Unter dem Baum

Ein idyllischer Biergarten, der mitten in der Stadt liegt

Das hauseigene Bier mit der mächtigen Blutbuche im Hintergrund. So lässt es sich gut anstossen.

Das hauseigene Bier mit der mächtigen Blutbuche im Hintergrund. So lässt es sich gut anstossen.

Auf der Terrasse des Basler Restaurants Fischerstube blüht ein Baum, der sich nicht unterkriegen lässt. Unter diesem zähen Baum können sich die Gäste mit dem hauseigenen Ueli Bier verwöhnen lassen und gute Speisen geniessen.

Bekannt ist das Restaurant Fischerstube vor allem für das hauseigene Ueli Bier. Gebraut wird im Gebäude nebenan, und von der Gaststube aus kann man den Brauern bei ihrer Arbeit zusehen. Wer aber nicht in der Stube des Restaurants bleibt, sondern einmal quer durch den Betrieb geht und die Treppe in den Innenhof auf die Terrasse nimmt, tritt in ein kleines Reich der Idylle.

Rundherum stehen hohe Häuser und mitten drin ein mächtiger Baum, der in seiner Grösse alles Umstehende überragt. Es ist eine Blutbuche, 85 Jahre alt, über zwanzig Meter hoch und mit einem Durchmesser von geschätzten zwei Metern.

Abends, wenn sich die Beleuchtung einschaltet, erhellen mehrere Scheinwerfer den Baum von unten. Karim Frick, Wirt im Restaurant Fischerstube findet, dass er so noch grösser und eindrucksvoller aussieht. Die Äste der Blutbuche wachsen auf alle Seiten. Zum Restaurant Fischerstube hin erstreckt sich ein Netz aus Blättern und Zweigen wie ein schützendes Dach über die Terrasse. Die Ruhe des Baums überträgt sich auf seine Umgebung und gibt dem Innenhof eine Idylle, die in dieser Art an einem solchen Ort, mitten in der Stadt, eine Seltenheit ist. Denn wo wachsen noch solche Bäume inmitten von Häusern und zubetonierten Strassen?

Frick schätzt den Baum. Er sitzt mit dem Rücken zur Wand, sodass er ihn ansehen kann. Es ist heiss, und die Äste der Blutbuche reichen heute nicht aus, um auf der Terrasse – oder Biergarten, wie Frick es nennt – genügend Schatten zu spenden. Darum sitzt Frick an einem der Plätze unter den Sonnenschirmen und isst seinen Braumeistersalat – eine Spezialität des Hauses. Seit sechseinhalb Jahren wirtet er hier. Das Mittagessen nimmt er fast täglich im eigenen Lokal ein. Ein Lieblingsgericht hat er aber nicht.

Neue Besitzer, neues Lokal

«Bevor ich die Fischerstube mit meinem Bruder übernommen habe, war ich hier Stammgast», sagt er zwischen zwei Bissen. Seine Clique traf sich hier einmal in der Woche im Keller. Während er mit seinen Kollegen unten sass, sei oben die Stimmung anders gewesen, als sie heute ist. «Alle fünf Minuten hat einer einen Trinkspruch gebrüllt. Es war noch eine richtige Beiz.» Dass es hinten einen Garten gibt, habe er bis zur Übernahme des Restaurants gar nicht gewusst.

Darum wurde einiges anders, als er und sein Bruder die Fischerstube nach einer Renovation im Jahr 2008 wiedereröffneten. Zwar sollte das Bier von der hauseigenen Brauerei immer noch im Zentrum stehen, aber die Gäste sollten auch der Speise wegen in die Gaststätte kommen. Heute ist Frick alleiniger Pächter und wirtet mit einem kleinen Küchen- und Service-Team. Der Bier-Konsum sei pro Kopf zurückgegangen, und die Gäste kämen jetzt auch zum Essen.

Die Karte bietet etwas für jeden Geschmack. So gibt es beispielsweise Wurstsalat, pakistanischen Linsensalat mit Riesencrevetten, Rindsragout an Biersauce mit Spätzli oder Eierschwämmli-Risotto. Trinksprüche werden nur noch während der Fasnacht gerufen, und Touristen kehren genauso gerne hier ein wie Stammkunden.

Für Frick ist klar, dass die Terrasse im Innenhof mit seinem Baum seinen Teil zu dieser Wandlung beigetragen hat. Den unteren Teil, der näher am Baum und noch mehr unter seinen Ästen liegt, gibt es erst seit zwei Jahren. «Unsere Gäste geniessen diesen Ort, weil es ein lauschiges Plätzchen ist. Und viele sind überrascht, wenn sie die Terrasse sehen, weil sie nicht erwartet hätten, dass hier hinten ein solch grosser Baum steht. Auch, weil man ihn gar nicht sieht, wenn man vor dem Haus steht.»

Wachstum wurde nie gestört

Gepflegt wird die Blutbuche von der Stadtgärtnerei. Es sei in der Tat ein aussergewöhnlicher Baum, sagt Stadtgärtner Emanuel Trueb. «Im Margarethenpark gibt es zwar noch grössere Blutbuchen, aber dass ein Baum an dieser Stelle ein solches Volumen erreichen kann, ist schon bemerkenswert.» Das liege daran, dass er jahrzehntelang in Ruhe gelassen und in seinem Wachstum nicht gestört wurde. Trueb weiss, dass mehrmals Bauprojekte neben dem Baum geplant waren, diese aber jedes Mal abgelehnt wurden. «Um den Baum zu schützen», sagt er.

Frick ist froh, dass er seine Terrasse überhaupt erweitern durfte. Zuerst hiess es, der Ausbau würde das Wurzelwerk des Baumes beschädigen. Darum war bereits eine erhöhte Terrasse auf Holzpfählen geplant. Als die Bierbrauerei dann aber – unter den strengen Augen der Stadtgärtnerei – eine Bierleitung unter dem Baum durchgezogen hat, sah man, dass die Wurzeln nicht ganz so weit reichen, wie vermutet. Frick konnte seine Terrasse bauen. Zum Glück für ihn! Denn für Frick gibt es kaum etwas Schöneres, als an einem warmen Herbst- oder Frühlingsabend im Garten zu sitzen, dann, wenn die Blutbuche ihrem Namen alle Ehre macht und blutrot blüht.

Meistgesehen

Artboard 1