Seit dem 19. Jahrhundert ist die Chemie- und die spätere Pharmaindustrie die Basler Schlüsselindustrie. Sie hat die Stadt und ihre Identität geprägt und zu ihrem materiellen und kulturellen Reichtum beigetragen. Die breit recherchierte, reich ausgestattete zweibändige Publikation ‹Chemie und Pharma in Basel› zeigt das historische Potenzial und die Fülle an Themen und Fragen, die sich auftun, wenn man sich mit der Geschichte der chemischen und pharmazeutischen Industrie in Basel und seiner Region beschäftigt.

Ab 19. Jahrhundert

Die Publikation besteht aus zwei Bänden: einer Monografie und einer Beitragssammlung. Im ersten Band beschreibt Mario König den wirtschaftsgeschichtlichen Werdegang der Basler Chemieindustrie und zeigt ihre Transformation von den rauchenden Schloten des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Life-Sciences-Labors der heutigen Weltkonzerne auf. Die Geschichte wird teils sehr detailreich erläutert. So wird beispielsweise klar, dass die Industrie immer wieder in Krisen rutschte, wie etwa in den Zwanzigerjahren, als Roche beinahe bankrott ging und sich wieder aufrappelte. Und wie der Konzern vor und nach der Jahrtausendwende Riechstoffe, Vitamine und den Bereich der rezeptfreien Medikamente veräusserte und so zu einem hoch spezialisierten, auf Krebsmedikamente und Diagnostika fokussierten Konzern wurde.

Die Recherchen in den Archiven für den ersten Band setzen bei Quellen aus der Zeit um 1900 ein. Die Darstellung der Anfänge der chemischen Industrie im 19. Jahrhundert stützt sich auf die vorhandene Forschung; für die jüngsten Jahrzehnte standen Literatur sowie die umfangreichen Presse- und Firmendokumentationen des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs zur Verfügung. Die Industrie war am Projekt finanziell nicht beteiligt.

Ungewöhnlich sind die Illustrationen. Sie erinnern bewusst an die vernachlässigte Gruppe der ‹namenlosen› Arbeiter und Angestellten. Im ersten Band stehen sie für sich, als fotografisches Intermezzo zwischen den Hauptteilen des Textes, ausserhalb der Chronologie und ohne weitere Erläuterung. Die Auswahl entstammt der Zeit der klassischen Schwarz-Weiss-Fotografie von den 1890er- bis in die 1970er-Jahre, früher oftmals von unbekannt gebliebenen Fotografen aufgenommen.

Auch der zweite Band ist grossartig illustriert. Dort sind dann reihenweise Bilder von Fabrikanlagen, beispielsweise aus dem St. Johann- oder Klybeckquartier, sowie von historischen Dokumenten zu finden.

Basel: Ambivalentes Verhältnis

Im zweiten Band («Wechselwirkungen einer Beziehung - Aspekte und Materialien») beleuchtet Georg Kreis das mitunter ambivalente Verhältnis zwischen Stadt und Industrie. Weitere dreissig Autorinnen und Autoren behandeln die unterschiedlichsten Teilaspekte der Chemie- und Pharmageschichte, wie Wissenschaft und Forschung, Produkte, Marketing und Kommunikation, Architektur, Arbeiterorganisationen und patronale Wohlfahrt sowie Mäzenatentum.

Wie ein roter Faden zieht sich die Umweltproblematik durch diese beiden Bücher. In den Frühzeiten war die Farbenchemie eine Dauerbelastung für Mensch und Umwelt.

Später waren es die Katastrophen von Seveso (Icmesa/Roche, 1976) und Schweizerhalle (Sandoz, 1986), die die Konzerne erschütterten. Und auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Industrie.

Das Werk selbst hatte eine fünfjährige Entstehungsgeschichte und wurde im Verlauf der Recherchen immer umfangreicher. Die Arbeit hat sich gelohnt.