«Früher war man stolz für die BVB zu arbeiten. Heute schäme ich mich schon fast, wenn mich jemand nach meinem Job fragt», sagt ein Tramführer. «Als langjähriger Mitarbeiter blutet einem das Herz, wenn man sieht, wie die Manager alles kaputtsparen.» Er ist einer von rund einem halben Dutzend BVB-Mitarbeitern – Trämlichauffeure, Kontrolleure, Mitarbeiter der Werkstatt und ein Mitglied des Kaders – mit denen die bz mehrere Stunden lang über ihren Arbeitsalltag sprechen konnte.

Das Bild, welches die Mitarbeiter vom Unternehmen zeichnen, für welches sie grossenteils schon mehrere Jahrzehnte arbeiten, ist erschreckend. Neben der Diskussion über die umstrittene Zahlung einer Million Euro an die französischen Behörden, ist die zweite Krise, in der das öV-Unternehmen steckt, zuletzt grossenteils vergessen gegangen.

---------------------------------------------------------------------------------------------------------

Die Tramführer

«Wir sind loyal gegenüber dem Betrieb. Nur deshalb fahren die Trams und Busse noch. Aber Wertschätzung erhält man dafür keine», sagt ein Tramführer. Und sein Kollege ergänzt: «Wir fahren und fahren und als Dank macht man dir das Leben schwer.» Feedback gebe es nur in negativer Form.

Einmal monatlich erhalte jeder Mitarbeiter eine Statistik, in welcher sämtliche Fehler der vergangenen Wochen aufgelistet sind. Recherchen der bz zeigen, dass die BVB-Führung bei der Überwachung ihrer Mitarbeiter noch deutlich weitergehen wird, als diese bisher wissen. So soll zukünftig nicht nur die generelle Fahrqualität analysiert werden, sondern die BVB machen für jeden Mitarbeiter eine personalisierte Auswertung, wie pünktlich dieser auf seinem Kurs unterwegs ist. Neu kann also jeder Tramchauffeur in Echtzeit überwacht werden.

Besonders in BVB-Direktor Erich Lagler haben viele Mitarbeiter das Vertrauen verloren. «Er umgibt sich mit Ja-Sagern. Alle andern dagegen nimmt er nicht für voll.» Kritik werde nicht geduldet. Auch habe er kein Gespür für das Unternehmen. «Früher haben die Direktoren in der Umgebung gewohnt und wussten, wie die Leute ticken.

Lagler hat von den Verhältnissen keine Ahnung.» Die Einschätzungen der Mitarbeiter decken sich mit den Fakten, die bekannt sind. So zeigte der kürzliche Bericht der Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rats (GPK) zur BVB erstmals schwarz auf weiss, wie schlecht die Stimmung im Unternehmen wirklich ist: Das Arbeitsklima wurde bei einer Mitarbeiterbefragung mit gerade mal 40 von 100 möglichen Punkten bewertet. Besonders tief bewertet wurden auch die Aussagen «Die Geschäftsleitung nimmt die Anliegen und Bedürfnisse der Mitarbeitenden ernst» und «Die Geschäftsleitung kommuniziert offen und ehrlich».

Ein weiteres Indiz für die schwierige Situation sind die vielen Krankheitsabsenzen. Im Fahrdienst liegt die durchschnittliche Absenzenquote bei 28 Tagen pro Person, branchenüblich seien 13 Tage, so die GPK. Rund zehn Prozent der Fahrer würden täglich fehlen, schätzen die Mitarbeiter. Dazu kommen noch die Stellen, die nicht besetzt werden können. Mittlerweile ist die Personalknappheit derart ausgeprägt, dass sogar Kurse ausfallen, weil die offenen Dienste nicht mehr besetzt werden können.

Täglich suchen die Verantwortlichen für die Einsatzplanung händeringend nach Fahrern, um die Lücken zu stopfen. «Es gab Zeiten, da hat sich jeder im Team freiwillig gemeldet, wenn es darum ging, für einen Kollegen einzuspringen», erinnert sich ein Tramführer. «Mittlerweile werden sogar Kranke angerufen, ob sie nicht nochmals mit dem Arzt sprechen könnten.»

Umgekehrt müsse man bereits nach einem Krankheitstag zu einem Rückkehrgespräch antreten. Wenn man mehrfach ausfällt, komme dann noch eine Person vom HR dazu. «Das ist demütigend», so ein Tramführer. Mit der neu eingeführten Massnahme ginge es vor allem darum, die Leute unter Druck zu setzen, meinen die Mitarbeiter. «Viele getrauen sich gar nicht mehr, sich krank zu melden.» Dabei sei es gerade im Fahrdienst sicherheitsrelevant, dass man nur gesund zur Arbeit erscheine.

Auch die zwei Fälle von Mitarbeitern, welche die BVB bis vors Bundesgericht zog, gingen nicht spurlos an den Mitarbeitern vorbei (die bz berichtete). Der Fall eines Schlossers, dem nach einem Arbeitsunfall das Pensum reduziert wurde und die Kündigung eines Trämlichauffeurs mit psychischen Problemen sind zurzeit hängig.

Auch das neue Fahrzeitreglement, welches die BVB erlassen haben, habe die Situation nochmals verschlechtert. Es seien Leistungen gestrichen und das Dienstabtauschen etwa mit Blick auf die Fasnacht sei verkompliziert bis verunmöglicht worden. «Die Leute wissen teilweise nicht mehr, ob sie ihre eingegebenen Ferien wirklich antreten können.» Der Verdacht der Mitarbeiter: «Die Geschäftsleitung hat gar kein Interesse, die Stimmung zu verbessern. Die vielen Kündigungen schlagen sich positiv in der Rechnung nieder.» Durch die Unzufriedenheit steige die Fluktuation. «Auf gut Deutsch: Man ekelt die Leute raus.»

---------------------------------------------------------------------------------------------------------

Die Werkstatt-Mitarbeiter

Auch die Mitarbeiter der BVB-Werkstätten hadern mit den Vorgaben der Geschäftsleitung. Sie beschäftigt zurzeit vor allem das berühmt-berüchtigte Sparprogramm Avanti. 20 Prozent effizienter soll das Unternehmen werden, so das äusserst ambitionierte Ziel der Direktion. Konkret sehe das dann so aus: BVB-Direktor Erich Lagler habe zusammen mit den extra eingestellten Avanti-Coaches die Werkstatt besucht. Anschliessend seien Diagramme und Präsentationen erstellt worden, wo man künftig durchzulaufen habe und wie die Arbeitsplätze auszusehen haben.

«Die Ideen werden einfach durchgesetzt statt wie versprochen mit dem Personal zusammen entwickelt», sagt ein Betroffener. Das sei abwertend und despektierlich gegenüber den langjährigen Mitarbeitern mit viel Berufserfahrung. Bei den meisten Workshops sei schon von Anfang an klar, in welche Richtung es gehe. «Man müsste gar nicht mehr diskutieren.»
Die Vorgabe: Die Trams sollen künftig im Fliessbandprinzip gewartet werden. Dies entspricht auch dem sogenannten Lean-Management oder Kaizen-Ansatz, welchen Lagler vertritt.

Die Zeit, die für die Revision eines Trams zur Verfügung steht, wurde von 36 auf 28 Tage gekürzt. «Für solche Übungen fehlt uns aber das Personal», sagt ein Mitarbeiter. «Wir arbeiten jetzt schon am Anschlag. Wenn die Zeit nun gekürzt wird, geht das nicht ohne Einbussen bei der Qualität und der Arbeitssicherheit.» Ende Mai wurde das Konzept am neuen FCB-Combino erstmals getestet. «Man hat es auf gut deutsch einfach durchgestiert», so ein Mitarbeiter. «Unter dem Strich werden auf unserem Rücken untaugliche Konzepte durchgezogen.»

Einer der Mitarbeiter erzählt ein weiteres Beispiel: Material, welches für die Oldtimer-Trämli wichtig war, im Wert von rund 100 000 Franken sei kurzerhand im Altmetallcontainer entsorgt worden. Auf dem Papier wurde so Lagerfläche reduziert, faktische Einsparungen hat der Betrieb aber nicht. Im Gegenteil: Die Mehrkosten für die erneute Produktion seien höher als die Einsparungen, so der Mitarbeiter. Ausserdem hat der Betrieb viele Trämli-Fans enttäuscht. Und nicht zuletzt ist zu dem Thema noch eine Anfrage von SP-Grossrat Jörg Vitelli hängig.

Viele der Massnahmen seien unter dem Strich gar nicht effizienter, so die Mitarbeiter der Werkstatt unisono, «aber man braucht einen Vorwand um Leute einsparen zu können». Das Resultat: Langjährige Mitarbeiter würden zu Partnerbetrieben wechseln oder sich in die Frühpensionierung flüchten. Viele von ihnen würden nicht ersetzt. Die anfallenden Aufgaben müssten dann die Übriggebliebenen übernehmen: «So kann das nicht mehr lange weitergehen», so das Fazit der Mitarbeiter.

---------------------------------------------------------------------------------------------------------

Der Kadermitarbeiter

Frappant: Die Personalprobleme ziehen sich offenbar durch alle Stufen des öV-Unternehmens. Dies zeigen Aussagen eines langjährigen Kadermitglieds, der seine Aussagen auch mit schriftlichen Unterlagen – Auszüge aus Konzepten, internen Präsentationen, Budgetvorgaben und ähnlichem – klar belegen konnte.

Der Mitarbeiter berichtet unter anderem von einem zweitägigen Kaderworkshop vor zwei Monaten. Nach drei Jahren im Amt wollte Lagler dort endlich seine lang erwartete Unternehmensstrategie präsentieren. Stattdessen stiess der BVB-Direktor offenbar erstmals alle vor den Kopf. Er habe seinem vollständig versammelten Kader das Zertifikat unbrauchbar ausgestellt und verkündet: «Mit euch kann ich nicht zusammenarbeiten. Ihr müsst euch um 180 Grad ändern.» Bei den anschliessenden Workshops habe sich kaum jemand mehr freiwillig gemeldet. «Alle hatten die Hosen voll.» Es gebe auch eine Reihe von Versetzungen und Herabstufungen von Mitarbeitern, nachdem sich diese kritisch geäussert haben, so der Mitarbeiter. «Es wird bewusst eine Angstkultur geschaffen.»

«ZDF statt RTL» sei ein beliebter Spruch von Lagler. ZDF steht für Zahlen, Daten, Fakten – RTL für Raten, Tippen, Lügen. Und der BVB-Direktor lasse die Mitarbeiter sehr direkt spüren, dass er sie grossenteils für RTL-Anhänger hält. «Er ist ein Technokrat mit einem Grundmisstrauen allen Kaderleuten gegenüber», so der Kadermitarbeiter. Lagler sei der festen Überzeugung, dass die Mitarbeiter für die Krise des Unternehmens verantwortlich seien und deshalb umgepolt werden müssten.

Weitere Aussagen, welche das Kadermitglied auch mit Dokumenten belegt, werfen zusätzliche Fragen auf. Bisher hat der BVB-Direktor immer betont, dass die Sparmassnahmen nicht auf dem Buckel der Beschäftigten durchgeführt werden sollen. «Es wird keine Entlassungen aus Spargründen geben. Das kann ich garantieren», sagte Lagler vergangenen November im Interview mit der bz.

Interne Unterlagen aus den Workshops, aber auch Budgetvorgaben der BVB-Direktion sprechen eine andere Sprache: Dort ist klar aufgelistet, in welcher Abteilung wie viele Stellen abgebaut werden sollen. «Lagler hat einen klaren Auftrag gegeben, wo Stellen einzusparen sind. Dafür wird die Fluktuation erzwungen. Was er öffentlich sagt, ist gelogen», sagt der Mitarbeiter.

Die Vorwürfe des Kadermitglieds an die Direktion sind hart: «Mit systematischem Mobbing werden Abgänge erzwungen.» So müssen die Kadermitarbeiter jeweils am Schluss der Woche etwa einen Bericht schreiben, wie sie die neue Führungsstrategie, welche Lagler etablieren will, umgesetzt haben. Pikant: Dieser Bericht gehe zuhanden eines Arbeitspsychologen. «Aufgrund der Auswertungen wird dann entschieden, wer als Führungsperson geeignet ist. Das ist der pure Psychoterror.» Lagler degradiere so langjährige Kaderleute zu Anfängern, meint der Mitarbeiter.

Die Konsequenz: «Viele fähige Kollegen haben gekündet, wertvolles Wissen geht verloren, Projekte bleiben auf halben Weg liegen», so der Mitarbeiter. Viele gingen auch, ohne eine andere Stelle in Aussicht zu haben. «Auch ich habe innerlich bereits gekündigt.»
Auch das Sparprogramm Avanti sieht der Kadermitarbeiter äusserst kritisch: Etwa der Umstand, dass das Unternehmen für die Effizienzsteigerung extra spezielle Avanti-Coaches eingestellt hat.

Dazu kommt, dass mehrere Mitarbeiter intern zu Avanti-Coaches geschult werden und deshalb monatelang in ihrem eigentlichen Job fehlen. Weiter wurden vergangenes Jahr gemäss Aussagen von BVB-Direktor Lagler 25 Workshops durchgeführt, die je eine Woche dauerten. Rechnet man die Kosten hoch, kommt man so schnell auf einen siebenstelligen Betrag. «Gleichzeitig wird von der Geschäftsleitung ein rigider Sparkurs proklamiert.»

In der Chefetage fehle jegliches Gespür. «Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung haben keine Verbindung zum Kader und zu den untersten Hierarchiestufen. Die sind völlig abgehoben.» Dazu kommt, dass viele Mitarbeiter mittlerweile durch die neuen Anforderungen zeitlich völlig überfordert seien.

Die Aufgaben, welche die geschassten Mitarbeiter liegen gelassen haben, müssten die Übriggebliebenen übernehmen. Gleichzeitig würden immer wieder spezielle Task Forces eingerichtet, welche grossen Mehraufwand bedeuten. «Man hat immer wenige Ressourcen und immer mehr Aufgaben. Man wird psychologisch und zeitlich stark unter Druck gesetzt.»

---------------------------------------------------------------------------------------------------------

Lagler weist Vorwürfe zurück

Der BVB-Direktor bestreitet die Anschuldigungen seiner Mitarbeiter durchs Band.

BVB-Direktor Erich Lagler nahm bereits am Freitag in einem grossen Interview gegenüber der bz Stellung zum schlechten Betriebsklima und zu den vielen Krankheitstagen im Unternehmen. «Für die Entwicklung des Unternehmens ist dies normal», sagte er mit Blick auf die Stimmung. Die Krankheitstage seien in den letzten Jahren gar gesunken. Auch zu den nun geäusserten Vorwürfen der Mitarbeiter nimmt der Direktor Stellung.

Lagler wehrt sich gegen den Vorwurf der Überwachung: «Davon kann keine Rede. Um uns verbessern zu können, müssen wir zuerst wissen, auf welcher Basis wir stehen – dafür braucht es Messgrössen.» Dass ihm unterstellt wird, er würde Mitarbeiter rausekeln, kann er nicht nachvollziehen: «Das passt auf keine Weise in unsere Unternehmenskultur.»

Auch den Aussagen, dass er in der Werkstatt untaugliche Konzepte im Alleingang eingeführt und auf Kosten der Mitarbeiter durchgesetzt habe, widerspricht der BVB-Direktor: «Bei der Hauptrevision des Combinos haben wir bereits im Vorfeld der Arbeiten unzählige Vorschläge von Mitarbeitern berücksichtigt. Im Rahmen der Hauptrevision sind über 200 weitere Verbesserungsvorschläge dazugekommen.» Einzig wenn es um das Thema Sicherheit gehe, greife er sofort durch.

«Keine Kündigungen»

Auch gegen die Mobbing-Anschuldigungen der Mitarbeiter wehrt sich Lagler: «Das sind massive Vorwürfe, die ich persönlich nicht nachvollziehen kann.» Die genannten Aussagen am Kaderworkshop habe er so nicht gemacht. Und auch der Ausdruck «ZDF statt RTL» sei ihm neu. Bei den Berichten für die Psychologen handle es sich um einen Teil eines Führungstrainings.

Auch zum Personalabbau nimmt Lagler Stellung: «Kündigungen kommen für mich nicht in Frage.» Das Ziel sei, dass man die geplanten Optimierungen mit der natürlichen Fluktuation, also Pensionierungen oder vom Arbeitnehmer initiierten Abgängen, auffangen könne. Dafür gebe es eine Personalplanung, wie bei jedem Unternehmen. «Wir haben festgehalten, dass man Kosten reduziert. Aber es gibt keinen Plan für Stellenstreichungen.»