Basel

Ein Essay über die Heimat: Basel verschweizert (und das ist gut so)

Basler zu sein ist heute keine geografische, sondern eine temporale Erscheinung.

Basler zu sein ist heute keine geografische, sondern eine temporale Erscheinung.

Die Stadt verliert ihre bisherige Identität und nähert sich der Schweiz an. Es ist ein überfälliger Schritt aus der Provinzialität.

Morgen enden die Sommerferien und die Leute sind zurückgekehrt ins mediterrane Basel. Viele werden einen Teil ihres Urlaubs in der Schweiz verbracht haben. Tessin, Engadin, Wallis – Hauptsache Berge, Kühe und ein bisschen Dreck an den Wanderschuhen. Mit welchen Gefühlen kehren sie heim an den Rhein? Hier liegt das Zuhause, klar, aber ist es auch die Heimat?

Wir tun uns schwer mit diesem Begriff, ganz speziell in der Stadt Basel. Es mag einerseits daran liegen, dass die Heimaten hier so vielfältig sind wie die Nationalflaggen in den Schrebergärten. Es hängt aber auch damit zusammen, dass viele gar nicht richtig wissen, was sie unter einer Basler Identität verstehen sollen.

Am offenbarsten wurde dies vielleicht in der Fusionsabstimmung: Basel-Stadt war bereit, einen Schritt auf das Baselbiet zuzugehen, auf diese Schweiz im Kleinen. Dort indes war selbst in der oft als seelenlos beschriebenen Agglomeration die Identifikation mit dem Heimatkanton zu gross, als dass eine Vermischung mit den Städtern schon nur als prüfenswert erachtet wurde. Im Oberbaselbiet brannten die Höhenfeuer für die Eigenständigkeit, die Regierung sang mit Inbrunst «Vo Schönebuech bis Ammel». In der Stadt sorgte das für Irritation. Tatsächlich ist es von einer solchen politisch ausgeschlachteten Heimatverbundenheit nicht mehr weit zum platten Patriotismus. Genau vor solchen Momenten fürchten sich die Basler. Zu recht. Doch schon der deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky und Sozialist beschrieb eine Form der Zuneigung zur Heimat ohne jede Volkstümelei. Bedingung dazu ist die Abwesenheit alles Politischen.

Panta Rhein: ein neues, unverkrampftes Basel

Seit Beginn der westlichen Moderne gelten die kollektiven Erfahrungen als wesentlich für das Herausbilden einer regionalen Identität. Dies, und nicht Materielles oder Sprache, auch nicht der Glaube, sei das wesentliche Kriterium für das Konstituieren einer Gesellschaft, befand der französische Philosoph Ernest Renan 1882 an der Pariser Sorbonne. Für Basel wären verbindende Empfindungen also vielleicht der Stolz auf die (Hoch-)Kultur, das Fiebern für den FCB und die kreative Energie, welche die Fasnacht freisetzt. Generell die Auseinandersetzung mit dem Brauchtum prägt Basel. Oder zumindest einen Teil davon: Die mit Sicherheit grösste kollektive Erfahrung des vergangenen Jahrzehnts ist das Schwimmen im und das Verweilen am Rhein. Viele der Schwimmsackträger kennen dabei den Zusammenhang zwischen ihrem Vergnügen und der grössten – kollektiv erlebten – Katastrophe der Region nicht mehr: Erst die Aufarbeitung von «Schweizerhalle» reinigte den Rhein von der «Chemischen». Und liess die protestantische Stadt ihre Kleider abstreifen: panta rhein, alle sind im Fluss.

Diese Unverkrampftheit ist neu. Lange definierte sich Basel aus der Negation heraus: Nicht Zürich, nicht Deutschland oder Frankreich und schon gar nicht Baselland. Wie gerne wurde der Slogan bemüht: «Basel tickt anders.» Anders als wer oder was?

Manche diagnostizierten der Pharma-Stadt einen Minderwertigkeitskomplex, doch im Grunde reichte es Basel bis vor kurzem, nicht die anderen zu sein. Der Blick auf den Nabel in dieser Stadt ist gross: Keine andere Gemeinde im deutschsprachigen Raum veröffentlichte so viele Bücher über sich selber wie Basel. Diese Selbstreferenzialität war den Baslern durchaus bewusst. Anders als die Zürcher, die sich einbildeten, alle seien wie sie, begriff sich Basel als Unikum. Und schaffte dennoch gleichzeitig die Mischung aus Kleinstadt und internationalem Flair. Einerseits das Kulturangebot, vornehm zurückhaltend, andererseits die unbescheidenen Roche-Türme und die aufmerksamkeitsheischenden Messen legen Zeugnis darüber ab, transportieren den Namen Basel in die Welt. Über Gebühr eigentlich, nimmt man die Grösse der Stadt zum Massstab. In Deutschland wäre eine Stadt von dieser Dimension nahe an der nationalen Bedeutungslosigkeit. Irgendwo zwischen Hamm und Hagen: Diese bekannt für eine Fernuniversität, jene für einen ausrangierten Güterbahnhof. Das sind dann Orte, in denen ab 20 Uhr der Bürgersteig hochgeklappt wird.

Basel hingegen hatte entweder zu tun mit sich oder dann gleich der Welt, die Schweiz fand dazwischen keinen Platz. Lange galt: Basel ist der Gegenentwurf zur zweiten Stadt im Kanton, Riehen. Die eine denkt sich zu gross, die andere zu klein.

Dieses Bild gehört in die Vergangenheit. Nicht, weil Basel an Internationalität einbüssen würde – wer sich davon überzeugen will, muss nur einen Feierabend entlang des Rheinufers flanieren. Der Turmbau zu Basel hat ähnlich wie in der biblischen Analogie die Sprachenvielfalt gefördert. Das Problem ist auch nicht die Basler Saturiertheit, wie die «NZZ» unlängst in einem Anflug von oberflächlichem Kulturpessimismus insinuierte. Es ist vielmehr eine Neuausrichtung, welche sich in der Hosensack-Metropole gerade beobachten lässt.

Was einst Identität stiftete, bricht langsam weg

Das genuin «Baslerische» erodiert, und zwar nicht erst seit der FCB in der Meisterschaft den Bernern den Vortritt lassen muss. Im Gegenteil: Die Identifikation mit dem Klub ist mitunter die einzige, die trotz mangelhaften Leistungen auf und neben dem Feld noch funktioniert. Das zeigt nicht zuletzt die Empörung darüber, dass der Club in fremden Händen landen könnte – gemeint sind damit alle, die nicht aus der Region stammen.

Nehmen wir etwa die Tradition, die gemeinhin als identitätsstiftendes Merkmal hinhalten soll. Welche Gesellschaft soll diese noch abbilden? Die Zünfte und Ehrengesellschaften drohen, den Wandel zu verpassen und geraten durch Rassismus- und Sexismusvorwürfe in die Defensive, statt dass sie ihren – zweifelsfreien – Wert als Kulturgut geltend machen können. Der Fasnacht blüht das gleiche Schicksal. Vielleicht gibt es mehr Kurdischstämmige unter den Basler Nationalräten als unter einer Larve. Die politische Diversifizierung funktioniert, doch das Brauchtum tut sich schwer. Dass die Fasnacht sich nicht schon augenfällig marginalisiert hat, ist nicht den Baslern, sondern den im Baselbiet Wohnhaften zu verdanken, die inzwischen über die Hälfte der Aktiven stellen dürften. Dabei macht dies ein Brauch mit echter Tradition aus: Er kann sich im richtigen Tempo wandeln und entwickeln. Eine Konservierung hingegen ist zum Scheitern verurteilt.

Manche werden an dieser Stelle die Internationalisierung von Basel als Grund für den Gewebeschaden an der Tradition ins Feld führen: die Expats, die sich nicht in die hiesigen Gepflogenheiten integrieren lassen. Doch mal abgesehen davon, dass die Basler Traditionalisten nicht eben eine Willkommenskultur pflegen, liegt die Ursache viel mehr in einer starken Fluktuation innerhalb der Landesgrenzen.

Es fehlt tatsächlich allerorts an einer breiten Masse von jungen Menschen, die in ihren Vereinen Verantwortung übernehmen und ihre Sicht auf die Dinge einbringen wollen. Dies aber hängt mit der Lebensweise vieler Baslerinnen und Basler zusammen. Der Basler wächst in der Agglomeration auf, studiert in der Stadt und nennt sich urban. Später arbeitet er in Zürich und befindet sich für kosmopolit, um danach wieder nach Riehen oder in ein anderes Wohnquartier im Speckgürtel zu ziehen. «Basler» ist für viele keine geographische, sondern eine temporale Erscheinung. Die Zeit, sich längerfristig für diese Stadt zu engagieren, bleibt dabei nicht. Vereine passen schlecht zum mobilen Zeitgeist und ihre vielen Anlässe kaum in die volle Agenda. Zürcherwitze hört man auch deshalb nicht mehr, weil es viele Basler irgendwann in ihrem Berufsleben in das Zentrum der Schweizer Wirtschaft ziehen wird. Manche auch schon vorher: Auch die Basler Uni verabschiedet sich zunehmend vom Anspruch, in der ganzen Breite der Fächer national und international vorne mitzumischen.

Nicht einmal eine komplett eigenständige Tageszeitung hat diese Stadt noch vorzuweisen, die das Bild von der Basler Exklave in der Schweiz noch täglich tradieren könnte.

Die Bewegung des Dreilands ist erlahmt

Natürlich ist die aktuelle Entwicklung kein rein baslerisches Phänomen, auch wenn es vielleicht gerade in einer Mittelklasse-Stadt wie hier akzentuiert zutage tritt: Überhaupt rücken schweizweit die Regionen zu einer Nation zusammen. Die Traditionen aus der Bauernschweiz, noch kleiner: einer Bergbauernschweiz, finden zunehmend Interesse in den urbansten Regionen des Landes. Coronabedingt wird Basel erst nächstes Jahr zum Zentrum der Jodler, Fahnenschwinger und Alphornbläser. Eigentlich ironisch: Da feiert eine Stadt die Symbole der Geistigen Landesverteidigung, dabei hätte es für sie nie einen Platz im Réduit gegeben.

Das spielt heute freilich keine Rolle mehr. Die Basler Helvetia muss nicht mehr rheinabwärts nach Deutschland und Frankreich blicken, sie kehrt zurück in den Schoss der Landesmutter. Dort, auch das zeigt Corona, gibt es für Basel nicht mehr viel zu gewinnen. In den 90ern schien Europa in greifbarer Nähe, in den Nullerjahren zumindest erstreitbar. Doch inzwischen sind sämtliche Bestrebungen dieser Art erlahmt und in die Gegenrichtung, für die hier arbeitenden Grenzgänger, ist die Stadt erschlossen. Die einen arbeiten hier, die anderen kaufen dort ein: Es geht um wirtschaftliche Synergien statt gemeinsames Lebensgefühl. Längst passé ist die «Dreiland-Zeitung» als wöchentliche Beilage der «BaZ». Niemand redet von der trinationalen S-Bahn, alle von einem Herzstück. Die zahlreichen trinationalen Gremien können es nicht kaschieren: eine Einheit sind die Grenzregionen aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz nicht.

Gescheitert ist entsprechend auch die IBA, die Internationale Bauaustellung. In einem Masse, dass nicht mal mehr ihr Scheitern interessierte. Angetreten war sie mit dem Ziel, das Dreiland zusammenwachsen zu lassen. Sie wollten, versprachen die Verantwortlichen, «die gemeinsame Verantwortung für die Agglomeration in Projekten, Gebäuden, Infrastrukturen und Landschaftsräumen konkretisieren und Anstösse für eine grenzüberschreitende Kooperationskultur liefern», und sie erhielten dafür Beiträge in Millionenhöhe von Kantonen und Gemeinden. Bleiben werden in Basel lediglich einige Holztreppen am Rheinbord, wobei «bleiben» bereits dick aufgetragen ist: In drei Jahren sollen sie wieder verschwinden.

Corona wirkt – wie bei so vielem – als Beschleuniger für die Verschweizerung dieser Randregion. In der Krise blickten die Baslerinnen und Basler zum Bund, der bald das Ruder übernahm. Mit dem Bundesrat und seiner Politik gelangten die Baslerinnen und Basler nur selten in Berührung, am ehesten noch waren Vertreter der Landesregierung Grüssauguste für eine Messe-Eröffnung oder einen anderen Anlass aus dem Bereich Folklore. Plötzlich aber hatte jedes Wort Gewicht in den täglichen Auftritten im Fernsehen. Die Antwort der Welt auf die Pandemie fiel nationalistisch aus. Nicht die Lebensräume zählten, sondern die Staaten. Auch der Bundesrat bemühte sich um das Bild der Landesregierung und besuchte für seine verschiedenen Pressekonferenzen die Regionen. Es ist beeindruckend, wie schnell diese oft als zersplittert wahrgenommene Schweiz als Einheit funktioniert. So schnell, dass das Vertrauen in den inzwischen wieder installierten Föderalismus bis heute nicht das Mass erreicht, das diese Krise erfordert.

Basel braucht den Zuspruch aus Bern

Was sich jetzt aufdrängt, ist der Zugang zur Schweiz. Basel braucht den Zuspruch aus Bern aktuell für mindestens drei Verkehrswege: Schiene (S-Bahnnetz), Strasse (Rheintunnel), Wasser (Gateway Nord). Es ist kein Zufall, hat der Kanton gleich bei beiden führenden Optionen für eine Landesausstellung seine Finger im Spiel: Es ist die Suche nach einer neuen, einer schweizerischen Identität.

Eine der beiden Projektideen heisst Nexpo und will die Städte vereinen. Es ist fast schon der Gegenentwurf zur Landi anno 1939: eine Werkschau der Wirtschaftszentren, eine moderne Machtdemonstration auch. Zuletzt hörte man allerdings wenig von diesem Vorhaben. Vielleicht, weil es gar keine Zukunftsvision mehr ist, sondern längst Realität.

Der andere Entwurf will die gesamte Nordwestschweiz umschliessen. Eine Grösse, die höchstens im Namen der Fachhochschule existiert und die sich bislang weder als politischer noch gesellschaftlicher Raum irgendwie manifestiert. Mit dem Jura und Teilen des Aargaus verbindet Basel derzeit wohl weniger als mit dem Tessin. Die Wirtschaftsverbände treiben das Vorhaben an. Zentrales Thema ist die Digitalisierung – mit diesem ist es vorstellbar, dass Basel seine Zentrumsfunktion ausbauen kann.

Das Vorhaben kann jedoch nur gelingen, wenn eine Expo die gewohnt gekünstelte Meta-Ebene verlässt. Was es braucht, sind mehr verbindende Elemente als die Autobahn, Projekte mit Bestand. Diesen Fehler beging die Expo.02: Kein Pavillon blieb stehen. Einzig die verbesserte Infrastruktur rund um Biel blieb den Leuten aus der Region.
Letzten Endes ist gar nicht so wichtig, ob Basel als Zentrum der Nordwestschweiz oder als Mitglied im Verband der Schweizer Städte fungiert: Basels Zukunft liegt in der Schweiz. Es ist der Abschied von einem gesuchten Sonderstatus, vor allem aber: von der Provinzialität. Nichts wirkt schliesslich kleingeistiger, als an den eigenen zu hohen Ansprüchen zu scheitern.

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