Ein harziger Start ins Studi-Leben

Wilde Partys? Fehlanzeige! Mit Kommilitonen lernen? Negativ! Mit der Banknachbarin quatschen? Unmöglich! Corona hat den Uni-Alltag umgekrempelt. Viele Studienanfänger haben noch nie einen Hörsaal von innen gesehen. Die «Schweiz am Wochenende» hat sich mit drei Erstsemestlern ausgetauscht. Sie sind – allen widrigen Umständen zum Trotz – erstaunlich optimistisch eingestellt.

Julian Förnbacher
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«Gibt auch solche, denen die Decke auf den Kopf fällt»: Wer im Coronajahr 2020 mit dem Studium begonnen hat, bekam von dessen süssen Seiten erst einmal kaum etwas mit. Elischa Link ist Vizepräsident der studentischen Körperschaft der Uni Basel, der Skuba.
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«Gibt auch solche, denen die Decke auf den Kopf fällt»: Wer im Coronajahr 2020 mit dem Studium begonnen hat, bekam von dessen süssen Seiten erst einmal kaum etwas mit. Elischa Link ist Vizepräsident der studentischen Körperschaft der Uni Basel, der Skuba.

«Gibt auch solche, denen die Decke auf den Kopf fällt»: Wer im Coronajahr 2020 mit dem Studium begonnen hat, bekam von dessen süssen Seiten erst einmal kaum etwas mit. Elischa Link ist Vizepräsident der studentischen Körperschaft der Uni Basel, der Skuba.

Bild: Kenneth Nars (8. Dezember 2020) Bild: Kenneth Nars

Der erste Uni-Tag ist für Studierende auch immer der Beginn eines neuen Kapitels in ihrem Leben. Statt der Schulbank wartet nun der Hörsaal, statt des Klassenlehrers die Professorin. Selbstbestimmung, Verantwortung und neues Wissen locken genauso wie die Bekanntschaft mit neuen Weggefährtinnen und Weggefährten.

Eine Prise Nervosität schwingt selbstredend auch mit, wenn die Erst- semestler der Uni Basel Mitte September jeweils das erste Mal über die Schwelle des Kollegiengebäudes am Petersplatz treten und sich auf ihre ersten Vorlesungen, aber auch auf ihre ersten Studentenpartys und Verbindungsabende freuen. Über 2000 neue Studierende hätten dieses Jahr diese Erfahrung machen sollen. Doch 2020 ist alles anders.

Auch für Lars Hänggi aus Brislach. Der 21-Jährige hat in diesem Herbst mit dem Psychologiestudium begonnen. Schon vor dem Semesterstart wusste er, dass die ersten Monate seines neuen Studentenlebens anders würden als er sich das vorgestellt hatte. «Ich kam bereits aus einem Zwischenjahr, das von Corona geprägt war. Von dem her war ich schon ein wenig vorbereitet», erzählt er. Zuerst wurde seine Rekrutenschule wegen der Pandemie verlängert, dann sein geplanter Sprachaufenthalt in den USA abgesagt. Entsprechend froh war er, dass sein Studium überhaupt beginnen konnte. In den ersten zwei Wochen lernte er in der eigens hierfür angemieteten Messehalle seinen Studiengang sowie die Universität kennen. «Diese Phase war enorm wichtig, um mir einen Überblick zu verschaffen, was da auf mich zukommt. Einmal die Gesichter meiner Dozierenden und meiner Mitstudenten zu sehen und zu wissen, dass ich mit der Herausforderung dieses Semesters nicht alleine bin, hat mir enorm geholfen», erzählt er.

Universität war auf den Worst-Case vorbereitet

Dass die Erstsemestler gerade in den ersten Wochen einen einigermassen geregelten und vor allem physisch vor Ort stattfindenden Unterricht erleben konnten, ist das Verdienst eifriger Planungsarbeiten der Universität. «Wir haben damit gerechnet, dass die Coronasituation sich wieder verschärfen könnte. Entsprechend haben wir das Semester mit verschiedenen Eskalationsstufen geplant», sagt Matthias Geering, Uni-Pressesprecher sowie Co-Leiter der universitären Corona-Taskforce.

Die erste jener Stufen sah vor, so viel Präsenzunterricht wie möglich stattfinden zu lassen. Durch die Abstandsregelungen wurde der Raumbedarf einer Veranstaltung dreimal höher, was bedeutete, dass zumindest ein Drittel der Vorlesungen und Seminare vor Ort durchgeführt werden konnte. «Diese Kapazitäten wurden in erster Priorität den Studienanfängern zur Verfügung gestellt, um ihnen ein Kennenlernen ihrer Mitstudierenden und der Universität zu ermöglichen», sagt Geering. Seitdem der Bundesrat Anfang November die Massnahmen wieder verschärft hatte, ist die Universität bei der letzten Eskalationsstufe angelangt: kompletter Homeoffice-Betrieb.

Kaum noch sozialer Austausch für Studienanfänger

«Dieser Moment war schwer zu verdauen. Wir hatten gerade einen Einweihungsprozess hinter uns – und dann mussten wir uns gleich wieder komplett umgewöhnen. Plötzlich waren alle Veranstaltungen digital und die neuen Leute, die wir erst gerade kennen gelernt hatten, haben wir auch nicht mehr gesehen», sagt Jonas Stein, Rechtsstudent im 1. Semester. Der Übergang ins Homeoffice habe selbstredend einen Einfluss auf das Sozialleben gehabt, wie er sagt: «Zum Glück konnte ich mir aber in den ersten Wochen ein kleines Umfeld aufbauen, mit dem ich nun in Kontakt bleibe. Das hilft.»

Trotzdem ist das Studentenleben in diesem Coronasemester nicht dasselbe. Studentenpartys am Donnerstagabend? Fehlanzeige! Mit einer Lerngruppe im Café für die Prüfungen lernen? Negativ! Ein Gespräch mit der Banknachbarin nach der Vorlesung? Unmöglich! Sozialer Austausch war in diesem Semester schwer – wenngleich die Universität versuchte, gegenzusteuern. «Wir haben die Dozierenden animiert, dass sie im digitalen Unterricht vermehrt Interaktion zwischen den Studierenden fördern und durch spielerische Lernformen die Zoom-Communities zu entanonymisieren», sagt Geering, schiebt jedoch nach: «Aber natürlich, die sozialen Interaktionen und das Campusgefühl, von dem eine Uni normalerweise lebt, kann man so nicht ersetzen.»

Dass gerade Erstsemestler Probleme haben dürften, in einem neuen Umfeld sozialen Anschluss zu finden, liegt auf der Hand. Hänggi und Stein hatten das Glück, bereits aus der Schule einige Mitstudierende zu kennen. «Grosse Sorgen machen wir uns vor allem um Studierende aus anderen Kantonen und dem Ausland, die noch keine Kontakte knüpfen konnten. Da gibt es sicher solche, die damit umgehen können – aber es gibt eben auch solche, die das nicht können und denen allmählich die Decke auf den Kopf fällt», sagt Geering.

Eine, die damit umgehen kann, ist Lena Bärlocher. Die Zürcherin hat in diesem Semester ihr Sportstudium an der Uni Basel begonnen. «Vor allem wegen der praktischen Ausrichtung», wie sie sagt. Für Bärlocher und ihre Sportlerkollegen kommt es gleich knüppeldick. Weil Basel-Stadt sämtliche Sportanlagen schliesst, können sie sich nicht auf ihre Prüfungen vorbereiten. Dass diese überhaupt stattfinden können, wurde erst diese Woche bekannt, nachdem sich die Uni mit den Kantonen nach langem Hin und Her auf eine Ausnahmeregelung einigen konnte.

Die Ungewissheit habe an den Nerven gezehrt, sagt Bärlocher. «Für mich als enorm soziale Person war es aber noch schlimmer, dass ich mich nicht mehr mit Mitstudis austauschen konnte. Diese ständige Ungewissheit, wann mal wieder so etwas wie Normalität einkehren wird, schlägt mir schon ab und an auf die Psyche.» Bärlocher bereitet sich nun mit einigen Zürcher Mitstudierenden in der Heimat auf die Prüfungen vor und lässt sich von der misslichen Lage nicht unterkriegen. «Aufgeben werde ich mein Studium sicher noch nicht. Ich blicke jetzt einfach nach vorne und hoffe auf bessere Zeiten.»

Auch bei Hänggi und Stein bleibt neben Frust über die Coronasituation vor allem Zuversicht für die Zukunft – und Verständnis. «Der Uni kann ich absolut nichts vorwerfen, sie hat diese schwierige Situation sehr gut gemeistert. Ich habe mich während dieser Monate nie überfordert oder ratlos gefühlt», sagt Stein. Gleichwohl begleite ihn eine Sorge in die Semesterferien: «Ich habe ein wenig Angst, etwas zu verpassen. Viele haben mir gesagt, die ersten Semester des Studiums seien die beste Zeit ihres Lebens gewesen. Das möchte ich künftig auch noch auskosten können. Andererseits können wir einfach froh sein, dürfen wir weiterstudieren, während andere nicht arbeiten können. Wir jammern auf hohem Niveau.»

Auch Hänggi kann dem besonderen Semester Positives abgewinnen. So spart sich der Laufentaler täglich fast zwei Stunden Pendelweg. «Ausserdem erlaubt mir das Homeschooling zu arbeiten, wann ich möchte. So habe ich für mich gemerkt, dass ich zum Beispiel abends viel produktiver bin», sagt er.

Bleibt zu hoffen, dass die Universität diesbezüglich langfristig von den erzwungenen Neuerungen der Coronakrise profitieren kann.

Uni erwartet Normalität frühestens im Herbst 2021

Ihren Optimismus haben die drei Studienanfänger trotz eines harzigen Starts noch nicht verloren. Hänggi sagt stellvertretend: «Irgendwie hat es ja auch was, sagen zu können, dass ich jetzt ein Semester studiert habe und trotzdem noch nie einen Uni-Hörsaal betreten konnte.»

Normalität kehrt so rasch nicht mehr ein. «Wir planen das nächste Semester nochmals identisch», sagt Geering. «Stand jetzt wollen wir im März mit einem Drittel Präsenzunterricht beginnen und dann – hoffentlich – den Betrieb langsam wieder hochfahren. Doch erst das Herbstsemester 2021 wird wohl wieder ein normales, wie wir es bisher kannten.»