Kleinbasel

Ein Leben auf Luftsohlen – Basler hat 140 verschiedene Sneakers gesammelt

Przybillla weiss fast zu jedem seiner Schuhpaare eine Anekdote zu erzählen. Sein ältestes Paar stammt aus dem Jahr 1982, sein teuerstes – ein «Air Max» aus echtem Rosshaar – kostet 600 Franken.

Przybillla weiss fast zu jedem seiner Schuhpaare eine Anekdote zu erzählen. Sein ältestes Paar stammt aus dem Jahr 1982, sein teuerstes – ein «Air Max» aus echtem Rosshaar – kostet 600 Franken.

In seinem Kleinbasler WG-Zimmer stapelt Theo Przybilla Hunderte Paar Turnschuhe. Zu jedem Sneaker weiss der 24-Jährige eine spannende Anekdote. Doch sein Hobby ist alles andere als billig: Manchmal gibt er 600 Franken im Monat dafür aus.

«Die neuen Schuhe drücken am meisten», sagt der Volksmund zwar, doch das schreckt Theo Przybilla nicht ab. 140 Paare besitzt er und bereits sind drei weitere bestellt. Sie sind alle in seinem Zimmer in einer Kleinbasler WG fein säuberlich in Schuhschachteln gestapelt. Und obwohl die Kartons alle fast gleich aussehen, braucht Przybilla nur einen Handgriff, um das gewünschte Paar hervorzuholen. Diesen Schuh gibt’s nur 250 Mal, dieser hat ein seltenes Detail eingestickt und jener wurde von einem Designer entworfen.

Theo Przybilla sammelt Sneakers. Das sind Turnschuhe, die nicht in der Turnhalle, sondern auf der Strasse getragen werden. Ihr Name entstand in den 50er-Jahren, als die Jugend vermehrt Turnschuhe für den Alltag zweckentfremdete. Damals waren Schuhe üblicherweise mit harten – und entsprechend lauten – Ledersohlen bestückt. Mit Sneakers (zu Deutsch: Schleichern) konnte man hingegen fast geräuschlos und erst noch viel weicher gehen. «Angefangen hat alles vor fünf, sechs Jahren», sagt der 24-Jährige. «Ich kaufte ein Paar Adidas und fand sie superbequem.» Allerdings passten sie nicht zu all seinen Kleidern, deshalb kam ein Paar Nikes dazu. Und noch eins.

Inspiriert vom Centre Pompidou

Er begann, sich mit den einzelnen Modellen auseinanderzusetzen, mit ihrem Design und ihrer Geschichte. Wer hätte das gedacht, dass Sneakers, die wie kaum ein anderes Produkt für weltweit einheitliche Fabrik- und Massenware stehen, so etwas wie eine Geschichte haben können? «Doch natürlich», sagt Przybilla und nimmt ein «Air Max»-Modell aus dem Hause Nike hervor – ein geradezu ikonischer Turnschuh, den man heute in allen Farbkombinationen sieht. «Entstanden 1987, vom Pariser Centre Pompidou inspiriert», erklärt er.

Przybillla weiss fast zu jedem seiner Schuhpaare eine Anekdote zu erzählen. Sein ältestes Paar stammt aus dem Jahr 1982, sein teuerstes – ein «Air Max» aus echtem Rosshaar – kostet 600 Franken. Seit ein paar Jahren erleben Sneakers einen beispiellosen Boom. Löste der spätere Deutsche Aussenminister Joschka Fischer 1985 noch Proteste aus, als er sich in Turnschuhen im Bundesland Hessen zum Staatsminister vereidigen liess, gehören diese heute zur Grundausstattung jedes halbwegs modischen Menschen unter 40. Die einschlägigen Marken – allen voran Nike, aber auch Adidas, Asics, New Balance oder Puma – hauen alle paar Monate ein neues Design raus.

«Der Hype stört mich», kommentiert Sammler, «die Leute wissen gar nicht, was sie da an den Füssen tragen.» Es ist kein billiges Hobby, das Przybilla pflegt. Es kann schon mal vorkommen, dass er 600 Franken im Monat dafür ausgibt. Umgerechnet in Schuhe sind das zwei bis drei Paare. Das Geld reut ihn nicht. «Wenn ich weiss, dass ein paar Schuhe zu mir unterwegs ist, freue ich mich wahnsinnig. Erst recht, wenn sie dann ankommen.»

Bald will der gelernte Haustechnikplaner aber an die Fachhochschule. Wie er sich seine Leidenschaft dann finanzieren kann, weiss er noch nicht. Przybilla gehört jedenfalls nicht zu denen, die sammeln, um später das grosse Geld durch den Weiterverkauf von seltenen Paaren zu machen. «Ich sammle nur, was mir gefällt und trage all meine Schuhe», versichert er. Nur ein Paar habe er doppelt, wovon wiederum eines unangetastet in einer Schuhschachtel liege. «Deadstock», nennt man das in Fachkreisen. «In 10, 20 Jahren wird das wahrscheinlich ziemlich viel Wert sein», prognostiziert er.

Ein ganzes Leben Sneakers tragen

Einige seiner Modelle findet er im «Seven Sneaker Store» im Gundeli. Die meisten jedoch im Internet. Auf entsprechenden Websites tauscht er sich mit anderen Sammlern aus. Fotos von seltenen Modellen werden hochgeladen und kommentiert. Przybilla führt einen eigenen Sneaker-Blog. Auch seine Freundin hat er inzwischen angesteckt. Sie besitzt mittlerweile auch 20 Paare.

Przybilla schaut jeweils am Abend den Wetterbericht an. «So entscheide ich, welches Paar ich am nächsten Tag trage.» Aufbauend auf seinen Schuhen wählt er seine restliche Garderobe aus. Andere Schuhe als Sneakers besitzt er gar nicht. Warum auch? «Ich kann mir vorstellen, mein ganzes Leben Sneakers zu tragen», sagt er und schaut runter zu seinen schneeweissen Nikes.

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