Spielzeugwelten

Ein Himmelreich für eine Tasche

Das Spielzeugwelten-Museum in Basel zeigt die Geschichte der Handtasche. Leider im Format einer Puppenstube.

Eigentlich ist die Handtasche ein profaner Gebrauchsgegenstand. Da der Mensch, kaum verlässt er das Haus, irgendetwas mit sich nehmen muss, hat er dafür tragbare Beutel erfunden. Bereits Ötzi, der Mann, der vor 5250 Jahren auf einem Gletscher erfror, trug eine Gürteltasche. Darin hatte er Heilmittel, Zunder und Spuren von Pyrit, die damals übliche Anfeuerhilfe, verstaut.


Medikamente und Feuerzeug: Der Inhalt der tragbaren Tasche hat sich gar nicht so sehr verändert. Die Form jedoch schon. Der einfache Lederbeutel hat sich über die Jahrtausende zum kultigen Accessoire gewandelt. Er ist längst nicht mehr bloss Gebrauchsgegenstand. Die Handtasche ist zu einem tragbaren Zeichen geworden, an dem sich Charakter und Stil der Trägerin ablesen lassen. Was wiederum zu anstrengenden, da eng mit Identitätsfragen verknüpften Handtaschen-
Jagden im Urlaub führen kann.


Das geflügelte Wort «schau doch mal in meiner Handtasche nach» kommt für viele Männer der Aufforderung gleich, sich in einem unbekannten Paralleluniversum zurechtfinden zu müssen. Dabei war es vorerst gar nicht so klar, ob sich die trag-
bare Tasche bei Männern oder Frauen durchsetzen wird.


Von der Hüfttasche zum globalen Luxusartikel

Im Mittelalter und in der Renaissance trugen Frauen und Männer Hüfttaschen am Gürtel. Die Modelle unterschieden sich nur in den Verzierungen. Neben der Hüfttasche etablierten sich auch Täschchen, die unter der Kleidung getragen wurden. Das sind dann aber eher Vorläufer der Brief- als der Handtasche.

Als Ende des 18. Jahrhunderts die Damenmode enge Schnitte vorgab, wanderte der Beutel ans Handgelenk der Damen. Das Retikül war geboren, ein verziertes Täschchen mit Schlaufe, in dem Puder, Taschentuch oder Riechsalz Platz fanden.


Die robustere Tasche mit Henkel entwickelte sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Die europäische Upperclass entdeckte das Reisen mit der Eisenbahn. Da musste auch das nötige Gepäck her, und das Volumen der Damentasche wuchs entsprechend dem Inhalt an. Kam hinzu, dass die grossbürgerliche Frau begann, auch ohne Männerbegleitung auszugehen. Das verlieh der Entwicklung der Damen-Handtasche mächtigen Schub, während der bürgerliche, arbeitsame Mann Aktentasche oder Aktenkoffer zum ständigen Begleiter machte.


Im Jugendstil und Art Deco entwickelte sich die Handtasche zum Modeaccessoire der Stunde. Designerinnen und Designer befeuerten die Formenvielfalt. Zum Massenartikel wurde das gute Stück erst in der Nachkriegszeit. Während Kunststoffe die billige Produktion für Normalverdienende ermöglichten, grenzte sich die Hautevolee durch exquisite Materialien wie Leopardenfell oder Krokodilshaut von der Unterschicht ab.


Modemagazine und Film untermauerten den Kultstatus des weiblichen Tragbeutels. Die Luxusmodemarke Hermès brachte Hollywood-Glamour und Tasche erstmals zusammen. Als Grace Kelly 1956 den Fürsten von Monaco heiratete, trug sie am Unterarm das Ur-
modell der «Kelly Bag». Die eher biedere Tasche gilt auch in heutiger Ausführung als Kapital-
anlage. Die raren Stücke werden zu Preisen zwischen 30 000 und 300 000 Franken gehandelt.


Diese und andere Geschichten zur Handtasche sind derzeit im Spielzeugwelten-Museum in Basel zu erfahren.

Diese Stücke hätten mehr Raum verdient

400 Exemplare von rund vierzig Designern sind im dritten Stock des Museums am Barfüsserplatz in Vitrinen platziert. Die Ausstellung folgt nicht einer zeit-
lichen Dramaturgie von 1500 bis in die Gegenwart, sondern die Taschen sind nach Formähnlichkeit, teilweise nach Thema ausgestellt – und dies in Grossvitrinen auf engstem Raum.


Ähnlich wie bei den auf den übrigen Stockwerken ausgestellten Puppenstuben und Krippen wird möglichst viel auf engstem Raum gestapelt. Das ist der Sache nicht unbedingt dienlich. Auf diese Weise präsentiert, sind 400 Handtaschen schlicht erschlagend. Man fragt sich, wieso das so sein muss, verfügt das Museum doch über genügend Räume, die für Wechselausstellungen reserviert werden könnten.


Das Gedränge in den Vitrinen ist mehr als schade, denn was präsentiert wird, ist sehenswert. Die Taschen aus Museen, Privatsammlungen und Designateliers zeigen die ganze Bandbreite an Formen und Funktionen aus Vergangenheit und Gegenwart. Klassiker von Labels wie Hermès, Louis Vuitton, Prada oder Dolce  & Gabbana dürfen da nicht fehlen.


Es gibt jedoch auch die Abteilung Kunsttaschen. Dort finden sich herausragende Exemplare wie die Tasche aus Alabaster, diejenige aus Gold und Edelsteinen oder die Entwürfe der Architektin Zaha Hadid.

Neue Verfahren wie der 3-D-Druck, exotische Materialien wie Darm oder Schweinemagen – also eine Art Kutteltasche – oder Recycling-Modelle sind ebenso vertreten wie Taschen aus der Humor-Abteilung. Da gibt es jene eines israelischen Designers in Handgranatenform, die Tasche mit eingebautem Lavabo, die als Champagnerkühler getarnte oder die mit Passform für eine Pistole.

Taschen – Ikonen & Wertanlagen Bis 5. April. Spielzeugwelten-Museum, Basel.

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