Simone* zieht aus. Zum letzten Mal schliesst sie ihr Zimmer im Frauenhaus auf. Auf der Türe ist mit roter Farbe ein Löwe gemalt; der gefällt ihrem Sohn. «Wir wohnen im Zimmer mit dem stärksten Tier», sagte er den neuen Bewohnerinnen stets. Kraftvoll, stolz und stark – so erklärte Simone ihrem sechsjährigen Sohn das Wesen der Löwen. Als sie das aufgemalte Tier an der Tür zum ersten Mal betrachtete, fühlte sie sich ohnmächtig, verzweifelt und leer. Ihre Lippen waren aufgeplatzt, ihre Augen geschwollen.

Jede fünfte Frau in der Schweiz erlebt körperliche Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. So auch Simone. Zwei Monaten später ist der zierlichen Frau ihr Leid äusserlich nicht mehr anzusehen. Mit einer einladenden Geste winkt sie Eva (Name geändert), eine Sozialarbeiterin des Frauenhauses, in das temporäre Schlafzimmer von ihr und ihrem Sohn. Die Duvets der beiden Betten sind abgezogen, die zwei Kommoden leer. Es riecht nach Putzmittel. Eva zählt die Kleiderbügel, kontrolliert die Schubladen und gibt Simone das Depot zurück. Die Sozialarbeiterin arbeitet im so genannten Präsenzdienst. Im schmalen Büro beantwortet sie den Bewohnerinnen ihre Fragen zu Bewerbungen, erklärt, auf welchen Online-Plattformen Wohnungen ausgeschrieben sind oder leiht USB-Sticks aus. Da ihre Flucht häufig überstürzt ist, kommen die meisten Frauen nur mit wenigen Habseligkeiten ins Frauenhaus. Fehlt es an einer Grundausstattung, dann öffnet die diensthabende Sozialarbeiterin den Notfallschrank. Darin liegen in allen möglichen Grössen Pullovers, Schuhe oder Nachthemden.

Schulbesuch ist gefährlich

Simone kam mit ihrem Sohn und zwei Sporttaschen ins Frauenhaus, respektive zum Treffpunkt. Die Adresse des Frauenhauses ist geheim. Deshalb verabreden sich die Sozialarbeiterinnen mit den Frauen an einem Ort in der Stadt. Sobald Simone das Zimmer mit dem aufgemalten Löwen bezogen hatte, traf sie ihre Beraterin. «Tritt eine Frau bei uns ein, fahren wir unser ganzes System hoch. Wir müssen wissen, was der Frau passiert ist und was für Unterstützung sie benötigt», sagt die Leiterin des Frauenhauses, Rosmarie Hubschmid. Auf Wunsch von Simone informierte das Team ihren Arbeitgeber und die Schule ihres Sohns. Dort aufzutauchen, wäre zu gefährlich gewesen. Am Abend ihres Eintrittes piepste Simones Handy. In der SMS las sie – nach vielen Beschimpfungen – die erste Morddrohung. Ihr Ehemann begann, sie zu suchen.

Die Hälfte der Bewohnerinnen sind Mütter. Deshalb leben pro Jahr zwischen 60 und 70 Kinder und Jugendliche vorübergehend im Frauenhaus. Die meisten von ihnen können die Schule zeitweise nicht besuchen; besonders bedrohte, nicht schulpflichtige Kinder verlassen gar wochenlang das Frauenhaus nicht. Sie basteln, malen oder spielen im Kinderzimmer. Dort gibt es unzählige Legosteine, Bücher für alle Altersstufen, bunte Spielbälle und eine Rutschbahn. An vier Tagen pro Woche bietet das Frauenhaus einen Kinderhort an. Dann können ihre Mütter zum Arzt gehen, Anwälte treffen oder einen Gerichtstermin wahrnehmen. Wenn es die Frau wünscht, begleitet sie ihre Beraterin zu den Terminen.

Leben in der Wohngemeinschaft

Im Schnitt bleibt eine Frau zwischen 35 und 45 Tage im Frauenhaus Basel. «Einige bleiben nur einen Tag, andere mehrere Monaten», sagt Rosmarie Hubschmid. Nach spätestens drei Monaten werde es den meisten Frauen aber zu viel: «Wir bieten eine Übergangslösung. Da gibt es nicht viel Privatsphäre.»

Auf zwei Stockwerken verteilt, liegen die zehn schlichten Einzelzimmer. Pro Etage hat es ein gemeinsames Badezimmer. Neben dem Fernseh- und Computerraum gibt es eine geräumige Wohnküche. Jeden Tag kocht eine andere Frau für die ganze Gruppe; ein «Ämtliplan» regelt das Putzen und Aufräumen. «Das Zusammenleben auf engem Raum bedingt einiges an Toleranz. Jede muss Gewohnheiten ablegen und sich anpassen», sagt Eva, die Sozialarbeiterin. Das klappe grundsätzlich gut, ab und zu gäbe es Streit wegen verschiedenen Auffassungen bezüglich des Kochens und Putzens. Im Frauenhaus suchen Frauen aus unterschiedlichen Nationalitäten Schutz. 70 Prozent sind Migrantinnen. «Besitzansprüche gibt es in jeder Kultur. Einige ausländische Frauen sind – als Folge des Hochzeitstourismus – mit einem Schweizer verheiratet», sagt Rosmarie Hubschmid. In Basel muss die Polizei mindestens einmal pro Tag aufgrund von häuslicher Gewalt ausrücken, wie Massimo Bonato von der Kantonspolizei sagt.

Zwangsheirat oder Neustart?

Simone hat mit einigen Bewohnerinnen Freundschaften geknüpft. In den Gesprächen realisierte sie, dass sie mit ihrer Geschichte kein Einzelfall ist. Beim gemeinsamen Nachmittagskaffee an Simones letztem Tag gibt es Kuchen. Ihr Sohn sitzt auf dem Schoss von Latha*. Die 19-Jährige hat mit ihm in den vergangenen Wochen stundenlang Häuser aus Lego gebaut. Ein Wiedersehen kann sie ihm nicht versprechen. Kurz nach ihrem Lehrabschluss planten die Eltern Lathas Hochzeit mit einem Mann aus Sri Lanka, den sie weder kennt, noch kennenlernen will.

Das Team des Frauenhauses arbeitet eng mit der Polizei zusammen. So auch im Fall von Latha. An diesem Morgen rief ein Polizist an, der mit ihren Eltern sprach. Erfolglos. Sie halten an der arrangierten Ehe ihrer Tochter fest. Latha muss nun entscheiden, ob sie mit ihrem bisherigen Leben bricht und mit einer neuen Identität weit weg von ihrer Heimatstadt einen Neustart beginnt. Oder ob sie sich dem Willen der Eltern fügt. «Die Binsenwahrheit, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt, ist Mumpitz. Es gibt Situationen, worin alle Beteiligten als Verlierer enden», sagt Rosmarie Hubschmid. Simone fand für sich und ihren Sohn einen Ausweg aus der Gewaltspirale. Gemeinsam ziehen sie in eine neue Wohnung, vor Gericht bewirkte sie ein Kontaktverbot. Ihr Sohn hat mit Latha einen Karton-Löwen gebastelt. Dieser soll nun vor der Wohnungstür wachen.

*Simone und Latha gibt es nicht. Ihre Geschichten basieren aber auf realen Geschehnissen.