Im ersten Moment fühlt man sich im Oberlichtsaal der Kunsthalle Basel in eine Möbeldesign-Schau versetzt. Aber nur einen kleinen Moment lang. Denn rasch wird klar, dass die massive rustikale Eichenkommode mit grossen Ochsenköpfen, die aus den Türflügeln ragen, und den Buckeln, die aus der Oberfläche herauswachsen, nicht Kunsthandwerk, sondern Kunst ist. Ebenso die mit bunten Blumenwebereien überzogenen Bänke, auf deren Arm- und Rückenlehnen Schnecken herumkriechen.

Aber am augenscheinlichsten zeigt sich dies am massiven Kasten: Wo bei einem klassischen antiken Exemplar vielleicht Blumenranken oder Götterfiguren die Front verzieren, wölben sich hier übergrosse freigelegte Verdauungsorgane aus den Türen. Die Möbelstücke sind Skulpturen, die vom französisch-britischen Künstlerduo Daniel Dewar & Grégory Gicquel in kunstfertiger Handarbeit hergestellt wurden.

Hintersinniger Humor

Die Künstler lassen in ihren «Mammalian Fantasies» die Grenzen zwischen Kunsthandwerk und Kunst bewusst verschwimmen. Die Möbelstücke sind nach wie vor nutzbar. Die Türen lassen sich leicht öffnen, die Schubladen herausziehen, auf die Bänke kann man sich setzen. Soll man auch, wie Kunsthalle-Direktorin Elena Filipovic an der Präsentation der Doppelausstellung sagte.

Verschwommen sind hier auch die Grenzen zwischen Hässlichkeit und Schönheit. Das schmückende Ornament wird ins Banale, ja bis ins Abstossende verkehrt. Das gilt auch für die hängenden Holzreliefs mit jeweils einem liegenden – schlafenden oder toten? – Mann auf den in einem Fall Kuheuter runterhängen, über dem in den weiteren Werken ein Schwein oder ein Fisch schwebt.

Das weckt in Basel sogleich Erinnerungen an Holbeins toten Christus, dessen Bildnis hier aber durch die geheimnisvollen Zutaten verfremdet wird. Dewar und Gicquel haben sich voll und ganz dem analogen Kunstschaffen verpflichtet. Die Technik beeindruckt, die Verfremdung des Ornamentalen irritiert, zeugt aber auch von einem hintersinnigen Humor der Macher, der sich auf die Betrachter überträgt.

Im unteren Geschoss wechselt man von der analogen in die digitale Kunstwelt. Der junge Hongkonger Künstler Wong Ping breitet sich hier unter dem Übertitel «Golden Shower» mit raumfüllenden Videoinstallationen aus. Auch hier verwischen die Grenzen zwischen Stil und Aussage: Ping erzählt mit kindlichen und auch bewusst dilettantisch wirkenden Animationen Geschichten unserer sexistischen und konsumgetriebenen Welt. Die Videos sind charmant naiv und sexuell pervers zugleich. Wer hier seine kleinen Kinder mitnimmt, hat viel zu erklären.

Den Auftakt macht die, wie der Künstler versichert, tatsächlich erlebte Geschichte des alten Nachbarn, der einen Sack voller VHS-Porno-Kassetten zur Mülltonne trug. Es sind Pornofilme, die man im Streaming-Zeitalter nicht mehr abspielen kann. Ping entwickelt daraus die Geschichte eines zahnlosen alten Witwers, der von der Begierde nach seiner Schwiegertochter getrieben ist und sich im digitalen Zeitalter nicht nur in Sachen Pornografie entfremdet fühlt. Umrahmt wird der grosse, frei im Raum stehende Videoscreen von mehreren tausend Plastikgebissen mit vergoldeten Zähnen und Glupschaugen, die die ganzen Wände ausfüllen.

So unterschiedlich die beiden Werkgruppen sind, haben sie doch konzeptionelle Gemeinsamkeiten: Hier sind zeitgenössische Künstler nicht an die Grenzen des sinnlich Erfassbaren gegangen. Die Besucher können in beiden Fällen ohne ausführliche Beizettel in Kunstwelten eintauchen, die sich auf sinnliche Art wohltuend vom schwer erfassbaren akademischen Duktus abheben. Beide Positionen spielen mit Alltagsrealitäten , die auf hintersinnige Art und mit schwarzem Humor Gewohnheiten hinterfragen oder pervertieren. Das regt zum Nachdenken an – ein ganz schönes Gütezeichen für Kunst.

«Golden Shower» und «Mammalian Fantasies» Wong Ping und Daniel Dewar & Grégory Gicquel. Bis 5. Mai, Kunsthalle Basel.