt, syrische Aktivisten haben 23 Videos auf Arabisch untertitelt und verwenden diese jetzt im Untergrund. Wir haben Anleitungen dafür aufgenommen, wie man ein Haus besetzt, was man gegen Tränengas tun kann, und so weiter. Wir haben auch Videos auf dem Maidan-Platz gedreht. Wir lassen die ungarische Lesben-Schwulen-Bewegung ein Projekt vorstellen. Viele Menschen gehen motiviert aus dem Kino, mit der Lust, auch etwas bewegen. Wenn wir das bei einigen Menschen schaffen, dann haben wir das Ziel erreicht. Wir wollten nicht, wie viele Dokumentarfilmer, das Elend der Welt zeigen, sondern dass es verdammt viele Menschen gibt, die gegen Unrecht kämpfen.

Ihre Eltern haben sich offenbar einst selbst im Iran engagiert und gegen das Regime protestiert. Deshalb mussten sie schliesslich auch aus Ihrer Heimat flüchten. War das ein wichtiger Antrieb, um diesen Film zu machen?

Arman: Das ist auf jeden Fall einer der Gründe. Wir sind mit einem geschärften politischen Bewusstsein aufgewachsen, und wir sind pazifistisch erzogen worden. Als 2009 die Grüne Bewegung im Iran niedergeschlagen worden ist und viele junge Menschen, die halb so alt sind wie wir, umgebracht wurden, weil sie für ihre Rechte eingetreten sind, war das für uns so der Initialmoment für diesen Film. Wir hatten ein Ohnmachtsgefühl. Aber wir wollten nicht nur ohnmächtig sein, wir wollten etwas tun.

Inna Shevchenko, auch Sie mussten Ihre Heimat, die Ukraine, verlassen. Nun möchte ich die Gelegenheit, Ihnen zu begegnen nutzen und fragen: Was geht in der Ukraine aus Ihrer Sicht vor?

Wenn ich ukrainische Zeitungen lese, und wenn ich internationale Medien lese, dann habe ich den Eindruck, ich würde über zwei verschiedene Konflikte lesen. Ausserhalb der Ukraine nennen die die Menschen das, was dort geschieht, alle Mögliche, aber nicht Krieg. Von einer politischen Krise oder Missverständnissen ist da die Rede. Aber in Wahrheit herrscht dort Krieg. Das macht die Situation noch komplizierter. Wir von Femen gehören zu den ersten Aktivisten, die gemerkt haben, dass es um die Situation in der Ukraine  schlecht bestellt ist. Es gab viele erste Alarmzeichen. Wir mussten fliehen, um nicht als politische Gefangene ins Gefängnis gesteckt zu worden.

Was denken Sie, ist Russlands Absicht?

Putin benutzt die Ukraine als einfaches Werkzeug, um indirekt gegen Europa und die USA Krieg zu führen. Er will mit seinem Namen ein grosses Kapitel in der Geschichte füllen. Aber Zivilisten sterben, nicht nur Armeeangehörige. Russische Militärs und die russische Artillerie marschieren in ukrainisches Hoheitsgebiet ein, besetzen es und schiessen um sich, auch wahllos auf Zivilisten. Es ist ein echter Krieg. So lange wir das Problem nicht erkennen und beim Namen nennen, so lange wird der Konflikt bestehen bleiben. Das Militär dringt allmählich Richtung Süden vor. Meine Eltern haben ihre wichtigsten Habseligkeiten gepackt und sind bereit, ihr Haus zu verlassen, sollte es nötig sein.

Was soll getan werden?

Es ist einfach, hier in einem Basler Café zu sitzen und zu sagen, was getan werden sollen. Natürlich wünschte ich mir, es gäbe stärkere und vor allem schnellere Reaktionen von der EU. Jetzt bietet Putin ein Friedensabkommen an, denn er will keine zusätzlichen Sanktionen. Aber er ist immer wieder der Gewinner in all diesen Situationen, der Schlauste. Das ist absurd. Er macht ein Friedensangebot während die russische Armee ukrainisches Territorium besetzt. Was passiert und was Russland sagt, das sind zwei komplett verschiedene Sachen. Und das tun sie in voller Absicht. Putin hat in so vielen Punkten  gegen internationales Recht verstossen: Er gehört vor den Internationalen Gerichtshof in  Den Haag. Aber die internationale Gemeinschaft hat Angst vor solchen klaren Massnahmen.

Gibt es noch aktive Protestgruppen in der Ukraine?

Ja, aber sie werden derart stark überwacht, dass sie nicht viel tun können im Moment. Auch in Russland gibt es Menschen, die sich in Protestbewegungen organisieren. Aber es kommt zum Beispiel vor geplanten Demonstrationen vor, dass alle Beteiligten noch vor der Haustüre von der Polizei abgefangen werden.

Wünschten Sie sich, dass mehr Menschen politisch aktiv würden?

Ja, natürlich. Manchmal fühle ich mich einsam. Die meisten Leute, etwa in der Ukraine, haben sich zu lange zu wenig um politische Belange gekümmert. Wenn die Menschen aufhören, genau hinzuschauen, dann haben Machthaber ein leichtes Spiel, ihre Macht zu missbrauchen. Meine Eltern sagen: Wir hätten nie gedacht, dass wir im Leben einmal in eine solche Situation geraten. Dann machte mein Vater eine Pause und fügte hinzu: Vielleicht konnte das alles deshalb passieren.

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